Werwolf – Das Grauen lebt unter uns

Originaltitel: Werewolf – The Beast Among Us (USA 2011)
Regie: Louis Morneau
Drehbuch: Michael Tabb, Catherine Cyran u. Louis Morneau (nach einer Story von Michael Tabb)
Kamera: Philip Robertson
Schnitt: Mike Jackson
Musik: Michael Wandmacher
Darsteller: Ed Quinn (Charles), Guy Wilson (Daniel), Adam Croasdell (Stefan), Steven Bauer (Hyde), Ana Ularu (Kazia), Nia Peeples (Vadoma), Rachel DiPillo (Eva), Stephen Rea (Doktor), Emil Hostina (Jäger), Zoltan Butuc (Ferka) uva.
Label/Vertrieb: Universal Pictures Deutschland
Erscheinungsdatum: 25.10.2012
EAN: 5050582916744 (DVD)/5050582916768 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Italienisch, Russisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Italienisch, Russisch, Türkisch, Bulgarisch, Griechisch, Estnisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 90 min. (Blu-ray: 93 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Dravicu ist ein Dörflein irgendwo in den rumänischen Karpaten. Die nächste Stadt ist weit entfernt, was in dieser Zeit – der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – identisch mit der Abwesenheit von Aufklärung und Bildung. Stattdessen herrschen Aberglaube und Angst, für die es heuer einen guten Grund gibt: Dravicu wird von einem Werwolf terrorisiert. Die riesige Bestie hält sich nicht an die überlieferte Vorschrift, die ihr eigentlich gebietet, nur in Vollmondnächten aufzutauchen.

Zahlreiche Pechvögel hat der Werwolf bereits in Stücke gerissen. In ihrer Not loben die Dorfbewohner eine hohe Belohnung für denjenigen aus, der die Bestie zur Strecke bringt. Das ruft den Jäger Charles auf den Plan. Seit ein Werwolf seine Eltern tötete, ist er diesen Kreaturen unerbittlich auf der Spur. Um sich hat Charles einige Spezialisten versammelt: Stefan ist ein Meister des Messerwurfes, Hyde ein Meisterschütze und die schöne Kazia ein As am Flammenwerfer.

In Dravicu erwartet Daniel ungeduldig die Jäger. Der junge Mann soll Arzt werden, will aber dabei helfen, das Dorf zu verteidigen. Seine Mutter Vadoma, die örtliche Bordellchefin, und Eva, die hübsche Tochter eines örtlichen Edelmanns, versuchen ihn ebenso davon abzuhalten wie Daniels Mentor, der Dorfarzt. Auch Charles weist den Anfänger zunächst zurück, lässt sich dann aber von seiner Hartnäckigkeit erweichen.

Die Monsterfänger stellen Fallen auf und legen Köder aus. In der Tat erscheint die Bestie auf der Bildfläche. Doch die unerwünschte Konkurrenz weiterer Jäger macht den Hinterhalt zunichte. Nun ist der Werwolf gewarnt. Er zieht sich in eine Burgruine nahe Dravicu zurück. Dort stellen Charles und seine Leute die Bestie. Ein heftiger Kampf entbrennt, doch abermals entkommt der Werwolf. In menschlicher Gestalt taucht er in Dravicu unter. Misstrauen macht sich breit: Jeder Mitbürger könnte die Bestie sein. Auch Frauen kommen durchaus in Frage. Es dauert nicht lange, bis die Panik fatale Fehlentscheidungen heraufbeschwört, die dem Werwolf die Mordarbeit erleichtern …

Schon wieder Trash-Horror?

Obwohl vermutlich mehr Horrorfilme denn je gedreht werden, wird es immer schwieriger, in dem Angebot die wenigen Streifen zu finden, die eine Sichtung wirklich lohnen. Manchmal tarnen sich diese Kandidaten so gründlich, dass selbst der fachkundige Zuschauer Zeit benötigt, hinter die irritierenden Werbe-Kulissen zu blicken. Für „Werwolf – Das Grauen lebt unter uns“ bildet eigentlich bereits das Cover einen intensiven Ausschlussfaktor. Text und Bild deuten inhaltlich einen unerhörten Mumpitz an, der auch formal wenig Gutes verheißt, wurde dieser Film doch in Rumänien gedreht: Dorthin zieht es Filmemacher mit schlaffer Produktionsbörse, da sich im wilden Südosten Europas größere Schauwerte aus jedem Dollar quetschen lassen.

Zunächst sieht es in der Tat nicht gut aus: Obwohl „Werwolf“ in Rumänien spielt, hätte dieser Film auch in jedem beliebigen Mischwald der gemäßigten Klimazone entstehen können. Die Hauptrollen wurden gänzlich mit Mimen besetzt, die nicht einmal im Halbdunkel osteuropäisch aussehen; ‚echte‘ Rumänen findet man nur unter den Statisten. Dravicu erinnert fatal an jenen Weiler, in dem schon das Frankenstein- Monster 1931, 1934 und 1939 sein Unwesen trieb und von einem Dorf-Mob mit Fackel und Mistgabeln gejagt wurde.

Doch die Kulisse ist immerhin gewaltig, und sie wird sogar noch in den Schatten gestellt: Die erwähnte Burgruine ist eindrucksvoll und sichtlich echt. Realiter gehört sie zur transsilvanischen Festung Deva, die um die Mitte des 13. Jahrhunderts in den gebirgigen Westkarpaten errichtet wurde. Inzwischen ist sie verfallen und bietet den idealen Schauplatz für einen Gruselfilm.

Die Magie der puren Handlung

Schnell vergisst der Zuschauer, dass die rumänischen Echt-Kulissen von lauter Landesfremden bevölkert werden. Die daraus resultierende Künstlichkeit trägt sogar zum Zauber eines Filmes bei, der sich keinen Deut um Realismus schert, ohne dabei die Handlungslogik (allzu sehr) zu vernachlässigen. Diese Geschichte spielt in einer pseudohistorischen Parallelwelt, was nicht nur die ständigen Anachronismen – zum Waffenarsenal der Monsterjäger gehören u. a. Flammenwerfer und ein Maschinengewehr -, sondern auch Logikbrüche entschuldigt: Sie fügen sich zu einer Handlung, die mit erheblicher Energie vorangetrieben wird.

„Werwolf“ ist ein B-Movie par excellence: Die Geschichte verläuft geradlinig, Abschweifungen gibt es nicht. Das Tempo ist hoch, Action steht über Darstellungskunst, zumal die Figuren vor allem Archetypen sind. Jedes Element des Geschehens ist bekannt, aber die pure Spielfreude vor und hinter der Kamera sorgt dennoch für die Erfüllung des Primärziels: die Unterhaltung des Publikums um jeden Preis, wobei kein Trick ausgelassen wird.

So wird „Werwolf“, der gerade 5 Mio. Dollar kostete, jener Film, der „Van Helsing“ (2004) oder „The Wolfman“ (2010) gern geworden wäre. Wieder einmal zeigt sich, dass die Höhe des Budgets nicht entscheidet, ob ein Film Spaß bereitet. Deshalb stört es wenig, dass dem Werwolf seine CGI-Herkunft recht deutlich anzusehen ist. Wichtiger ist, dass Regisseur Louis Morneau die Fäden bemerkenswert straff in der Hand hält. Tote Winkel gibt es nicht. Selbst das obligatorische Liebesgeflüster zwischen Daniel und Eva hat seinen festen Platz in der Handlung. Als Bonus gibt es mehr als einen Finaltwist.

Wer ist gefährlicher: der Werwolf oder der Dörfler?

Wie es sich gehört, hält Morneau seine Bestie so lange wie möglich zurück. Es ist ein gutes Zeichen, dass sie der Zuschauer nicht vermisst: Der Regisseur schildert Dravicu höchst unterhaltsam als Schlangennest. Aus Leibeskräften wird intrigiert, getäuscht und gelogen. Die Angst reagiert und wird durch Dummheit geschärft. Im Grunde könnte der Werwolf in seinem Schlupfwinkel abwarten, bis die Dorfbewohner sich gegenseitig ausgetilgt haben. Sie durchkreuzen kluge Pläne, und denken sie sich selbst etwas aus, produzieren sie nach endlosen Streitereien ausschließlich Unfug, der tödlich auf sie selbst zurückfällt.

Dass in diesem dumpfen Haufen ein helles Köpfchen wie Daniel existiert, ist ein echtes Wunder, das freilich im Finale eine sehr spezielle Erklärung erfährt. Guy Wilson spielt den typischen Jüngling auf der Schwelle zum jungen Helden überzeugend und nach bekannten „Coming-of-Age“-Vorgaben. Wie es sich gehört, gibt es junge und hübsche Frau – hier zusätzlich Eva geheißen -, die umworben und später gerettet werden muss. Doch auch hier hat sich das Drehbuch-Trio etwas einfallen lassen, um die typischen Routinen gegen den Strich zu bürsten.

Zunächst hält der Zuschauer Charles für die zentrale Hauptrolle, denn mit seiner Geschichte setzt das Geschehen 25 Jahre vor den Ereignissen in Dravicu ein. Später wechselt Charles in die Rolle des älteren, quasi ersatzväterlichen Freundes, der Schützenhilfe dabei leistet, das Leben des gebeutelten Daniel auf Heldenkurs zu bringen. Um sich herum hat Charles eine kleine aber pittoreske Truppe versammelt. Da haben wir den großmäuligen aber mutigen Hyde, den Steven Bauer – verunziert durch einen schauerlichen Backenbart – schwungvoll zum Besten gibt. Einer der vielen gelungenen Gags zeigt ihn auf seinem Pferd: Ein Werwolf hat diesem die beiden Hinterbeine abgerissen, weshalb ihm Hyde eine Art Rollstuhl gebastelt hat, mit dem es sich nun fortbewegt.

Der elegante, wortgewandte Stefan wirkt wie ein verarmter Adeliger. Adam Croasdell spielt ihn mit jener Zweideutigkeit, die unauffällig aber geschickt eine der finalen Wendungen andeutet, die deshalb zwar überrascht aber nachträglich einleuchtet. Das weibliche Element unserer Söldner stellt die (ausnahmsweise tatsächlich in Rumänien geborene aber längst in Hollywood angekommene) Ana Ularu dar, eine außerordentlich schöne Frau, die in ihrer Rolle nicht nur der Bestie einheizt, sondern auch manchem betrunkenen Grapsch-Strolch eine schmerzhafte Lektion erteilt.

Gold vergeht, Leder besteht

Louis Morneau castete für seinen Film keine großen Namen. Viele Gesichter dürfte der Zuschauer trotzdem wiedererkennen: Schauspieler wie Stephen Rea, Nia Peeples, Ed Quinn oder Steven Bauer sind vielbeschäftigte (Neben-) Darsteller in Kinofilmen und Fernseh-Serien. Sie verstehen ihren Job, liefern zügig, was die Rolle fordert, und sind deshalb die richtige Wahl, wenn aufgrund eines engen Budgetrahmens gedreht werden muss.

Nicht gespart wurde an blutigen Effekten. Man muss staunen, dass „Werwolf“ hierzulande ab 16 Jahren freigegeben wurde, wenn man sieht, wie die Kamera immer wieder über grausig zugerichtete, zerstückelte und gut ausgeleuchtete Leichen schwenkt. Eine erinnerungswürdige Szene zeigt Daniel im Schauhaus, wo er Opfer zerlegt und ausweidet, um Köder für die Werwolf-Jagd zu gewinnen. Sogar zwei Schädel zerplatzen in Großaufnahme! Offensichtlich ist selbst den FSK-Schergen aufgefallen, dass hier eine gänzlich realitätsfreie Geschichte erzählt wird, deren Nachahmungsgefahr sich in Grenzen hält.

Echte Schwächen leistet sich „Werwolf“ ausgerechnet in der Präsentation der Titel-Bestie. Die ist durchaus nicht ausschließlich digitaler Herkunft, auch gute, altmodische Animatronic kam zum Einsatz. In manchen Szenen besitzt die Bestie deshalb einen mechanischen Kern: Unter dem Fell arbeiten künstliche Muskeln. Darsteller schätzen solche lebensgroßen Modelle, weil es ihnen ermöglicht, mit dem Monster direkt zu interagieren, statt vor einer leeren, grünen Wand zu mimen. Doch wenn der Werwolf rennt und springt, ist er ein CGI-Geschöpf, und daran gibt es nicht den geringsten Zweifel.

Das ist freilich eine lässliche Sünde. Nichtsdestotrotz hat „Werwolf“ weder das Wohlwollen der Filmkritik noch des Publikums gefunden. Dabei gibt es – zumal in dieser Preisklasse – nicht allzu viele Streifen, die eine vielleicht alte aber immer noch gute Geschichte erzählen, diese auch optisch wirkungsvoll sowie mit einem Augenzwinkern in Szene setzen, das nicht zu plumpem Klamauk gerinnt. Womit sich der Kreis zur Einleitung dieses Textes schließt, der deshalb hiermit zu seinem Ende kommt.

DVD-Features

Hinter vielversprechenden Titeln („Unveröffentlichte Szenen“, „Das Monster entsteht“, „Verwandlung: Vom Menschen zur Bestie“, „Das Vermächtnis des Monsters“) verbergen sich leider nur minutenkurze, meist wenig aussagekräftige Info-Schnipsel. Allein der Werwolf erfährt zwischen Konzept und Umsetzung ein wenig mehr Aufmerksamkeit; ohne Antwort bleibt jedoch die Frage, wieso er trotz des Gripses und des Schweißes, die in seine Schöpfung investiert wurden, so kümmerlich geraten ist.

Kurzinfo für Ungeduldige: In einem rumänischen Dorf des 19. Jahrhunderts treibt ein Werwolf sein Unwesen. Professionelle Monsterjäger rücken an, denen sich ein eifriger aber unerfahrener Jüngling anschließen will; ihn erwartet viele, viele Leichen später eine unerfreuliche Überraschung … – Dieses B-Movie will nichts als unterhalten und ist sehr erfolgreich damit; die Kulissen sind großzügig, die Darsteller spielen gut, und an Blut & Gedärmen wird nie gespart: macht richtig Spaß und ist sogar spannend.

[md]

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