Woodoo – Schreckensinsel der Zombies

Originaltitel: Zombi 2 (Italien 1979)
Regie: Lucio Fulci
Drehbuch: Elisa Briganti (u. Dardano Sacchetti)
Kamera: Sergio Salvati
Schnitt: Vincenzo Tomassi
Musik: Giorgio Tucci [d. i. Giorgio Cascio], Fabio Frizzi (sowie Adriano Giordanella u. Maurizio Guarini)
Darsteller: Tisa Farrow (Anne Bowles), Ian McCulloch (Peter West), Richard Johnson (Dr. David Menard), Al Cliver (Brian Hull), Auretta Gay (Susan Barrett), Stefania D’Amario (Krankenschwester), Olga Karlatos (Paola Menard), Ugo Bologna (Dr. Bowles), Franco Fantasia (Matthias), Ramón Bravo (Unterwasser-Zombie) uva.
Label/Vertrieb: Laser Paradise bzw. CMV Laservision (uncut)
Erscheinungsdatum: 04.12.2006 (DVD/cut) bzw. 27.07.2007 (DVD/uncut)
EAN: 4012019979945 (DVD/cut) bzw. 4026643083749 (DVD/uncut)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Italienisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 84 min. (uncut: 88 min.)
FSK: 16 (uncut: 18 – SPIO/JK)

Titel bei Amazon.de (DVD/KSM-Fassung)
Titel bei Amazon.de (DVD/Laser Paradise-Fassung)

Das geschieht:

Ein Segelboot treibt vor der Skyline von New York. Die Küstenwache findet es scheinbar menschenleer vor, bis ein grässlich verunstalteter Passagier aus einer Kabine springt, einem Beamten die Kehle durchbeißt und beginnt, ihn zu verspeisen: Das Boot des Dr. Bowles hat pechschwarze Woodoo-Magie in Gestalt eines untoten Zombies von den Antillen mitgebracht!

Die Polizei befragt Bowles‘ Tochter Anne, die jedoch ratlos ist, da sie ihren Vater – einen Spezialisten für tropische Krankheiten – seit seiner Abreise zur kaum bekannten Karibik-Insel Matool nicht mehr gesehen hat. Um das Rätsel zu lösen, tut sie sich mit dem Journalisten Peter West zusammen und reist zu den Westindischen Inseln. Dort chartert das Paar das Boot der Weltenbummler Brian Hull und Susan Barrett, die sie nach Matool bringen sollen.

Dort hat sich die Lage dramatisch zugespitzt. Nachdem Bowles und die meisten anderen Ärzte an einer mysteriösen ‚Krankheit‘ gestorben sind, hält allein Dr. David Menard die Stellung. Vor drei Monaten haben sich die ersten Toten aus ihren Gräbern erhoben. In immer größerer Zahl terrorisieren sie seither die Insel, die von der Außenwelt abgeschnitten ist. Menard weigert sich, an Magie zu glauben, und beharrt darauf, dem Phänomen streng wissenschaftlich auf den Grund zu gehen.

Als er den Ernst der Lage endlich begreift, ist es zu spät. Die Inselbevölkerung ist in die Tiefen des Dschungels geflüchtet. Zurück blieben nur die gut gefüllten Friedhöfe, auf denen sich nunmehr auch die ältesten ‚Bewohner‘ rühren. Ahnungslos geraten Anne und ihre Gefährten in das Inferno. In der kleinen, baufälligen Inselkirche verbarrikadiert sich die schnell zusammenschmelzende Schar der Überlebenden, während aus der nächtlichen Dunkelheit die hungrigen Zombies in Rudeln anrücken, um diese letzte Bastion zu stürmen …

Vom Untergang des Abendlandes

„Woodoo“ gehört zu jenen Filmen, die nicht aufgrund inhaltlicher oder formaler Qualitäten in die Geschichte eingegangen sind. Stattdessen erregten sie die intensive Aufmerksamkeit sozialpädagogisch, kirchlich oder kulturpolitisch motivierter Gruppen, die hier ein Exempel fanden, mit dem sie dem verhassten Horrorfilm der allzu plakativen Art anprangern sowie wenn möglich den Garaus machen konnten. So avancierte „Woodoo“ zu einem absichtlich indoktrinierenden „Nasty“, der seine Zuschauer selbst in Zombies – nämlich vertierte, brutale, menschenverachtende Zeitgenossen – verwandeln würde, wenn man sie nicht vor solchem Horror bewahrte.

Zwar stand das bewährte Instrument der staatlichen Zensur nicht mehr zur Verfügung, doch Tugendwächter und -bolde haben zu allen Zeiten Mittel und Wege gefunden, den Mitmenschen ihre Weltsicht und vor allem ihren Willen aufzudrängen. An dieser Stelle würde es zu weit führen (obwohl es hochinteressant und exemplarisch wäre), die verschlungenen Pfade nachzuzeichnen, auf denen sich Lucio Fulcis „Woodoo“-Zombies seit 1979 ihrem Publikum nähern mussten. Dieses Problem hatten sie nicht nur aber vor allem in Deutschland, wo die erwähnte Phalanx bewegter Jugendschützer besonders fest steht.

Diese Einrichtungen verfügen zwar nicht über die Feinfühligkeit aber über das Gedächtnis eines Elefanten. Einmal auf dem Radar erschienene Kandidaten werden ungern aus der Verfügungsgewalt entlassen. So kommt es zu der absurden Situation, dass über der ungeschnittenen Fassung von „Woodoo“, einem Film von 1979, weiterhin das Damoklesschwert der Indizierung hängt, während beispielsweise die „Walking-Dead“-Zombies im frei empfangbaren Fernsehen ungleich drastischer zur Bluttat schreiten dürfen.

Der Blick hinter die Staubwolke

Es ist gar nicht so einfach, im 21. Jahrhundert einen alten Film wie „Woodoo“ unbeeinflusst zu beurteilen. Da er so heftig verfemt wurde, hat man ihn als Freund des Genres meist längst vorsätzlich gesehen („Zensur ist geheime Empfehlung durch öffentliches Verbot“, drückte es Dieter Hildebrandt einmal aus), zumal notfalls das Internet gewisse Möglichkeiten bietet, in den Genuss der vollständigen Fassung zu kommen. Das gemeinsame Gebelfer von Tugendwächtern und konfrontationslustigen Horrorfreunden übertönt freilich die Kernfrage: Ist es überhaupt ein Genuss, „Woodoo“ in seiner Gesamtdauer von 88 Minuten anzusehen? Genau darum soll es nach der ausführlichen, jedoch notwendigen Einleitung an dieser Stelle gehen.

Die Kritik darf sich dabei nicht an produktions- oder gar zeitbedingten Schwachpunkten festbeißen. 1979 liegt filmtechnisch in der Urzeit. Die Spezialeffekte sind noch sämtlich ‚handgemacht‘, eine digitale Nachbearbeitung wird noch Jahre auf sich warten lassen. Zudem ist „Woodoo“ ein Schnellschuss aus der italienischen Filmproduktion, die in den 1970er Jahren Genre-Kost am Fließband auf den Markt warf: schnell und billig hergestellt, rasch in die Kinos gebracht und ausgewertet, bis gleich der nächste Streifen folgt. Um das Risiko zu minimieren, werden die Geschichten actionreich, blutig und nackt erzählt: Das „Exploitation“-Kino blüht.

Kein Klassiker, sondern Handwerk

Als „Woodoo“ gedreht wurde, dachte vor und hinter der Kamera niemand daran, bei der Geburt eines Klassikers behilflich zu sein. Regisseur Lucio Fulci war als Regisseur kurzfristig für einen Kollegen eingesprungen und hatte keine Ahnung vom Horrorfilm. Die Schauspieler wanderten von einem Genrefilm zu nächsten; sie taten, was ihnen das Drehbuch hieß, und brachten die Sache hinter sich. Dass die US-amerikanischen Darsteller die italienische Sprache nicht beherrschten, war weder neu noch problematisch: Der Film wurde nachsynchronisiert.

Rher als Talent setzt sich unter solchen Bedingungen handwerkliches Geschick durch. Fulci wusste vor und hinter der Kamera sehr gut Bescheid; in seiner aktivsten Zeit inszenierte er bis zu drei Filme jährlich, für die er oft selbst die Drehbücher schrieb. Wie Alfred Hitchcock liebte er es, selbst kleine Rollen in seinen Filmen zu übernehmen.

Auch Fulcis Mitstreiter waren Veteranen eines zweckdienlich ausgerichteten Kinos, das Unterhaltung produzierte und Anspruch ignorierte. In diesem Umfeld wurde mancher heute als Meisterleistung gefeierter Effekt aus blanker Not geboren. Zu Recht immer wieder Erwähnung findet ein in „Woodoo“ tobender Unterwasserkampf zwischen einem Zombie und einem zweifelsohne bis in die Flossenspitzen mit Betäubungsmitteln vollgepumpten aber dennoch imposanten Tigerhai. Die (ohnehin dem schon fertigen Film nachträglich angeflanschten) New-York-Szenen entstanden ohne (kostspielige) Drehgenehmigungen; die „Küstenwachen“ wurden von dienstfreien Polizisten gespielt, die ihre Uniformen selbst mitbrachten. Ungeachtet dessen sind alle diese Aufnahmen erstaunlich eindrucksvoll geraten. Auch die in der Dominikanischen Republik gedrehten Panoramen können sich buchstäblich sehen lassen.

Als Horror sich Zeit lassen konnte

Das Drehbuch ist mehr Mittel zum Zweck. Die Logik nimmt sich gern frei, damit das (männliche) Zuschauerauge frei schweifen kann. Also wird die angebliche dringende Suchexpedition nach Matool zwischenzeitlich unterbrochen, weil die ansehnliche Susan unter Wasser ein paar Fische fotografieren will. Außer der Sauerstoffflasche trägt sie dabei nur eine Art String-Tanga, womit sich der Sinn dieser Sequenz erschließt. Später steht Dr. Menards ebenfalls gut gebaute (und deutlich jüngere) Gattin nackt vor gleich zwei Badezimmerspiegeln, sodass ihr Körper aus wirklich jedem Blickwinkel bewundert werden kann.

Aus heutiger Sicht verblüfft das behäbige Tempo des Geschehens. Wir haben uns an kurze Szenen und schnelle Schnitte gewöhnt. 1979 entwickelte sich eine Handlung langsamer. Selbst die Zombie-Attacken wirken gemächlich. Fulcis Untote sind ohnehin recht fußlahm, weshalb sich ihre Opfer möglichst unauffällig in eine dunkle Ecke manövrieren müssen, aus der sie angefallen werden können. Die beste Chance zur Frischfleischbeschaffung haben die Zombies, wenn sich Ortsfremde zum Ausruhen direkt auf eines der Gräber legen, die auf Matool offensichtlich höchstens 30 cm ‚tief‘ ausgehoben werden; lägen sie ordnungsgemäß unter 1,80 m Inselerde, könnten die Untoten sicher nicht so eindrucksvoll aus der Erde brechen.

Woher kommen die Zombies eigentlich? Menard erwähnt irgendwann einen „Schamanen“, der jedoch durch permanente Abwesenheit glänzt. Was könnte ihn dazu bewogen haben, die Untoten zu rufen? Niemand weiß es, aber zumindest der kritische Zuschauer macht sich entsprechende Gedanken, um sich u. a. davon abzulenken, dass die apokalyptisch heran wankenden Horden stets aus höchstens zwölf Zombies bestehen.

Die Lebenden und die Toten

Seit jeher ist das B-Movie-Kino Brutstätte und Auffangbecken zugleich. Ganz junge Darsteller unternehmen hier erste Gehversuche, gestandene Schauspieler federn ein Karrieretief ab. Über allem aber steht der Drehplan, gesetzte Termine müssen eingehalten werden. Also fließen Improvisationen und sogar echte Ausfälle oft peinlich deutlich in den fertigen Film ein. So nimmt links und rechts der (üblichen zwölf) drohend über die Fußgängerstrecke der Brooklyn Bridge gen Stadtzentrum torkelnden Zombies der übliche Feierabend-Autoverkehr seinen Lauf; es war zu teuer, ihn für diese Szene auszusperren.

In unserem Fall setzte dem Regisseur nicht nur der Budgetrahmen Grenzen. Hauptdarstellerin Tisa Farrow – Mias jüngere Schwester – lässt in keiner einzigen Szene auch nur einen Funken darstellerischen Talentes sprühen. Trauer, Todesangst, Liebe: In ihrem Gesicht rührt sich kein Muskel. Kein Wunder bzw. Glückwunsch, dass sie sich 1980 aus dem Filmgeschäft zurückzog, denn selbst das Mienenspiel der Untoten gerät lebhafter. Auretta Gay ist nur rudimentär anwesender, aber sie gleicht dies wenigstens in ihrer Tauch-Szene aus.

Ian McCulloch ist einfach nur Profi und kommt gut über die Runden. Richard Johnson ist als allzu betriebsblinder Dr. David Menard sogar ausgezeichnet. Man kann sich ihn in dieser Rolle als den eitlen, mit schrecklichen Folgen gescheiterten (und ebenfalls von Johnson gespielten) Dr. John Markway aus Robert Wises Meisterwerk „The Haunting“ (1963, dt. „Bis das Blut gefriert“) in späteren Jahren vorstellen.

Für die Zombie-Masken wurde „Woodoo“ oft gerühmt. Oft genug werden Zombie-Darsteller noch heute mit brauner und grauer Farbe übergossen und lassen ‚Blut‘ aus ihren Mäulern rinnen: Fertig soll der grausige Untote sein. Fulci arbeitete redlich. ‚Seine‘ Zombies wurden sorgfältig und aufwändig mit Lehm und Blutfarbe bestrichen. In dem feuchten Material hafteten auch Maden und Würmer hervorragend, was den Effekt angemessen ekelig unterstrich. Hin und wieder kamen Modelle zum Einsatz, die effektvoll in Stücke geschossen, zerhauen oder verbrannt werden konnten.

So bleiben zum Schluss einmal mehr nur das ratlose Kratzen am Kopf und das Zitieren von Shakespeare: „Much Ado about Nothing“ – „Viel Lärm um nichts“ – nannte er 1599 eine seiner Komödien. Was auch immer „Woodoo“ in das filmische Gegenstück eines Bürgerschrecks verwandelt haben könnte, hat sich im Laufe vieler Jahre verflüchtigt. Übrig blieb ein ganz normaler Horrorfilm, an den sich ohne den genannten „Lärm“ heute kaum jemand erinnern würde. Selbst der Horror-Freund muss diesen Film nicht kennen oder kennt ihn über die zum Einsatz gebrachten Klischees viel zu gut. Keine cineastische Offenbarung, sondern Interessante und durchaus unterhaltsame 90 Minuten springen aber doch heraus.

DVD-Features

In den Jahrzehnten seit 1979 wurde „Woodoo“ hierzulande von zahlreichen Labeln in unzähligen Fassungen veröffentlicht. Der mündige Zuschauer sollte selbstverständlich zur ungeschnittenen Version greifen, die ihn – es sei nochmal versichert – keineswegs in einen Amokläufer verwandeln wird.

Der Veröffentlichungswirrwarr kann und soll an dieser Stelle nicht geklärt werden. Mit diesem Thema haben sich dankeswerterweise Spezialisten detailversessen und kundig beschäftigt, auf die deshalb verwiesen wird (vgl. beispielsweise http://www.ofdb.de)

Ich habe mich bemüht, die derzeit aktuellste geschnittene bzw. ungeschnittene Fassung festzustellen (wofür ich keine Gewähr übernehme) – dies auch deshalb, weil viele Websites bzw. ‚Meinungsplattformen‘ – die ja auch immer lukrativ auf Händler verlinken – vorsichtshalber Berichte über Medien unterdrücken, sobald sie nur in den Verdacht einer Indizierung geraten. Über die gestutzte Kindergarten-Version von „Woodoo“ darf geschrieben werden, weshalb diese hier (ungern) Erwähnung findet, während der interessierte Zuschauer eingeladen ist, in Sachen Uncut-„Woodoo“ selbst ein wenig zu recherchieren. (Kleiner Trost: Die gesetzlich verordnete Schere im Kopf fördert die Kreativität.) Jedenfalls gilt, dass die ungekürzten Versionen mit den ausführlichsten und interessantesten Features ausgestattet sind.

[md]

Titel bei Amazon.de (DVD/KSM-Fassung)
Titel bei Amazon.de (DVD/Laser Paradise-Fassung)