We Are Still Here – Haus des Grauens

Originaltitel: We Are Still Here (USA 2015)
Regie u. Drehbuch: Ted Geoghegan
Kamera: Karim Hussain
Schnitt: Aaron Crozier u. Josh Ethier
Musik: Wojciech Golczewski
Darsteller: Barbara Crampton (Anne Sacchetti), Andrew Sensenig (Paul Sacchetti), Larry Fessenden (Jacob Lewis), Lisa Marie (May Lewis), Monte Markham (Dave McCabe), Susan Gibney (Maddie), Michael Patrick (Harry Lewis), Kelsea Dakota (Daniella), Guy Gane III (Lassander Dagmar), Elissa Dowling (Eloise Dagmar), Zorah Burress (Fiona Dagmar), Marvin Patterson (Joe), Connie Neer (Cat McCabe) u. a.
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 07.01.2016
EAN: 4041658120999 (DVD)/4041658190992 (Blu-ray)/4041658170994 (3D-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch) Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch), Dolby Digital 2.0 (Deutsch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 80 min. (Blu-ray: 83 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Vor drei Monaten starb Bobby, einziger Sohn von Anne und Paul Sacchetti, bei einem Autounfall. Die trauernden Eltern suchen den Neuanfang außerhalb der Stadt und kaufen ein altes Haus in Aylesbury, einem Nest irgendwo in einem der neuenglischen US-Staaten. Als sie es beziehen, ist der Winter bereits eingebrochen, was die Einsamkeit des neuen Heims unterstreicht.

Die Bürger von Aylesbury sind wenig gastfreundlich. Nachbar Dave McCabe erläutert den Grund: Die Sacchettis sind in das örtliche Spukhaus gezogen. 1859 wurde es für den Bestatter Lassander Dagmar und seine Familie errichtet, Sie wurden aus Aylesbury vertrieben, als sich herausstellte, dass Lassander einen schwunghaften Leichenhandel betrieb.

In der Tat ist es nicht geheuer im Dagmar-Haus. Im Keller herrscht eine höllische Hitze, die sich nicht abstellen lässt, und des Nachts schleichen schattenhafte Gestalten durch die Räume. Anne vermutet die Präsenz ihres Sohnes und will Gewissheit. Sie lädt die alten Freunde Jacob und May Lewis ein. Sie verstehen sich als Alt-Hippies u. a. auf die Kunst der Geisterbeschwörung. Doch es sind der ebenfalls eingeladene Harry – Sohn von Jacob und May – und seine Freundin Daniella, die erfahren, was tatsächlich im Dagmar-Haus vor- bzw. umgeht: Lassander und seine Familie haben ihr Heim nie verlassen. Sie wurden von den guten Bürgern aus Aylesbury als Menschenopfer dargebracht, als während des Hausbaus eine uralte, böse Macht zu Tage kam und geweckt wurde. Alle dreißig Jahre rührt sie sich erneut und verlangt frisches Blut, das ihr die Bürger – nun unter Leitung von Dave McCabe – zukommen lassen, indem sie Pechvögeln das Dagmar-Haus vermieten.

Die tatsächlich übernatürlich begabte May merkt schnell, dass nicht der harmlose Bobby durch das Haus geistert, sondern die untote und finster gestimmte Dagmar-Familie. Sie stehen im Dienst der bösen Macht und vollstrecken deren Todesurteile. Aktuell stehen die Sacchettis und die Lewis‘ auf der Liste …

Die gute, alte, schmuddelige Zeit

„Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kehren die Toten auf die Erde zurück“: Was einst als Untertitel George A. Romeros Zombie-Klassiker „Dawn of the Dead“ (dt. „Zombie“) umschrieb, hat im Genre Horrorfilm eine damals ungeahnte Zweitbedeutung gewonnen. Offenbar ist in den Hirnen moderner Drehbuchautoren eine kollektive Ideenleere ausgebrochen. Sie wird begleitet vom zeitlosen Unwillen notorisch risikoscheuer Produzenten, Geld für Filme auszugeben, die nur erfolgreich sein KÖNNTEN. Am liebsten sind ihnen Stoffe, die seine Kassentauglichkeit bereits bewiesen haben und simpel neu bebildert werden können.

Jenseits derjenigen Autoren und Regisseure, die sich ohne Skrupel daran machen, Erfolge der Vergangenheit mehr oder weniger 1 : 1 aufleben zu lassen – wer erinnert sich nicht voller Schaudern aber ohne Freunde an Machwerke wie „Freitag der Dreizehnte“ (2009),  „A Nightmare on Elm Street“ (2010) oder „Poltergeist“ (2015) – gibt es Filmschaffende, die ehrgeiziger aber nicht zwangsläufig talentierter die Vergangenheit ehren möchten. Sie orientieren sich an oft obskuren Streifen, denen viele Jahre einen Überzug nostalgischer Verehrung verschafft haben. Sie basiert auf Erinnerungen und Emotionen, die nicht unbedingt auf den einzelnen Film zielen. Vor allem der Horror, der im Teenageralter für Eindruck und Vergnügen sorgte, bleibt unabhängig der tatsächlichen Qualität im Gedächtnis.

Das italienische „Exploitation“-Kino der 1960er und 1970er Jahre ist an und für sich nur bedingt eine Fundgrube für bekömmliche Filmkost. Gedreht wurde damals mit dem schielenden Blick auf den Unterleib und die Geldbörse des Publikums: Was immer den Griff um die Münze lockerte, wurde eingesetzt. In der Regel waren dies blanke Gewalt und ebensolche Frauenbrüste. Dass dadurch Tugendwächter und -bolde auf den Plan gerufen wurde, sorgte für willkommene und kostenlose Zusatz-Werbung: Junge Menschen lieben, was ihnen explizit verboten wird.

Diesmal nicht an der Friedhofsmauer

Zu den damals aktiven Kurbelmeistern, deren Namen den Bewahrern abendländischer Werte weiterhin den Schaum vor die Mäuler treiben, gehörte Lucio Fulci (1927-1996). Er trieb es in der großen Zeit des „Exploitation“-Films wüst und schuf Zensoren-Albträume wie „Zombi 2“ (auch „Zombie Flesh Eaters“, 1979; dt. „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“), „Paura nella città dei morti viventi“ (1980; dt. „Ein Zombie hing am Glockenseil“) oder „Lo squartatore di New York“ (1982; dt. „Der New York Ripper“). 1981 drehte Fulci den ebenfalls blutigen aber stimmungsvollen „Quella villa accanto al cimitiero“ (dt. „Das Haus an der Friedhofsmauer“). Hierzulande bis September 2014 (!) indiziert, fand dieser Film weltweit Bewunderer und Epigonen.

Zu ihnen gesellt sich nunmehr der 1979 im US-Staat Oregon geborene Regisseur und Autor Ted Geoghegan mit seinem Spielfilmdebüt. Anders als Kollege Ti West, der bereits 2009 mit „The House of the Devil“ eine Hommage an den Italo-Horror versuchte, beschränkt sich Geoghegan nicht ausschließlich auf die Inszenierung einer Stimmung zwischen ‚Realität‘ und Halluzination, sondern gibt vor allem in der zweiten Filmhälfte dem härteren Horror den Vorzug. Vorgeschwebt hat ihm sicherlich ein optisch betörendes und inhaltlich schockierendes Werk. Herausgekommen ist weder das eine noch das andere, sondern bestenfalls ein Treffen ungefähr auf der Mitte.

Positiv ist die Wahl des Schauplatzes. Gedreht wurde im echten Winter des Jahres 2014 in und nahe Shortsville, einer kaum 1500 Seelen zählenden Ortschaft im Nordwesten des US-Staates New York. Auch bei Sonnenschein wirkt dieser Landstrich um diese Jahreszeit einsam und trostlos, was die Isolation des Dagmar-Hauses betont. Das Haus selbst ist oberflächlich gemütlich aber bei näherer Betrachtung vor allem alt, verwinkelt und – weil aus Holz gezimmert – geräuschintensiv.

Sprung zurück in die Zeit

Dass sich nicht nur die Sacchettis, sondern auch die Zuschauer nicht heimisch im Dagmar-Haus fühlen, liegt darüber hinaus daran, dass Geoghegan seine Geschichte in das Jahr 1979 zurückverlegt. Einen triftigen Grund dafür gibt es nicht. Auch im 21. Jahrhundert würde sie funktionieren. Offenbar möchte Geoghegan seinem Vorbild Fulci besondere Referenz erweisen. Ins Geld ging dies nicht, weil sich die Beschaffung von Retro-Inventar auf drei Automobile, Möbelstücke und einige Kleidung beschränkte. Weil der Retro-Stil ausschließlich Selbstzweck bleibt, kann er der Geschichte nichts bieten. Er irritiert, und bald gerät er in Vergessenheit. Dem Spuk ist es ohnehin einerlei, welches Jahr wir schreiben. Wird er entfesselt, kommt es zu hässlichen Todesfällen, die jederzeit für Schrecken sorgen dürften.

In diesem Punkt dreht Geoghegan wie bereits angemerkt tüchtig auf. Als „Ghost Story“ lässt sich „We Are Still Here“ nur in den ersten zwanzig Minuten bezeichnen. Im Dagmar-Haus wird handgreiflich gespukt! Die Geister geben sich wenig Mühe, im Hintergrund zu bleiben. Rasch treiben sie sogar bei Tageslicht ihr Unwesen. Wer ihnen in die glosenden Klauen fällt, geht entweder in Flammen auf oder zerplatzt in einer meterweit spritzenden Kaskade aus Blut und Eingeweiden. Als die Dörfler das Haus besetzen, um dem Menschenopfer nachzuhelfen, lassen sich entsprechende Effekte gleich in Serie bewundern. Sie sind handgemacht und belegen, dass sich die Zeiten geändert haben: In Deutschland wurde „We Are Still Here“ problemlos ab 16 Jahren freigegeben, obwohl es in Sachen Mord & Todschlag durchaus drastisch zugeht.

Die Story ist unnötig kompliziert, nur bedingt spannend und bleibt ohne überzeugende Auflösung. Nie zufriedenstellend wird geklärt, wieso von den vielen Opfern, die das Haus seit 1859 gefordert hat, ausgerechnet die Dagmars dort umgehen. Gibt es so etwas wie ein Primärspuk-Privileg? Oder meint es Geoghegan  ernst, als er Lassander als Sturkopf darstellt, der auch nach seinem Tod aus Prinzip nicht ausziehen will? (Als er Daniella meuchelt, setzt er sich allerdings problemlos zu ihr ins Auto und fährt eine ganze Weile mit, bevor er ihr den Arm durch den Leib rammt.) Und dass man das Haus ausgerechnet dort errichtete, wo unter der Erde ein Lovecraft-ähnliches Grauen hauste, ist des Zufalls ein wenig zu viel! (Ganz abgesehen von einer nicht nur in diesem Film auftauchenden Frage: Wieso ziehen Stadtmenschen – hier die Sacchettis – erstens ausgerechnet an den öden Arsch der Welt und zweitens unter fremdenfeindliche Hinterwäldler, wenn sie „neu anfangen“ wollen?)

Veteranen unter sich

Ein dicker Pluspunkt gebührt Geoghegan für die Entscheidung, nicht wochenendgeile Dumm-Teenies im Dagmar-Haus zu versammeln, sondern zwei Ehepaare schon mittleren Alters ins Zentrum der Ereignisse zu stellen. Außerdem konnte Geoghegan ein wirklich interessantes Ensemble zusammentrommeln. Als Anne Sacchetti agiert Barbara Crampton, die selbst eine Vergangenheit im klassisch-rabiaten Horrorfilm besitzt und u. a. in „Re-Animator“ (1985; dt. „Der Re-Animator“), „From Beyond“ (1986; dt. „From Beyond – Alien des Grauens“) oder „Castle Freak“ (1995) Hauptrollen spielte. Der unvergleichliche Larry Fessenden – wer ihn einmal gesehen hat, wird ihn nicht mehr vergessen – gibt einmal mehr den eigentlich netten aber peinlichen Sonderling.

Eine nach zehnjähriger Pause ins Kino zurückgekehrte Lisa Marie – einst Lebensgefährtin und Muse von Tim Burton und in dessen Klassikern „Ed Wood“, „Mars Attacks!“, „Sleepy Hollow“ und „Planet der Affen“ besetzt – wirkt (erschreckend) normal als recht bodenständige Hippie-Braut. Andrew Sensenig legt es offenbar darauf an, Non-Stop-Darsteller wie Danny Trejo oder Eric Roberts in den Schatten zu stellen: Seit zehn Jahren gibt es kaum einen Film oder eine TV-Episode ohne ihn, der freilich typische Nebenrollen besetzt und kaum im Gedächtnis haftet. Seit fünf Jahrzehnten ebenfalls zum Inventar der US-Filmwelt gehört Monte Markham, der folglich keine Schwierigkeiten hat, den heimtückisch freundlichen Mr. McCabe zu mimen.

Kameramann Karim Hussain weiß sowohl innen als auch außen für gruselige Bilder zu sorgen. Wojciech Golczewski steuert einen Score bei, der vor allem deshalb angenehm im Gedächtnis bleibt, weil man sich nach dem Film bei besten Willen nicht an ihn erinnern kann; er hat sich also nicht aufdringlich in den Vordergrund geschoben oder anderweitig gestört. Schließlich fügen sich die einzelnen Elemente zwar nicht zu einem wirklich guten = gruseligen aber immerhin zu einem unterhaltsamen Film.

DVD-Features

Während der kaum siebenminütige Blick „Behind the Scenes“ nicht unbedingt erhellend wirkt, freut sich der hintergrundinfointeressierte Zuschauer über einen Audiokommentar des Regisseurs und des Produzenten Travis Stevens.

Untertitel gibt es nicht, und die Synchronsprecher gehören nicht zur ersten Garnitur ihrer Zunft. Immerhin wissen sie, was sie tun. Ton und Bild sind ansonsten sowohl in den hellen – Schnee unter strahlender Wintersonne – als auch in den dunklen Szenen (Nacht & Keller) erfreulich sichtklar.

Film auf Facebook

Kurzinfo für Ungeduldige: Das neue Heim der Sacchettis wird nicht nur von mordlüsternen Geistern bewohnt: Darunter lauert eine noch üblere Macht, und die Dorfbewohner sind nur scheinbar freundlich … – Gruselgeschichte im Retro-Style, der deutlich besser gelang als die ebenfalls aufgewärmte Story; rabiates Horror-Getümmel und eine interessante, ihr Handwerk beherrschende Schauspielerriege sorgen für Ausgleich: Durchschnitt.

[md]

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