Im englischen Yorkshire entpuppt sich das neue Heim der Maynards als Geisterhaus, in dem es nicht nur lautstark, sondern auch handgreiflich umgeht, wobei der Spuk erstaunlich öffentlichkeitsfreundlich ist und gern zur Horror-Show einlädt … – Kuriose Mischung aus Spielfilm und „Mockumentary“, die eine ohnehin krude Story denkbar holprig und unter offenbar absichtlichen Verzicht auf einen Spannungsbogen oder überzeugende Figurenzeichnungen erzählt: eher unfreiwillig erheiternd als gruselig.

Das geschieht:

Die Ölkrise hat im Jahre 1974 auch Len Maynard den Job gekostet. Eine neue Chance bietet sich der Familie, zu der Gattin Jenny und die 13-jährige Tochter Sally gehören, im ländlichen Yorkshire. Im Städtchen Pontefract eröffnet Jenny mit Schwester Carol einen Friseursalon, während Len nach Arbeit sucht. Das Geld ist knapp, die Eltern streiten, und Sally hasst das neue Haus, in dem sie sich von einer unsichtbaren Präsenz belauert fühlt.

Bald wird der Spuk handfester. Hatte er sich zunächst auf Sally konzentriert (und dadurch den Zorn der Eltern auf die pubertierend widerspenstige Tochter geschürt), wird Len schlagartig vom Saulus zum Paulus, als ihn im Kohlenkeller eine bitterböse Macht anfällt. Bis Jenny übernatürliche Mängel an ihrem Traumhaus einräumt, vergeht noch eine Weile, aber irgendwann ist das „Geisterhaus“ der Maynards Stadtgespräch in Pontefract.

Die Mittel für einen Umzug fehlen. Man muss sich also mit dem Spuk arrangieren oder ihn vertreiben. Vorsichtige Versuche einer Koexistenz werden rüde quittiert. Leider weigert sich Pfarrer Clifton, einen Exorzismus zu durchzuführen, bis Len und Schwager Brian ihn mit Bildern, die ihn beim Sex mit der Haushälterin zeigen, dazu erpressen können. Auch ein Geisterjäger bietet seine Dienste an.

Letztlich ist es Lehrer Price, der Licht in die unheimliche Angelegenheit bringen kann. Vor vielen Jahren trieb im nahen Kloster von Pontefract ein serienmordender Mönch sein Unwesen. Zwar wurde er gefasst und bestraft, aber sein Geist fand ebenso wenig Ruhe wie die Seele seines letzten Opfers. Beide haben sich ausgerechnet im Haus der Maynards eingenistet. Während das tote Mädchen sich bemüht, Sally vor dem Mönch zu schützen, wartet dieser nur auf eine Gelegenheit, seinem ins Visier genommenen Opfer erst die Zunge aus dem Mund und dann den Hals durchzuschneiden …

Fauler Zauber in unruhigem Haus

„Nach einer wahren Begebenheit“: Beginnt ein Film mit dieser Einblendung, weiß der erfahrene Zuschauer, dass jetzt übertrieben und gelogen wird, dass sich ganz besonders dicke Balken biegen. Dies gilt ganz besonders im Horrorfilm, denn obwohl sich viele (seltsame) Leute dafür verbürgen, dass des Nachts tatsächlich Geister tanzen, hat es für eindeutige Beweise niemals gereicht.

In diese Galerie der Täuschung, des Selbstbetrugs und der Einbildung reiht sich auch der „Schwarze Mönch von Pontefract“ ein, der angeblich ab 1966 die Familie Pritchard (nicht Maynard) möbelschiebend, vasenwerfend und ohrfeigend überfiel und es jahrelang auch sonst toll trieb. In England ist diese Geschichte ausgesprochen populär. Die deutschen Zuschauer vermissen dagegen grundsätzliche Informationen, die ihnen leider auch in den Features vorenthalten werden.

Okkult-Esoteriker – je nach Interpretation sind auch die Gruppenbezeichnungen „Spiritisten“ oder „Spinner“ möglich – haben um die Pritchards und den Mönch eine eigene Legende gewoben. Nachdem die gut vernetzten Befürworter dieses faulen Zaubers sich über viele Jahrzehnte gegenseitig fleißig gegenseitig zitierten, haben sie ihn zudem ‚wissenschaftlich‘ zementiert, sodass der Pontefract-Mönch zum „bestdokumentierten Spuk Europas“ aufgestiegen ist – so kann man es jedenfalls auf den unzähligen Mönch-Websites, die ebenfalls wie Giftpilze aus dem Boden schossen, immer wieder lesen.

Auch Pat Holden, Regisseur und Drehbuchautor von „When the Lights Went Out“, ist ein Gläubiger. Noch besser: Er sitzt selbst im Boot! Jean Pritchard, die im Film den Namen „Jenny Maynard“ trägt, ist eine Tante! Inzwischen hat Holden das spukverseuchte Anwesen 30 East Drive Chequerfield Estate in Pontefract erworben. Wenn der Film beginnt, bewegt sich die Kamera durch das ‚echte‘ Geisterhaus, das später in vielen Außenaufnahmen zu sehen ist.

Glaube versetzt Berge

Der Streit um den Spuk von Pontefract ist ebenso alt wie das Phänomen selbst. Hier ist nicht der richtige Ort, um eine Diskussion nachzuzeichnen, die seit Jahrzehnten (und recht erbittert) geführt wird. Letztlich muss jeder Zuschauer selbst entscheiden, ob die ‚Beweise‘ für ein übernatürliches Phänomen sprechen.

Aus historischer Sicht sind die Belege denkbar dünn und konstruiert. Das Maynard-Haus liegt in der Tat in der Nähe von Fundamenten und Ruinen eines gewaltigen Klosters. Cluniazenser-Mönche hatten es im Jahre 1090 gegründet, unter Heinrich VIII. wurde es 1539 aufgelöst. Wo nun das Maynard-Haus steht, soll sich einst angeblich der Galgen der Stadt erhoben haben. Der „schwarze Mönch“, ein in den Quellen nicht fassbarer Übeltäter, soll dort sein mörderisches Leben ausgehaucht haben. Seine böse Seele blieb an den Ort gefesselt. Als im 20. Jahrhundert ein Haus darüber errichtet wurde, zog auch er ein.

Er dürfte sich dort wohlgefühlt haben, denn bei den Pritchards ging es laut zu. Holden leugnet nicht, dass hier eine dysfunktionale Familie ihre Zelte aufgeschlagen hatte, und übernimmt dies für ‚seine‘ Maynards. Jenny ist also nicht nur tüchtig, sondern eine manische Perfektionistin, die ihr Heim bis zum letzten Kissenkniff durchgestaltet hat. Len kann ihren Ansprüchen nicht genügen und flüchtet gern in den Pub, wo er mit Lügengeschichten über das wahre Ausmaß des Spukes glänzen will. Sally ist unglücklich mit der Familiensituation und äußert sich über die Aktivitäten des ‚Geistes‘ in einer Weise, die häusliche Misshandlung zumindest andeutet.

Dokumentation beißt Spielfilm

„When the Lights Went Out“ ist keine ‚richtige‘ Dokumentation. Pat Holden beansprucht jedoch eine zwar dramaturgisch überhöhte aber in der Sache korrekte Darstellung tatsächlicher Ereignisse. Dem trägt er Rechnung durch eine Handlung, die keinem durchkomponierten Spannungsbogen, sondern den Realvorgaben eines eher sprunghaften Poltergeistes folgt. Der „schwarze Mönch“ hielt sich nie an klassische Vorbilder. Er trat recht abrupt aus den Schatten und ließ gern die ‚Fäuste‘ sprechen. Subtilität war seine Sache nicht, denn dieser Geist warf auch vor Zeugen gern mit Gegenständen. Diese Grobschlächtigkeit passt zum schlichten Geist von Len Maynard (= Joe Pritchard), der realiter als einer der Hauptverdächtigen (neben Tochter Sally = Diana Pritchard) für den Spuk im Pritchard-Haus gilt. (Holdens Liebe zur historischen Wahrheit hat übrigens Grenzen: Dass es noch einen Pritchard-Sohn gab, lässt er unter den Tisch fallen.)

Es entstand ein Film, der es keinem Publikum rechtmachen kann. Für eine Dokumentation wird zu intensiv fabuliert, als Film zerfasert die Geschichte zur episodischen Darstellung diverser Heimsuchungen. Die sind weder originell noch neu und wirken angesichts ihrer ‚Wahrhaftigkeit‘ besonders altbacken. Darüber hinaus kann sich Holden nicht entscheiden, ob er eine ernsthafte Geistergeschichte erzählen oder sie durch humoristische Einlagen auflockern will. Reine Komödie bietet beispielsweise der Auftritt des scheinheiligen aber hartgesottenen Pfarrers, der den Spuk deutlich weniger fürchtet als seinen Bischof.

Eigentlich trifft es ja die Richtigen

Die Maynards sind nach dem Willen Pat Holdens working class heroes, mit denen sich der Zuschauer identifizieren soll. Daraus wird nichts, da die Figuren zu grob gezeichnet sind und sich in Wort und Tat oft widersprüchlich benehmen. Vor allem sind sie nie sympathisch. Als pubertierend mürrische Tochter, Nichte und Freundin ist Natasha Connor womöglich ein wenig zu überzeugend. Steven Waddington bleibt ein tumber Tropf, während Kate Ashfield die neurotischen Züge ihrer Figur deutlich machen kann.

Ratlos reagiert der Zuschauer auf die Selbstverständlichkeit, mit der die Bürger von Pontefract auf den Spuk in ihrer Mitte reagieren. Sie nehmen ihn mit Neugier hin und lassen sich vom geschäftstüchtigen Len gegen Eintritt durch das Geisterhaus führen. Obwohl das Maynard-Haus rechts eine lange Zeile baugleicher Häuser abschließt, scheint der Mönch die Nachbarschaft nicht zu behelligen. Auch darüber scheint sich niemand zu wundern.

Ähnlich irritiert die Hartnäckigkeit, mit der sich die Maynards an ihr Traumhaus klammern. Sie werden geschlagen, getreten, mit Bienen beworfen und harren dennoch darin aus. Als Begründung gibt Holden Geldmangel an, aber ist es nicht wahrscheinlich, dass derart malträtierte Zeitgenossen sogar ein Zelt unter einer Brücke als geisterfreie Unterkunft vorziehen würden?

Das Grauen an der Wand

Aufgrund eines begrenztes Budgets (und der weiter oben beschriebenen Einfallsarmut des Poltergeistes) mussten bzw. konnten die meisten übernatürlich bedingten Erscheinungen durch tricktechnische Handarbeit realisiert werden. Wie richtig Holden damit lag, wird immer dann illusionsfeindlich deutlich, wenn er digitale Effekte zum Einsatz bringt. Vor allem das Finale, in dem der Mönch rauchig aus der Decke von Sally Schlafzimmer sickert und sich endlich in seiner ganzen Kuttenpracht zeigt. (Dazu ertönt sakraler Sprechgesang, den wohl ein Geisterchor aus dem Jenseits beisteuert, um die Dramatik der Szene zu unterstreichen) Er sieht fast so lächerlich aus wie der nun ebenfalls materialisierende Geist seines Opfers, die ihn mit wilden Schreien aus dem Diesseits fegt.

Das wahre Grauen liegt ohnehin in der Einrichtung des Hauses. Die Maynards beziehen es 1974, als der Genuss psychodelischer Pilze und Drogen für die Designer alltäglichen Wohninventars verpflichtend gewesen zu sein scheint. Jedenfalls stellt sich die Frage, ob die Maynards nicht deshalb Geister sehen, weil bewusstseinsverwirrend ornamentierte und kreischend bunte Tapeten an sämtlichen Zimmerwänden kleben.

Schade, dass Pat Holden seiner Geschichte weniger Aufmerksamkeit widmete als der Wiederkehr der knalligen 1970er. „When the Lights Went Out“ mag das Zeug zu einem Kultfilm in Geisterjäger-Kreisen zu haben. Diejenigen Zuschauer, die nicht dazu neigen, sich von schwarzen Mönchen u. a. geistarmen Geistern verfolgt zu fühlen, werden eher amüsiert (bzw. peinlich berührt) die Erinnerung an diesen Film ausblenden.

DVD-Features

Obwohl die Mär vom „Schwarzen Mönch von Pontefract“ geradezu nach einer Hintergrund-Dokumentation schreit, fährt das nüchtern ökonomisch kalkulierende Label lieber einen Sparkurs. Die ‚Extras‘ beschränken sich auf den originalen und den deutschen Trailer sowie auf zwei minutenkurze und aussagearme Blicke hinter die Kulissen („The Monk Scene“, „Vicarage Scene“).

P. S.: Was bedeutet diese Aussage auf dem deutschen DVD/Blu-ray-Cover: „Eine neue Dimension des Exorzismus“? Soll damit werbewirksam (aber dreist und falsch) auf den Filmklassiker „Der Exorzist“ von 1971 angespielt werden? Ist Pfarrer Cliftons erpresste Dämonen-Austreibung bemerkenswerter, als sie dieser Rezensent fand? Solche Fragen kämen nicht auf, gäbe es auch im Marketing Menschen, die Grundkenntnisse in Sachen Grammatik besäßen!

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When the Lights Went Out
Originaltitel: When the Lights Went Out (GB 2011)
Regie/Drehbuch: Pat Holden
Kamera: Jonathan Harvey
Schnitt: Robert Hall u. Gary Scullion
Musik: Marc Canham
Darsteller: Natasha Connor (Sally Maynard), Kate Ashfield (Jenny Maynard), Steven Waddington (Len Maynard), Hannah Clifford (Lucy), Morgan Connell (Carol), Craig Parkinson (Brian), Jo Hartley (Jeanette), Martin Compston (Mr. Price), Gary Lewis (Pfarrer Clifton) uva.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 20.11.2012
EAN: 7613059802605 (DVD)/7613059402607 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 83 min. (Blu-ray: 86 min.)
FSK: 16

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