Wolf Creek 1Drei junge Touristen geraten im australischen Outback in die Gewalt eines brutalen Serienkillers, den sie ausschalten müssen, wenn sie überleben wollen … – Die simple Story nimmt langsam Fahrt auf, folgt konsequent und mit steigendem Tempo dem sorgfältig konstruierten Spannungsbogen, nutzt vorbildlich die grandiose Naturkulisse, kann mit ausgezeichneten Darstellern punkten und erzeugt Nervenkitzel ohne allzu plakative Gewaltdarstellung: Filmhorror der gelungenen Art.

Das geschieht:

Ben, Liz und Christie planen einen Strand- und Surfurlaub an der nordaustralischen Küste. Ihr Reiseziel steuern sie nicht mit dem Flugzeug, sondern per Automobil an, denn sie möchten sich die urwüchsige Landschaft im Inneren des Inselkontinents anschauen: den Outback, der heute so menschenleer ist wie seit Jahrtausenden.

Die Fahrt bietet die erhofften Blicke auf eine unwirtliche aber wunderschöne Natur. Natürlich wollen die Reisenden auch den besonders abgelegenen Wolf-Creek-Krater besuchen, den ein riesiger Meteorit einst in den Wüstenboden schlug. Ausgerechnet in dieser Einöde streikt der Motor des altersschwachen Wagens. Ratlos findet sich unser Trio damit ab, die Nacht im Schatten des Kraterwalls zu verbringen, als ihnen das Glück in der schrulligen Gestalt des Abenteurers Mick Taylor hold zu sein scheint. Wie aus dem Nicht taucht er mit seinem alten Truck auf und bietet Hilfe an. Den Motor könne er mit seinem Bordwerkzeug leider nicht reparieren, doch das erforderliche Ersatzteil habe er in seinem Camp. Dorthin könne er die Gestrandeten schleppen und dann zur Tat schreiten.

Da Mick ein echtes Original ist und das Musterbild des gastfreundlichen Australiers abgibt, folgt die Gruppe gern der Einladung. Die nächtliche Fahrt endet in einem aufgelassenen Minencamp, wo Mick seine Gäste mit frischem Trinkwasser versorgt, das er allerdings mit einem Betäubungsmittel versetzt hat. Als unsere Urlauber am nächsten Tag erwachen, sind sie in Micks privater Hölle gefangen. Er entpuppt sich als sadistischer Psychopath und Serienkiller, der im Outback wie eine Spinne lauert und wartet, bis sich ortsunkundige Touristen in seinem Netz verfangen, die er in sein Camp lockt, ausraubt und zu Tode foltert. Dieses Schicksal erwartet auch unser Trio. Liz kann sich befreien und nimmt den Kampf gegen Mick auf, denn sie weiß, dass niemand sie und ihre Freunde finden wird und sie auf sich gestellt sind. Die Flucht gelingt, doch Mick, der einst Berufsjäger war und sein ‚Revier‘ bestens kennt, nimmt die Herausforderung an und die Verfolgung auf …

Schrecken und Gewalt im Gleichgewicht

Was in der Beschreibung wirkt wie die australische Variante von „Hügel der blutigen Augen“, ist tatsächlich einer der besseren Horrorfilme der letzten Jahre. Der blut- und gewaltreiche Gore-Grusel der 1970er und 80er Jahre ist im 21. Jahrhundert zurückgekehrt. Den wenigen gelungenen Filmen des Subgenres folgten wie üblich zahllose Nachahmer, die auf das Rezept „Mehr Gekröse = mehr Spannung“ setzten. Die traurigen Ergebnisse wollen und können wir an dieser Stelle mit Missachtung strafen und uns „Wolf Creek“ widmen, der wie gesagt zu den gelungenen Werken dieser gern als „Gewalt-Pornos“ verunglimpften Filmsparte gehört.

Lobende Kritik soll dabei nicht an der weitgehenden Abwesenheit expliziter Gewalt festgemacht werden; dies bleibt den scheinheiligen Gutmenschen unter uns überlassen. Regisseur und Drehbuchautor Greg McLean gehört nicht zu ihnen; seine Kommentare sind eindeutig und erklingen im „Making-Of“ zum Film gleich mehrfach: „Wolf Creek“ war von Anfang an als konsequent harter Streifen geplant, in dem Gewalt als integrales Element verankert wurde.

Dass er nicht nur auf Gewalt setzt, sondern auch subtile Methoden zur Erzeugung von Spannung beherrscht und einsetzt, ist vielen Kritikern offenbar entgangen. Sie sahen wie so oft, was sie sehen wollten, und konnten daraus einen neuen Nagel für den Sarg der menschlichen Zivilisation schmieden. Gleichzeitig zeigten sich auch die „Gore-Hounds“ unter den Zuschauern unzufrieden; nur wenige Minuten ‚echte‘ Folter & Splatter brachten ihnen nicht den gewünschten Kick.

Die Gefahr unendlicher Weite

McLean saß zwischen allen Stühlen: ein guter Platz, wie sich zeigt, wenn man seinen Film wach und vorurteilsfrei betrachtet. Zerlegt und beurteilt man „Wolf Creek“ nicht in Einzelszenen, verfolgt man eine wirklich gut erzählte Geschichte. Zur angenehmen Abwechslung ist der Hinweis, der Plot beruhe auf einer „wahren Begebenheit“, keine plumpe Effekthascherei, sondern trifft zu. Einen „Mick Taylor“ gab es in gewisser Weise wirklich. In den 1990er Jahren folterte und ermordete Ivan Milat (zwar nicht im Outback, sondern in New South Wales) diverser Rucksacktouristen. (Natürlich gibt’s dazu detailreiche Websites, die man unter dem Stichwort „outback murder“ googeln kann.)

Schrecklich lahm komme „Wolf Creek“ zur Sache, lautet eine weitere Kritik. Jawohl, Mick Taylor hat seinen ersten Auftritt erst eine Dreiviertelstunde nach Start des Films. Bis es soweit ist, sehen wir ‚nur‘ ein Roadmovie, das drei junge Menschen auf einer Campingreise durch Australien zeigt. Diese Deutung ist erschreckend eindimensional; sie mag die Ungeduld der MTV-Generation widerspiegeln, die auch Spielfilme nur noch in kurzen Spannungsbögen goutieren mag. McLean nimmt sich dagegen viel Zeit, uns Ben, Liz und Christie vorzustellen. Das gelingt ihm ebenso unaufdringlich wie vorzüglich. Die drei Hauptfiguren sind uns ans Herz gewachsen, wenn sie Mick Taylor begegnen.

Wer als Zuschauer über die Gabe der Geduld verfügt und sich länger als fünf Minuten konzentrieren kann, erkennt einen Spannungsbogen, der sich über den gesamten Film erstreckt. Es beginnt heiter und unbeschwert, doch allmählich mehren sich die Zeichen, die Übles ankündigen. Lässt man sich darauf ein, bedeutet die drastische zweite Hälfte von „Wolf Creek“ keinen Bruch, sondern die logische, sorgfältig vorbereitete Fortsetzung des Geschehens.

Landschaft als Darsteller

Die Intensität der Handlung kann man sich ohne die Kulisse kaum vorstellen. In „Wolf Creek“ stellt der australische Outback einen fünften Hauptdarsteller (neben Ben, Liz, Christie und Mick Taylor) dar. Einsamkeit ist ein Begriff, der selten so gelungen mit Inhalt gefüllt wird wie hier. McLean inszeniert „Wolf Creek“ nicht als Kammerspiel im TV-Stil. Er nutzt die Breite der Leinwand und zeigt die unendliche Weite des Outbacks. Dabei gelingt es ihm, die Schönheit der Landschaft ebenso zu verdeutlichen wie ihre Unwirtlichkeit. Bald weiß auch der nicht-australische Zuschauer: In dieser Welt überlebe ich nur, wenn mich mein Transportmittel und mein Orientierungssinn nicht verlassen. Beides trifft auf unsere Reisenden leider nicht zu.

„Wolf Creek“ verdankt seine Intensität aber auch den fabelhaften Schauspielern. Man kann als Zuschauer sein Glück nur preisen, dass dieser Film nicht in Hollywood und mit US-amerikanischen Instant-Darstellern entstand. Ben, Liz und Christie sind keine hirntoten, notorisch geilen Teenager, die in der Krise zu Kampfmaschinen mutieren, sondern realistische junge Leute, die den Sex durchaus nicht ausklammern, ihn aber nicht zum Zentrum ihres Daseins erklären. Sie können sich – wie ungewöhnlich! – ganz normal unterhalten und möchten das Land, durch das sie reisen, kennenlernen.

Liz alias Cassandra Magrath ist keine puppenhafte Barbie-Schönheit. Mit ihrem scharf geschnittenen Profil wirkt sie wie das Mädchen von nebenan und dadurch umso glaubhafter, wenn sie sich in Micks Camp nicht in ihr Schicksal ergibt, sondern aktiv wird – nicht als Rächerin, sondern weil sie überleben will. Nathan Phillips als Ben gibt trotz entsprechender Attribute nicht den Hengst, der sich vor ‚seine‘ Mädchen stellt, wenn es ernst wird und körperliche Gewalt gefragt ist, sondern fügt sich in das Trio ein. Um nicht ins beschriebene Klischee zu verfallen, nimmt Drehbuchautor McLean Ben sogar für den gesamten Mittelteil aus dem Geschehen, das Liz und Christie allein gestalten; erst im Finale kehrt er ins Geschehen zurück, ohne an den von Mick Taylor geschaffenen Tatsachen noch das Geringste ändern zu können.

Mick Taylor: Naturmensch und Mörder

Dieser von John Jarratt verkörperte Taylor ist die eigentliche Hauptfigur des Films. Sobald er die Szene betritt, beherrscht er sie – eine durchaus geplante Präsenz, die durch Jarratts Schauspielerkunst allerdings faszinierend gesteigert wird. Gegen diesen Mann können unsere drei Pechvögel nicht gewinnen, das wird rasch klar. Mick Taylor ist im Gegensatz zu ihnen ein Teil des Outbacks. Er kennt es und hat sich ihm angepasst: als Bewohner und als Killer, der hier ein Jagdrevier gefunden hat, das er beherrscht, ohne sich um eventuelle Verfolger sorgen zu müssen. Er ist ein Mann mit zwei Gesichtern, kann den altmodischen, geistig schlichten, fürsorglichen, absichtlich an Australiens Filmhelden Crocodile Dundee angelehnten und so um Vertrauen werbenden Zeitgenossen perfekt mimen, bevor er in der Sicherheit seines Camp die Maske fallen lässt.

Taylor ist ein buchstäblich organisierter Mörder. In seinem ansonsten verdreckten Camp hat jedes Werkzeug, jede Waffe, jedes Folterinstrument seinen festen Platz. Die entsetzte Liz findet sein Lager, in dem er das von seinen Opfern geraubte Gut sorgfältig einsortiert hat. Im Wissen um seine Unsichtbarkeit gestattet sich Taylor das Vergnügen, Leichen als Dekorationsobjekte zu missbrauchen: Niemand wird sein Camp je finden bzw. es lebendig verlassen.

Die wenigen Szenen offener Gewalt spielen sich vor allem in Micks Folterhütte ab. Die unglückliche Christie ist ihm hier ausgeliefert. Diese Sequenzen schmerzen, denn sie sind trotz des Ausbleibens gezeigter Folterungen von unglaublicher Intensität. Vor allem Christies Schreie, die wir lange hören und gleichzeitig nur die Hütte von außen sehen, regen die Vorstellungskraft in einer Richtung an, die Unbehagen weckt. Kestie Morassi und natürlich Jarratt liefern hier erschreckend glaubhafte Darstellungen, die von Regisseur McLean und Kameramann Will Gibson entsprechend inszeniert und bebildert werden. Dazu passt ein Finale, das wiederum nicht die Freunde eines durch Waffengewalt erzwungenen Happy-Ends bedient, sondern der Logik des Geschehens konsequent folgt. Mick Taylor steht dank John Jarratt als überlebensgroßer bzw. mythischer Unhold in einer Reihe mit Michael Myers, Jason Vorhees oder John „Jigsaw“ Kramer (weshalb ihn hierzulande die Zensur ebenso scharf im Auge behält wie diese). Dennoch dauerte es acht Jahre, bis Mick 2013 zurückkehrte. 2016 wechselte Jarratt in der Rolle seines Lebens zum Fernsehen und trat in der sechsteiligen Mini-Serie „Wolf Creek“ auf.

DVD-Features

Sie sind heute üblich und werden erwartet, beschränken sich jedoch viel zu oft auf verkappte Zusatzwerbung für den Hauptfilm. Selten bieten die Features das, was der Filmfan erwartet: echte Hintergrundinformationen, die das Vergnügen an der Illusion keineswegs schmälern, sondern den Film-Spaß ergänzen und komplettieren. „Wolf Creek“ stellt auch in diesem Punkt die erfreuliche Ausnahme von der Regel dar. Ein fünfzigminütiges „Making of“ liefert kompakt und kundig, offen und unterhaltsam, mit gut ausgesuchten Szenen bestückt und fachmännisch geschnitten, was des Filmfreunds Herz begehrt. Nur 25 Drehtage und 1,5 Mio. Dollar standen Greg McLean, seinem Team und den Darstellern zur Verfügung. Improvisation war immer wieder gefragt, zumal ein Großteil der Dreharbeiten tatsächlich im Outback stattfand. Die Natur lässt sich nicht inszenieren. So geschah es, dass in einer Wüstenregion der erste Regen seit vielen Jahren genau dann fiel, als die Filmcrew dort erschien. Das Wetter wurde nachträglich für die Geschichte thematisiert – ein aus der Not geborener Einfall, der sich als Glücksfall erwies und für eine ganz eigene Stimmung sorgte.

Unterstützt wurde diese durch den Einsatz zwar kostengünstiger aber moderner Technik. „Wolf Creek“ wurde im High-Definition-Verfahren gefilmt, was man den Film nicht nur nachträglich vielfältiger bearbeiten konnte, sondern vor allem eine Bildschärfe erreichte, die den Zuschauer staunen lässt. Der Outback bietet sich nicht als verschwommene Vision unendlicher Weite dar, sondern wird umrissscharf abgebildet und ermöglicht detailreiche Bildkompositionen, die auch am heimatlichen Fernsehbildschirm erkennbar bleiben.

Eine ideale Ergänzung zum „Making of“ stellt der Audiokommentar von Greg McLean, Matt Hearn, Cassandra Magrath und Kestie Morassi dar. Sie alle haben Interessantes aus der Sicht des Regisseurs, des Produzenten und der Schauspieler beizutragen. Wenn wir anschließend die „Deleted Scenes“ betrachten, wissen wir, wieso sie aus dem Film geschnitten wurden. (Selbstverständlich gibt es auch noch den Trailer, eine Fotogalerie und TV-Spots, auf die man indes verzichten kann.)

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Wolf Creek
Originaltitel: Wolf Creek (Australien 2005)
Regie u. Drehbuch: Greg McLean
Kamera: Will Gibson
Schnitt: Jason Ballantine
Musik: Frank Tetaz (als François Tétaz)
Darsteller: Nathan Phillips (Ben Mitchell), Cassandra Magrath (Liz Hunter), Kestie Morassi (Christie Earl), John Jarratt (Mick Taylor), Gordon Poole (alter Autofahrer), Guy O’Donnell (Autohändler), Geoff Revell (Tankwart), Andy McPhee (schmieriger Trucker) u. a.
Label/Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment; ab 2008: Studiocanal
Erscheinungsdatum: 09.03.2007 (DVD)/14.09.2015 (Blu-ray/Collector’s Edition)
EAN: 4006680038230 (DVD)/4260207722082 (Blu-ray/Collector’s Edition)
Bildformat: Widescreen (1.78:1 anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (deutsch, englisch), DTS Digital 5.1 (deutsch)
Untertitel: deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 95 min. (Blu-ray/Collector’s Edition: 99 bzw. 105 min. [unrated])
FSK: 18

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