Walled In – Mauern der Angst

Originaltitel: Walled In (USA 2009)
Regie: Gilles Paquet-Brenner
Drehbuch: Rodolphe Tissot, Olivier Volpi, Sylvain White u. Gilles Paquet-Brenner
Kamera: Karim Hussain
Musik: David Kristian
Darsteller: Mischa Barton (Sam Walczak), Cameron Bright (Jimmy), Deborah Kara Unger    (Mary), Noam Jenkins (Peter), Eugene Clark (Burnett), Jane Redlyon (Denise), Pascal Greggory (Malestrazza) Mark Claxton (Richard), Shannon Jardine (Maureen), Sophi Knight (Julie), Taylor Leslie (Lucy Walczak), Rob Roy (Charles Walczak), Darla Biccum (Liz Walczak) u. a.
Label u. Vertrieb: Sunfilm Entertainment (www.sunfilm.de)
Erscheinungsdatum: 03.04.2009 (Leih-DVD) bzw. 08.05.2008 (Kauf-DVD u. Blu-Ray)
EAN: 4041658222730 (Leih- u. Kauf-DVD) bzw. 4041658292733 (Blu-Ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1   anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch) u. Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min. (Blu-Ray: 92 min.)
FSK: 16

Das geschieht:

Samantha Walczak ist Spross einer Familie, die mit der Sprengung maroder Bauwerke den Lebensunterhalt verdient. An ihrem 25. Geburtstag überrascht sie der Vater – und Chef – mit dem ersten eigenen Auftrag: Sam soll den Abriss des Malestrazza-Hauses vorbereiten. Der berühmte aber exzentrische Architekt hatte es 1990 achtstöckig mit Wohnungen für 120 Mieter in einer ländlichen Einöde errichtet und war selbst dort eingezogen. Drei Jahre später wurde das Haus als Schauplatz grausamer Verbrechen berühmt und berüchtigt: Ein Serienkiller entführte mindestens 16 Mieter und begrub sie lebendig unter flüssigem Beton. Auch Malestrazza fiel ihm zum Opfer.

Fünfzehn Jahre später leben nur noch vier Mieter in dem Haus. Mary, deren Ehemann ebenfalls hier starb, ist mit ihrem Sohn Jimmy geblieben und hält das Gebäude als Hausmeisterin in Schuss. Sam zieht für die Dauer ihrer Arbeit in eines der leerstehenden Appartements ein. Die junge und psychisch instabile Frau fühlt sich bald beobachtet und belauert. Burnett  und Denise, die beiden anderen Mieter, begegnen ihr feindlich. Jimmy, der sowohl einsam ist als auch schwer pubertiert, schenkt Sam mehr Aufmerksamkeit, als ihr lieb ist.

Während sie die Bausubstanz untersucht, um neuralgische Punkte für die spätere Legung der Sprengladungen zu finden, entdeckt Sam, dass die Baupläne falsch sind. Offensichtlich hat Malestrazza eigenmächtig Veränderungen vorgenommen. Sam findet geheime Gänge und Hinweise auf eine seltsame Pyramidenkonstruktion, die das Zentrum des Gebäudes bildet.

Freilich bleibt ihr das wahre Geheimnis dieser Mauern verborgen. Das Malestrazza-Haus ist Schauplatz einer ausgeklügelten Rache, die schon 15 Jahre währt. Als Sam endlich klar sieht, steckt sie längst in einer tödlichen Falle – und dort ist sie keineswegs allein …

Haus mit Seele – Haus besessen

Das Geisterhaus als ‚Batterie‘, die durch die Emotionen seiner Bewohner aufgeladen wird, ist keineswegs eine Idee der Neuzeit. Jahrtausende vor der Entdeckung der Elektrizität war sie bereits bekannt und verbreitet; damals sorgte die unsterbliche Seele für die notwendige Energie. So ist es kein Wunder, dass man in weniger freundlichen Zeiten die Fundamente von Gebäuden mit wichtigen Funktionen durch Bauopfer ergänzte: Menschen wurden – immerhin meist schon tot aber speziell für diesen Zweck getötet – quasi unter der Türschwelle begraben. Dies sollte den Bestand des Bauwerk sicherstellen und wurde archäologisch für viele vergangene Kulturen nachgewiesen.

Joseph Malestrazza orientiert sich an entsprechenden altägyptischen Praktiken. Er ist wie alle größenwahnsinnigen Psychopathen der Filmgeschichte ein wenig konsequenter und handelt nach dem Motto „Je mehr, desto besser“. Außerdem zieht er es vor, seine Opfer lebendig einzubetonieren; das Leid des Sterbens vergrößert nach seiner Auffassung die Kraft des Opfers.

Auf der Basis seiner wahnsinnigen Theorien entstand der Hauptdarsteller dieses Films: das Malestrazza-Haus, in der Tat eine bemerkenswerte Kulisse. Obwohl es nur ein Trickgebilde ist und aus Kostengründen sogar die Innenaufnahmen in Appartements entstanden, die nur zum Teil real aufgebaut waren, wirkt es gleichermaßen irreal wie bedrohlich – eine eigentlich düstere unwirtliche, menschenfeindliche Beton-Festung, die außen wie innen auf das architektonisch Grundsätzliche reduziert wurde.

Zudem steht das Haus in einer flachen, öden Landschaft an einem kalten, unfreundlichen See – ein absurdes Projekt, das bereits optisch vom Irrsinn seines Schöpfers kündet. Diese Stimmung hat sich längst auf die verbliebenen Bewohner übertragen, die sich in dem auch ohne seine mörderische Geschichte unheimlichen Bau selbst gefangen gesetzt halten.

Brutstätte für unterdrückte Emotionen

„Walled In“ ist einer dieser Filme, an denen sich die Geister – dieses Mal die der Zuschauer – schieden. Die Mehrheit anerkannte eher widerwillig die visuell gelungene Umsetzung einer in Angst und Lüge förmlich getränkten Atmosphäre, kritisierte aber heftig die inkohärente Story sowie die Schauspielerleistungen; vor allem Mischa Barton („überfordert“) und Noam Jenkins („hölzern“) bekamen ihr Fett weg.

Die harsche Ablehnung verwundert, denn bei unvoreingenommener Betrachtung funktioniert „Walled In“ trotz verschiedener Mängel ausgezeichnet. Dies gilt vor allem, wenn man diesen Film mit den meisten anderen Streifen vergleicht, die zeitgleich in die Videotheken kommen und dort in die Regal-Abteilung „Horror & Mystery“ einsortiert werden. Auf die Kinoleinwand hat es „Walled In“ nicht geschafft; der Film ist eine „direct-to-dvd-“ bzw. „-blu-ray“-Produktion; schade, denn dies ist erkennbar ein durchaus ambitioniertes Projekt, in das nur 8 Mio. Dollar aber umso mehr Einfälle investiert wurden.

Gilles Paquet-Brenner, dessen erste US-Produktion „Walled In“ ist, brachte die Story aus seiner europäischen Heimat mit. Der Unterhaltungs-Schriftsteller Serge Brussolo, den der Buchmarkt gern den „französischen Stephen King“ nennt, hatte den Roman „Les Emmurés“ bereits 1990 veröffentlicht. Mit drei weiteren Autoren verfasste Paquet-Brenner das Drehbuch. Was meist nach dem alten Sprichwort „Viele Köche verderben den Brei“ chaotisch endet, führte hier zu einem erfreulichen Ergebnis: „Walled In“ vereint die Elemente von Horror, Krimi und Drama zu einem harmonischen Ganzen, ein Genre-Mix, der als solcher von den Kritikern (und – s. o. – zahlreichen Zuschauern) abgelehnt wurde.

Der Mensch benötigt keine Gespenster

Aber „Walled In“ ist kein Hochgeschwindigkeits-Splatter-Horror und will es niemals sein. Der Schrecken ist menschengemacht. Was in den Mauern des Malestrazzo-Hauses umgeht, ist furchterregend real. Wahnsinn, Trauer, Rache, Resignation, Einsamkeit und pubertäre Verwirrung ergeben ein wahrhaft höllisches Gebräu, das auch ohne übernatürliches Wirken giftig genug ist.

Was das im Detail bedeutet, soll hier natürlich nicht verraten werden. Dies wäre nicht nur gemein, sondern auch schade, denn es ist ungemein spannend zu verfolgen, wie Paquet-Brenner die genannten Elemente in einer grimmigen Geschichte verzahnt, mit deren Verlauf so nicht zu rechnen war. ‚Gut‘ und ‚Böse‘ wechseln ständig die Rollen, die einzige Konstante ist die arme Sam, die allerdings den Einflüsterungen des Hauses ein wenig zu offene Ohren schenkt.

Was zur hauptsächlichen Kritik an diesem Film überleitet: Sams latente psychische Schwäche ist sowohl überflüssig für die Handlung als auch ein billiger Trick, der zur Inszenierung einiger konventioneller und hier kontraproduktiver Horror-Szenen führt. Aus der Wand greifende Geisterarme können nie mit dem Grauen mithalten, das ein Mensch verspürt, der in einer winzigen Kammer gefangen ist, die sich langsam mit flüssigem Beton füllt.

Gesichter für den Schrecken

Wie schon erwähnt entstand „Walled In“ als Low-Budget-Produktion. Gedreht wurde nicht in Hollywood, sondern kostengünstig nahe Regina, Hauptstadt der kanadischen Provinz Saskatchewan. (Genrestimmig bricht hier immerhin der „Sasquatch“ – in den USA „Bigfoot“ genannt – durch die Wälder.) Nicht Stars, sondern Nachwuchs-Prominenz und echte Schauspieler versammelte Paquet-Brenner vor der Kamera. Mischa Barton ist spätestens als Hauptdarstellerin der TV-Serie „O. C., California“ (2003-2007) lange Drehtage und schnelles Arbeiten gewöhnt. Sie setzt keine Glanzlichter, leistet aber solide Arbeit in ihrer etwas unglücklich gezeichneten Rolle.

Im Film ist es ungewöhnlich, dass Teenager von noch minderjährigen Darsteller gespielt werden. Meist sind es angewelkte Mittzwanziger, die uns wenig erfolgreich Jugendlichkeit vorgaukeln wollen. Cameron Bright, Jahrgang 1993, zeigt, wieso dies vergebliche Liebesmüh ist: Er ist nicht nur ein guter Schauspieler, sondern tatsächlich ein Teenager, und diese Mischung ist schlicht überzeugend.

Wieder einmal unterfordert aber wie üblich großartig ist Deborah Kara Unger, der nie der Durchbruch zu dem Starruhm gelang, den sie verdient hätte. Als emotional verkümmerte Mary erregt sie Mitleid, Misstrauen und Furcht – eine Mutter, die nicht nur ein wenig zu besorgt um ihren geliebten Sohn ist, sondern auch ungeahnte seelische Abgründe offenbart.

Nicht nur Regisseur Paquet-Brenner findet im Interview lobende Worte für Kameramann Karim Hussain. Dieser holt alles aus den manchmal nur angedeuteten Kulissen heraus. Mit Licht und vor allem Schatten gelingen ihm erstaunliche Effekte. In einem scheinbar völlig dunklen Raum vermag er Bewegungen zu vermitteln. Leider ermöglicht das verquaste Making-of (s. u.) nur rudimentäre Einblicke in seine ideenreiche Arbeit.

Zumindest dieser Rezensent kommt zu einem positiven Fazit. Selbstverständlich weist die Geschichte von „Walled In“ die üblichen Logiklöcher auf. Sie fallen dem Zuschauer allerdings in der Regel nicht auf, während der Film noch läuft, was keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist … Dank „Walled In“ kann festgestellt werden, dass Action und Ekel nicht die (alleinigen) Triebfedern des modernen Horrorfilms sind – glücklicherweise!

DVD-Features

Kärglich in Zahl und Qualität sind die ‚Extras‘, die den Hauptfilm ergänzen. Es gibt einen deutschen und einen US-amerikanischen Trailer sowie ein Making-of, das leider nur plumpe Film-Promotion bietet und die interviewten Darsteller und Crewmitglieder zu gegenseitigen Lobeshymnen zwingt. Informationen sind in diesem Gemisch aus Geschwätz und aus dem Zusammenhang gerissenen Filmbildern kaum enthalten: Zeitvergeudung!

Ehrlicher ist da die Website zum Film, die aus ihrer Funktion als Werbeinstrument keinen Hehl macht:
http://walledinthemovie.com

[md]

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