White Tiger – Die große Panzerschlacht

Originaltitel: Belyyr tigr (Russland 2012)
Regie: Karen Shakhnazarov
Drehbuch: Alexandr Borodyanskiy u. Karen Shakhnazarov (nach einem Roman von Ilya Boyashov)
Kamera: Aleksandr Kuznetsov
Schnitt: Irina Kozhemyakina
Musik: Yuriy Poteenko/Konstantin Shevelyov
Darsteller: Alexey Vertkov (Ivan Naydyonov), Vitaly Kishchenko (Major Fedotov), Alexandr Vakhov (Kryuk), Vitaly Dordzhiev (Berdyev), Valery Grishko (Marschall Zhukov), Dmitry Bykovskiy-Romashov (General Smirnov), Gerasim Arkhipov (Sharipov), Christian Redl (Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel), Vilmar Bieri (Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg), Klaus Grünberg (Generaloberst Hans-Jürgen Stumpff), Karl Kranzkowski (Adolf Hitler) u. v. a.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 12.03.2013
EAN: 7613059802872 (DVD)/7613059402874 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Russisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 104 min. (Blu-ray: 108 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Im Sommer des vierten Kriegsjahres 1943 beginnt sich das Glück an der deutschen Ostfront gegen die Invasoren zu wenden. Die sowjetischen Truppen unter Führung des charismatischen Marschalls Zhukov gewinnen allmählich die Oberhand und treiben die Verbände der Wehrmacht und der SS zurück.

Doch der Vorstoß gerät immer wieder ins Stocken, weil scheinbar aus dem Nichts ein deutscher „Tiger“-Kampfpanzer auftaucht. Das weiß gespritzte Gefährt ist offenbar eine testweise eingesetzte Geheimwaffe. Schwer gepanzert und mit einer gewaltigen Kanone ausgestattet, schießt dieser weiße Tiger die sowjetischen T-34-Panzer reihenweise ab.

Zhukov befiehlt Major Fedotov die Ausschaltung des Tigers. Zu diesem Zweck wird ein T-34 so umgebaut, dass er dem Gegner hoffentlich gewachsen ist. Am Steuer sitzt Ivan Naydyonov, der beste Panzerfahrer der Armee. Allerdings gilt er als geistesgestört, seit er eine Attacke des weißen Tigers nur knapp überlebte. Seitdem ist Naydyonov besessen von der Jagd auf den deutschen Wunderpanzer, über dessen Erscheinen ihn angeblich der „Gott der Panzer“ informiert.

Auch dieser Draht nach oben hilft zunächst nicht. Tiefe Wälder und Sümpfe, Hinterhalte und Fallen halten den Tiger nicht auf, der stattdessen mit Naydyonov zu spielen scheint und dessen Panzer nicht zerstört, sondern nur beschädigt, um dann seine Angriffe auf Zhukovs Truppen fortzusetzen. Schließlich ist auch Fedotov davon überzeugt, dass diese Höllenmaschine nicht von Menschenhand gebaut oder gesteuert wird. Die Mission wird jedoch nicht abgebrochen, zumal Naydyonov dem Tiger unbeirrt auf der Fährte bleibt. In einem verlassenen Dorf kommt es zur Entscheidungsschlacht, die indes einen gänzlich unerwarteten Ausgang nimmt …

Die mystische Ebene des Krieges

„White Tiger“ gehört zu denjenigen Filmen, die ihr Publikum spalten. Die größere Fraktion wird auf eine vor allem unterhaltsame Mischung aus abenteuerlichem Kriegsfilm mit übernatürlichen Elementen hoffen. Zumindest in Deutschland wird dies von der Werbung durch den vielversprechenden Untertitel „Die große Panzerschlacht“ sowie eine absichtsvoll schwammige Inhaltsbeschreibung unterstrichen.

Dieser Schuss könnte – um im Film-Bild zu bleiben – gewaltig nach hinten losgehen, denn diese Schlacht dauert wenige Minuten und stellt nur eine Episode dar. Tatsächlich ist „White Tiger“ ein filmisches Gleichnis, was die oben erwähnte Fraktion spätestens dann schockiert zur Kenntnis nehmen wird, wenn die zweite Hälfte mit der Handlung beinahe vollständig bricht: Aus der Jagd auf den weißen Panzer wird eine Darstellung der deutschen Kriegsniederlage. Der Film verlässt Fedotov und seine Panzerkrieger und macht einen gewaltigen geografischen und chronologischen Sprung in den Mai 1945, wo wir u. a. in einer aufwändig inszenierten Szene quasi Zeuge dabei sind, wie Generalfeldmarschall Keitel jene Urkunde unterschreibt, mit die das Deutsche Reich seine bedingungslose Kapitulation erklärt.

Nur eine zweite, ungleich zahlenkleinere Gruppe des Publikums wird die Verbindung zum Vorgeschehen herstellen können. Sie ist durchaus vorhanden, auch wenn der kreißende Berg wieder einmal ein Mäuschen gebiert: Auf den Punkt gebracht geht es Regisseur und Drehbuch-Mitautor Karen Shakhnazarov um die Darstellung der „Bestie Krieg“. Der II. Weltkrieg ist nur einer der möglichen Schauplätze, an dem sie sich manifestierte. Deshalb findet die Jagd nach dem weißen Tiger kein Ende. Er verschwindet in einer Art Zwischenreich, in das ihm Naydyonov mit seinen T-34 folgt. Wie Friedrich Barbarossa im Kyffhäuser wird er warten, bis der weiße Tiger zurückkehrt, um die Jagd dann fortzusetzen.

Augen auf im Arthouse-Spektakel!

Wer nicht nur auf das nächste Panzergefecht wartet, sondern auch die eigentliche Handlung verfolgt, ist durchaus über das Geschehen aufgeklärt. So wird u. a. ein kriegsgefangener SS-Mann bei einem Verhör gefragt, wie er sich die Legende des weißen Tigers erklärt. Die Antwort trifft ins Schwarze. In diesem Gefährt materialisiert und konzentriert sich symbolisch der ‚deutsche Krieg‘, der auf die völlige Zerstörung des sowjetischen Erzfeindes, die Vernichtung der russischen „Untermenschen“ und die Aneignung von „Lebensraum im Osten“ zielte.

In einem bizarren Epilog fasst es Adolf Hitler persönlich noch einmal zusammen. Auch er (oder sein Geist) hat sich in das Zwischenreich geflüchtet. In einer wagnerianisch grotesk übersteigerten, den schwülstigen Nazi-Pomp genial karikierenden Halle im Nirgendwo sitzt der gescheiterte „Führer“ und hält einen seiner berüchtigten Monologe. Er rechtfertigt den Angriffskrieg gegen die Sowjetunion und hofft auf eine Zukunft, die ihm nicht nur Recht geben, sondern diesen Krieg wieder aufnehmen wird.

Wehret den Anfängen, lautet also eine weitere Botschaft dieses Films. Für die seit 1992 wieder russischen Bürger hält stellvertretend Ivan Naydyonov die Augen offen. Als wir ihn erstmals sehen, steckt er im völlig verbrannten Körper eines namenlosen Panzerfahrers, aus dem heraus er neu ‚geboren‘ wird – ein Mann ohne Erinnerung oder Interesse an seine frühere Identität, die wohl auch deshalb unwichtig ist, weil dieser „Ivan Naydyonov“ die Inkarnation eines russischen Volkes ist, das sich gegen die Nazi-Barbaren zu wehren gelernt hat.

Naydyonov vertritt die ‚gute‘ Seite. Deshalb kommt er als Mensch auf die Erde, während der weiße Tiger nur eine seelenlose Maschine ist, die mechanisch ihrem Vernichtungsauftrag nachgeht. Wirklich zerstört wird er nicht; Deutschland kann zwar besiegt aber nicht ausgelöscht werden. Im eroberten Berlin lässt Shakhnazarov viele Minuten kriegsgefangene deutsche Soldaten an Fedotov vorbeiziehen: Sie sind die Glut unter der Asche des Faschismus, die einst womöglich erneut aufflammen wird.

Bild beißt Subtext

Schon oder gerade zur Zeit des Sowjet-Regimes galt der russische Film als der ganz edle Stoff, aus dem die Cineasten-Träume sind. Wo der Staat und seine Zensoren darauf achten, dass nichts Kritisches, Entlarvendes oder sonst Unerfreuliches an die Öffentlichkeit gerät, blüht der Symbolismus, der kunstvoll verschlüsselt, was nicht offen gesagt bzw. gezeigt werden kann. Vor allem dort, wo man sich in Sicherheit vor den Sittenwächtern der so gescholtenen Schurkenstaaten wiegen kann, schwelgen kluge Köpfe anschließend darin, solche Symbole zu dechiffrieren und ihre Erschaffer zu feiern.

Zwar gibt es die Sowjetunion nicht mehr, doch das in die Bresche gesprungene Russland ist keineswegs als Demokratie zu bezeichnen. Denk- und Kritikfreiheit sind dort relative und wiederum vom Regime definierte ‚Freiheiten‘, weshalb der filmische Symbolismus keineswegs ad acta gelegt wurde. Karen Shakhnazarov stellt in gewisser Weise ein Bindeglied dar, denn er, der 1975 seinen ersten Film drehte, kennt Sowjetunion und Russland.

„White Tiger“ rennt allerdings global offene Türen ein, denn Shakhnazarovs Botschaft ist weder neu noch subversiv. Gegen den Krieg ist ‚man‘ sowieso. Militanter (und latent antideutsch) eingestellte Zuschauerkreise können sich mit dem Aufruf zur Wachsamkeit anfreunden und darüber freuen, dass Naydyonov die „blonde Bestie“ bei ihrer Wiederkunft unter Beschuss nehmen wird. „White Tiger“ ist als Film mit Botschaft irgendwo zwischen den Fronten liegengeblieben; er unterhält nur bedingt und kann philosophisch nicht beeindrucken. (Falls es weitere metaphysische Ebenen geben sollte, haben sie sich diesem Rezensenten nicht erschlossen und fließen deshalb nicht in diese Besprechung ein.)

Feuer frei aus alten Rohren

Auch im Arthouse-Regisseur regt sich das Kind im Mann. Karen Shakhnazarov konnte der Versuchung nicht widerstehen, den II. Weltkrieg möglichst plastisch aufleben zu lassen. CGI-Panzer waren tabu; echtes Kriegsgerät wurde exhumiert und durfte auffahren. Auch in Russland gibt es offensichtlich Sammler, die Panzer und andere Mordinstrumente vor Schrott und Rost bewahren. Shakhnazarov konnte eine beachtliche Auswahl vor der Kamera versammeln. Mehr als sieben Jahrzehnte, nachdem sie vom Band liefen, funktionierten sowohl sowjetische als auch deutsche Panzer – hier ein Tiger – erstaunlich gut. Man sieht sie durch tiefen Schlamm pflügen, Häuserwände durchbrechen und dicke Bäume umstürzen.

Außerdem feuern sie aus allen Rohren, was den eher auf Unterhaltung gepolten Zuschauer seufzen lässt: Warum lässt Shakhnazarov seine Panzer meist nur planlos durch Wälder und Sümpfe röhren? Er hat durchaus Ahnung, wie man ein Gefecht spannend in Szene setzt. Einen Platz in der Filmgeschichte verdient der Shootout zwischen Tiger und T-34: Shakhnazarov ließ in monatelanger Arbeit ein komplettes Dorf (samt Kirche) errichten, durch das echte Panzer toben, bis kaum noch ein Stein auf dem anderen steht.

Über jede Kritik erhaben ist das Spiel der Darsteller. Alexey Vertkov mimt zurückhaltend und doch glaubhaft den identitätslosen, personifizierten Jäger, der dem weißen Tiger wie Kapitän Ahab dem weißen Wal Moby Dick folgt. Vitaly Kishchenko verkörpert als Major Fedotov die ‚menschliche Seite‘ des Sowjetsystems – ein gebildeter Mann, der seine Leute ins Feuer begleitet und offen für Erklärungen ist, die dem gesunden Menschenverstand widersprechen. Ähnlich gut besetzt wurden die vielen Nebenrollen, die solche Prägnanz oft unbedingt benötigten; man erkennt es, wo es missglückte. Beispielsweise wirkt Karl Kranzkowski als Hitler nicht annähernd so überzeugend wie Christian Redl als Generalfeldmarschall Keitel.

„White Tiger“ wurde als russischer Beitrag zur 85. Oscar-Verleihung in der Kategorie „Bester ausländischer Film“ eingereicht, schaffte es jedoch nicht in die Endausscheidung. Für beinharte Genre-Fans dürfte dieser Film eine Enttäuschung sein. Auch der ‚normale‘ Zuschauer dürfte zwiespältig in seinem Urteil bleiben. Um es noch einmal zusammenzufassen: Die formale Brillanz der gelungenen Szenen wird durch die banale Botschaft sowie inhaltliche Schwächen, die sich eben nicht durch das Siegel „Kunst!“ ‚entschuldigen lassen, ausgehebelt.

DVD-Features

Zum Hauptfilm gibt es die üblichen Extras: „Deleted Scenes“, einige Blicke „Behind the Scenes“ (denen u. a. zu entnehmen ist, dass die museumsreifen Panzer die Dreharbeiten überstanden, weil Nachbauten in die Luft gesprengt wurden), und den Originaltrailer.

Eine (englischsprachige) Website zum (russischen) Film gibt es hier.

Kurzkritik für Ungeduldige: 1943 reibt ein übernatürlich schneller und unzerstörbarer deutscher Panzer hinter den Linien sowjetische Kampfwagen auf; ein wiedergeborener Panzerfahrer nimmt den Kampf gegen das Phantom auf … – Seltsame Arthouse-Mischung aus Historien- und Mystery-Film, die offenbar die „Bestie Krieg“ symbolisch in Panzergestalt gießt; optisch eindrucksvoll, sehr gut besetzt aber vor allem in der zweiten Hälfte zunehmend unverständlich bzw. auf der Stelle tretend: Auch das Prädikat „Filmkunst“ kann „White Tiger“ nicht vor dem Stempel „obskur“ retten.

[md]

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