Zwei denkbar ungeschickte Bankräuber geraten auf ihrer Flucht vor der Polizei in die alte Hexen-Metropole Zugarramurdi, wo sich die ganz & gar nicht ausgerotteten Hexen gerade darauf vorbereiten, ihre Erdgöttin in diese Welt zurückzurufen … – Das bizarre Aufeinandertreffen sorgt für ein ebenso blutiges wie komisches Tohuwabohu; die Darsteller sind ausgezeichnet, die Effekte erstaunlich und manchmal drastisch: Horror kann lustig sein, wenn man ihn – wie hier – mit Talent in Szene setzt!

Das geschieht:

José ist ein Loser, der in seinem Leben nie etwas zustande gebracht hat. Gattin Silvia hat ihn deshalb längst vor die Tür gesetzt; José kann froh sein, dass sie ihn Sohn Manuel hin und wieder treffen lässt. Die spanische Wirtschaftskrise hat José endgültig aus der Bahn geworfen. In seiner Verzweiflung beschließt er, einige andere Pechvögel zu rekrutieren, mit denen er in einer nordspanischen Stadt eine Pfandleihe überfallen will.

Ein Kostümfest soll die Räuber tarnen. Der Überfall selbst gelingt, doch das Pech bleibt José treu: Die Polizei wird auf die Dilettanten aufmerksam. Eine wilde Schießerei bricht los, bei der die meisten Möchtegern-Gauner auf der Strecke bleiben. Nur José und sein Kumpan Antonio entkommen – mit Manuel, denn José hatte nicht bedacht, dass ihn der Sohn an diesem wichtigen Tag besuchen wollte und Manuel kurzerhand zum Überfall mitgenommen.

Mit der Beute wollen José und Antonio über die nahe Grenze nach Frankreich flüchten. Inzwischen hat sich ihnen der gekidnappte Taxifahrer Sergio angeschlossen. Im Nacken sitzt den Räubern nicht nur die Polizei – hier repräsentiert durch die hartnäckigen Inspektoren Calvo und Pacheco -, sondern auch die wütende Silvia, die aus den Medien erfahren hat, was Ex-Mann und Sohn treiben.

Die Flucht führt die Gruppe durch Zugarramurdi, eine kleine Pyrenäenstadt mit düsterer Geschichte: Hier sollen einst Hexen ihr Unwesen getrieben haben! Die Kirche hat ihnen keineswegs den Garaus machen können. Stattdessen rüsten sich die Hexen gerade zu einem Sabbat, in dessen Verlauf sie die Erdgöttin persönlich heraufbeschwören wollen. Dazu benötigen sie ein Opferkind, Manual kommt ihnen deshalb gerade recht! Ober-Hexe Graciana, ihre Mutter Maritxu und die wunderschöne Enkelin Ewa nehmen die Räuber in die Zange. Das Chaos wird perfekt, als die Inspektoren und Silvia Zugarramurdi erreichen und sich in dem Kampf mit den Hexen einschalten …

Der Spaß am Schrecken

Die Geschichte des Horrorfilms ist auch eine Geschichte des Scheiterns. Es ist gar nicht so einfach, sein Publikum in Angst & Schrecken zu versetzen. Noch einmal deutlich höher wird die Zahl der Blindgänger, wenn Grusel und Grinsen gemischt werden sollen. Diese Kombination ist eine echte Herausforderung, müssen doch zwei diametrale Emotionen miteinander in Einklang gebracht werden. Wer sich fürchtet, dem ist in der Regel nicht nach Gelächter.

Andererseits gibt es jenes Sprichwort, nach dem man mit Entsetzen Scherz treiben kann, nicht grundlos entstanden. Lachen bricht angstvolle Spannung. Das gilt erst recht, wenn sich die Furcht als grundlos erweist. Álex de la Iglesia geht allerdings einen Schritt weiter: Die Hexen von Zugarramurdi sind nicht nur ‚real‘, sondern auch wenig zimperlich in ihren Methoden. Für ihre Zeremonien fangen sie Kinder – mehrere Dutzend bisher -, die sich jedoch als untauglich für eine erfolgreiche Beschwörung der Erdgöttin erwiesen und ein schlimmes Ende nahmen. Ohnehin würde Großmutter-Hexe Maritxu den armen Manuel lieber à la Hänsel in ihrem Kellerofen braten.

Anderen Unglücksraben werden Ohren und Finger als Appetithäppchen für hungrige Hexen abgeschnitten. Als die Erdgöttin tatsächlich erscheint, nimmt sie wenig Rücksicht auf ihre entgeisterten Jüngerinnen, die sie gleich reihenweise in den Erdboden stampft. Die Polizei reiht sich problemlos in die gewalttätige Runde ein und mäht die Dumm-Räuber nach dem Überfall auf die Pfandleihe mit Maschinenpistolen nieder.

Für solche Drastik in der Darstellung ist de la Iglesia spätestens seit „Balada triste de trompeta“ (2010; dt. „Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod“) bekannt, doch Phantastik-Fans kennen und rühmen ihn bereits seit „Acción mutante“ (1993; dt. „Aktion Mutante“), einem wüsten SF-Horror-Garn, das an den jungen Peter Jackson („Bad Taste“, 1987, „Meet the Feebles“, 1989 und vor allem „Braindead“, 1992) erinnert.

Das Lachen blieb einem in „Mad Circus“ oft im Halse stecken. „Witching & Bitching“ ist in dieser Hinsicht milder. Nur manchmal wird der Humor schwarz, wenn beispielsweise einer der unglücklichen Räuber – als Spongebob Schwammkopf verkleidet – von Kugeln förmlich durchsiebt wird und der Held des globalen Kinderfernsehens blutüberströmt zu Boden geht. Solche Scherze mag der politisch korrekte Zuschauer (= Tugendbold) für geschmacklos halten und mag damit richtig liegen. Komisch sind sie allerdings trotzdem.

Grotesk ist immer gut

De la Iglesia – der zusammen mit Jorge Guerricaechevarría auch das Drehbuch schrieb – hält nicht nur das Gleichgewicht zwischen Gruselthriller und Komödie, sondern kann es bis ins Finale wahren. Dabei hilft das enorme Tempo, das die Handlung über manches Loch und manche Länge trägt. Der Schwung ist enorm, die meisten Überraschungen gelingen, zumal der Filmfan manche Anspielung auf Klassiker der Kinogeschichte erkennt. Besonders gelungen findet dieser Rezensent die Hetzjagd durch das Hexenschloss, das an entsprechende Szenen in Roman Polanskis „Tanz der Vampire“ (1967) erinnert.

Tatsächlich geht der lauteste Bockschuss nicht auf De la Iglesia zurück: Welcher  ‚Witzbold‘ kam bloß auf den ‚Einfall‘, diesem Film den ‚Titel‘ „Witching &  Bitching“ zu verpassen? Man muss daraufhin schon hoffnungsvoll den Versuch wagen und trotzdem einen Blick wagen. Darüber hinaus führt dieser ‚Titel‘ auf eine völlig falsche Fährte: „Bitches“ treten in diesem Film nicht auf! Stattdessen treiben Frauen ihr Unwesen, die zur angenehmen Abwechslung das allzu oft missbrauchte Prädikat „stark“ tatsächlich verdienen.

Neben der wunderbaren, hexenhübschen und ihre Bosheit förmlich zelebrierenden Carolina Bang – die Frau hieß wirklich so, bis sie 2014 ihren Regisseur de la Iglesia ehelichte – können sich Terele Pávez  als abgebrühte Hexen-Großmutter Maritxu und vor allem Carmen Maura als maliziöse Ober-Hexe Graciana spielerisch mühelos halten. Sie halten das Heft in der Hand, ohne deshalb ihre männlichen ‚Besucher‘ wie Deppen aussehen zu lassen: So etwas gilt schlicht gestrickten Gemütern als ‚komisch‘. Selbst einer Klischeerolle wie der rachsüchtigen Ex-Gattin Silvia weiß Macarena Gómez mit Unterstützung des Drehbuchs Leben einzuhauchen.

Doch obwohl José, Antonio und Sergio alles andere als Geistesriesen sind und sich ständig in Schwierigkeiten bringen, lassen sie sich durchaus nicht alles gefallen. Ihnen gehören die Sympathien des Publikums, wie überhaupt alle Darsteller sich komisch geben können, ohne in Fratzenschneidereien u. a. Manierismen zu verfallen. (Eine Ausnahme ist der sehr junge Barrenetxea Jaime Ordóñez, der nicht in die Kategorie „Naturtalent“ fällt.) Noch in den Nebenrollen fand de la Iglesia fabelhafte Mimen: An Enrique Villén als servilen aber hinterlistigen Hexenknecht oder den skelettdürren Javier Botet als Ewas unterdrückten Bruder Luismi wird sich der Zuschauer gern erinnern!

Spiel mit dem Mythos

Eine originalgetreue Übersetzung des spanischen Originaltitels lautet „Die Hexen von Zugarramurdi“. Hierzulande dürfte keine Lockwirkung damit verbunden sein (was dennoch nicht den deutschen Schwachsinns-Titel – s. o. – entschuldigt). In Spanien kennt man Zugarramurdi hingegen gut. Der kleine Ort im Tal von Baztan nahe der spanisch-französischen Grenze ging als angebliche Hochburg heidnischer Zauberei und Teufelsanbetung in die Geschichte ein. Das hügelreiche Gelände weist zahlreiche Höhlen auf, die bis zu 120 Meter Durchmesser bei 20 Meter Höhe erreichen und sich deshalb als Treffpunkte für entsprechende Zeremonien anboten. 1610 fiel die gefürchtete Spanische Inquisition in Zugarramurdi ein, klagte zahlreiche „Hexen“ an und ließ viele von ihnen verbrennen.

400 Jahre später hat sich die Erinnerung an Aberglaube und Angst in Luft aufgelöst. Die „Hexenhöhlen“ von Zugarramurdi wurden zu einer touristisch genutzten Attraktion. Alljährlich findet hier in der Woche zur Sommersonnenwende der „Tag der Hexe“ („El Día de la Bruja“) statt – ein faschingsähnliches Spektakel, auf dem einschlägig verkleidete Frauen tüchtig feiern (oder Andenken, Modeschmuck u. a. Hexen-Nippes verkaufen).

De la Iglesia geht mit großem Einfallsreichtum von der Prämisse aus, dass a) Hexen existieren und b) Zugarramurdi weiterhin als Hexen-Zentrum fungiert. In der Vergangenheit herrschte die allgemeine Ansicht, dass sie sich hier regelmäßig mit dem Teufel trafen. De la Iglesia klammert dies aus bzw. greift auf eine andere Deutung der Hexerei zurück: Hexen sind demnach freie und emanzipierte, aber ihrerseits auf Vorherrschaft erpichte Frauen, die zudem ein empörendes Unrecht wiedergutmachen wollen: Der christliche Gott ist durchaus nicht singulär, sondern Sieger in einem Kampf vieler Gottheiten, die von ihm vertrieben und eingekerkert wurden. Zu den Verlierern gehört auch die Erdgöttin, die seitdem im Exil darauf warten muss, dass treue Anhänger – die Hexen eben – sie befreien.

Der Göttin gibt de la Iglesia die Gestalt der Venus von Willendorf, einer vor ca. 27000 Jahren aus Kalkstein entstandenen Figur, die als frühes Meisterwerk der menschlichen Kunst gilt. Einmal mehr treibt der Regisseur (rüde) Scherze, indem er die Göttin alles andere als ehrfurchtgebietend auftreten lässt. Sie ist die grobschlächtige Verkörperung einer archaischen Vergangenheit, zu der auch die Hexen keine echte Verbindung besitzen. Als die Beschwörung schiefläuft, fällt die Göttin blindwütig über ihre Anhängerinnen her.

Ring frei für die nächste Runde

Nichtsdestotrotz endet unsere Geschichte beinahe märchenhaft. Die scheinbar getöteten Hexen Maritxu und Graciana schmieden neue Ränken, und Silvia ersetzt nun Ewa, die mit José und Manuel eine ‚normale‘ Existenz ansteuert, der Mutter und Großmutter wenig Chancen einräumen; eine ruppig verlaufende (und urkomische) Bühnenvorstellung des latent magisch begabten Manuel lässt darauf schließen, dass sie recht behalten werden.

Natürlich weist „Witching & Bitching“ Schwächen auf. Nicht jeder Gag zündet, manchmal stimmt das Timing einfach nicht. Das große Finale wirkt eher spektakulär als einleuchtend. Dennoch gelingt de la Iglesia das seltene Kunststück einer kruden Mischung, die sich zu einem nie harmonischen, sondern angenehm chaotischen und vor allem unterhaltsamen Ganzen fügt!

DVD-Features

Die (erwähnenswerten, d. h. auf den Hauptfilm bezogenen) Extras beschränken sich leider auf drei mickrige Featurettes („Die Geschichte von Witching & Bitching“, „Die Darsteller“, „Der Überfall“), die insgesamt nur neuneinhalb Minuten dauern.

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Witching & Bitching
Originaltitel: Las brujas de Zugarramurdi (Spanien 2013)
Regie: Álex de la Iglesia
Drehbuch: Jorge Guerricaechevarría u. Álex de la Iglesia
Kamera: Kiko de la Rica
Schnitt: Pablo Blanco
Musik: Joan Valent
Darsteller: Hugo Silva (José), Mario Casas (Antonio), Terele Pávez (Maritxu), Carolina Bang (Ewa), Carmen Maura (Graciana), Barrenetxea Jaime Ordóñez (Manuel), Gabriel Delgado (Sergio), Macarena Gómez (Silvia), Pepón Nieto (Inspektor Calvo), Secun de la Rosa (Inspektor Pacheco), Javier Botet (Luismi), Enrique Villén (Hexenknecht), Santiago Segura (Miren), Carlos Areces (Conchi), Manuel Tallafé (Mann aus Badajoz) u. a.
Label: Splendid Film
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 25.04.2014
EAN: 4013549056212 (DVD)/4013549052221 (Blu-ray)/4013549057929 (Limited Silver Christ Edition)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 109 min. (Blu-ray: 114 min.)
FSK: 16

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