Aus dem flüssigen Inneren der Erde steigt in Schottland eine amöbenhafte Kreatur an die Oberfläche, um sich gewalttätig und mörderisch radioaktive ‚Nahrung‘ zu verschaffen …  – Früher Science-Fiction-Film der britischen Filmfirma „Hammer“; die zwar groteske, aber sorgsam entwickelte Handlung bietet eine „gemütliche Apokalypse“ mit heute völlig durchsichtigen ‚Spezialeffekten‘ und haarsträubenden Naivitäten im Umgang mit der Atomenergie: vergnüglich altmodische Genre-Unterhaltung.

Das geschieht:

Nahe Glasgow bricht auf einem Übungsplatz der Armee eine tiefe Erdspalte auf. Radioaktiver Dampf steigt auf und verbrennt zwei Soldaten. Das Oberkommando steht vor einem Rätsel und wendet sich hilfesuchend an John Elliott, der ein nahes Atomkraftwerk leitet. Elliott schickt Dr. Adam Royston, einen fähigen aber exzentrischen Wissenschaftler, an die Unglücksstelle.

Während Roystons Untersuchungen erfolglos bleiben, beginnt in der Umgebung das Grauen umzugehen. Ein Kind stirbt an radioaktiven Verbrennungen, ein Krankenhaus wird seiner Radium-Vorräte beraubt. Royston entwickelt eine bizarre Theorie: Bewohner aus dem Inneren der Erde sind auf der Suche nach Energie, die für sie Nahrung bedeutet, an die Oberfläche vorgedrungen. Radioaktive Stoffe besitzen den größten ‚Nährwert‘, weshalb die Kreaturen sie auch in der Außenwelt zu finden wissen.

Nur Inspektor McGill, der im Auftrag der Regierung in dem Fall ermittelt, schlägt sich auf Roystons Seite. Die Armee wirft Bomben in den Spalt und füllt ihn mit Beton auf, womit die Angelegenheit für das Militär erledigt ist. Aber die Kreatur – es ist nur eine – existiert. Sie brennt sich buchstäblich durch die Betondecke und begibt sich auf einen neuen Raubzug. Ihr Ziel ist dieses Mal das Elliottsche Atomkraftwerk. Kann es sich an dem dort getesteten Radium laben, muss mit einem enormen Wachstumsschub gerechnet werden. Um das Werk zu erreichen, muss sich das Wesen seinen Weg durch die Stadt Inverness bahnen. Die ahnungslosen Bürger ergreifen die Flucht, das Militär ist machtlos: Mit Feuer oder Schusswaffen kann man einer durch Atomkraft belebten Kreatur nichts anhaben.

Royston plagt sich in seinem privaten Labor mit einem Verfahren, das radioaktiven Stoffen explosionsfrei ihre Energie entziehen soll. Zwar hat es noch nie funktioniert, doch es bleibt keine Wahl: Die Apparaturen müssen dort aufgebaut werden, wo die Kreatur unaufhaltsam ihrem Ziel entgegen wabert …

Unterhaltung benötigt manchmal Nostalgie

„XX … Unbekannt“ ist einer jener Filme, deren Inhaltsangabe die Kinowerbung eher vage hält. Dies leuchtet viele Jahrzehnte nach der Erstaufführung sogar noch stärker ein, obwohl auch der zeitgenössische Zuschauer sich (hoffentlich) seine Gedanken über die in jeder Hinsicht hanebüchene Handlung gemacht hat.

Ein Drehbuch, das den Tatbestand des Schwachsinns erfüllt, ist freilich kein Grund für das Scheitern eines Filmprojektes, das einfach nur unterhalten soll. „XX … Unbekannt“ ist kein Trash: Regisseur und Autor machen sich nicht über die eigene Geschichte lustig, sondern erzählen sie völlig ernst. Die Schauspieler halten sich an dieses Konzept. Ein wenig Humor lockert durchaus die Handlung auf, aber diese Szenen sind tatsächlich humorvoll gemeint und angelegt.

Der Trash-Faktor schimmert unabsichtlich dort durch, wo das knappe Budget und die im Vergleich mit den filmischen Wunderwerken der Gegenwart rudimentäre Tricktechnik der Illusion Grenzen setzt. Gelingt es dem Zuschauer, seinen Spott zu verdrängen und sich diese Sequenzen mit den Augen des zeitgenössischen Publikums anzuschauen, gewinnen sie ihre Bedeutung für das Geschehen, wo sie die Spannung auf altmodische aber gelungene Weise steigern.

Für eine gute Tasse Tee ist immer Zeit!

Eine gewisse Zeitlosigkeit erfährt „XX … Unbekannt“ durch die quasi dokumentarische Inszenierung. Die Handlung wird sorgfältig, aus heutiger Sicht sogar schleppend entwickelt. Trotzdem ist dies kein ‚langsamer‘ Film; so setzt das Geschehen sehr abrupt und mit einem frühen Höhepunkt auf einem Truppenübungsplatz ein. Geändert haben sich seit 1956 Stil und Rezeption: Filme werden heute deutlich schneller geschnitten. Das Publikum hat sich daran gewöhnt und erwartet dieses Tempo. Seine Getragenheit darf man „XX … Unbekannt“ deshalb nicht zum Vorwurf machen.

Bei kaum mehr als 75-minütiger Laufzeit kann sich die Handlung ohnehin keine Pausen gestatten. Sie führt zügig auf ihren Höhepunkt hin. Der Weg fordert erneut die Rücksicht des heutigen Zuschauers. Spannung wurde einst anders gesteigert als heute. Die Kamera schlüpft in die Rolle des Atom-Ungeheuers. So erleben wir die ersten Auftritte des Monsters nur als Reaktion, die sich in entsetzten Gesichtern spiegelt. Es folgt ein entsetzlicher Schrei, der plötzlich abbricht: Diese Pechvögel müssen etwas Grauenvolles gesehen haben – eine Vermutung, die in einer bestimmten Erwartungshaltung gipfelt: Wir freuen uns auf den Moment, wenn auch uns das Ungetüm endlich enthüllt wird!

Als dies geschieht, können wir Zuschauer des 21. Jahrhunderts nur irritiert, enttäuscht, amüsiert oder wütend sein: Die Kreatur entpuppt sich als rhythmisch leuchtender Wackelpudding, der sehr offensichtlich über schräggelegte Miniaturkulissen gleitet. Für das Publikum des Jahres 1956 fehlte die Erfahrung digitaler Wunderwelten.

Science Fiction plus Horror plus Thriller

Mit „The Curse of Frankenstein“ (dt. „Frankensteins Fluch“) begann die britische Produktionsfirma „Hammer“ 1957 den schier endlosen Reigen jener harten, in Farbe gedrehten Horrorfilme, für die sie bekannt und berüchtigt wurde. Doch „Hammer“ existierte schon vor dem II. Weltkrieg. Nach 1945 begann man zunächst mit dem Genre Science Fiction zu experimentieren. 1955 gelang Hammer mit „The Quatermass Xperiment“ (dt. „Schock“) ein schwarzweißer Blockbuster, der zudem in die Geschichte des SF-Films einging.

„XX … Unbekannt“ sollte eigentlich die Fortsetzung werden. Nigel Kneale, der die Figur des Bernard Quatermass erschaffen hatte, wollte sie jedoch für diesen Film nicht freigeben. So wurde aus Quatermass Dr. Adam Royston. Stil und Stimmung blieben indes erhalten. (1957 entstand unter Beteiligung von Kneale „Quatermass 2“/„Feinde aus dem Nichts“.)

Eigentlich sollte Joseph Losey „XX … Unbekannt“ inszenieren. Ein auch filmtechnisch interessanter Film hätte entstehen können, denn Losey zählt zu den Großmeistern der Regie. Während der McCarthy-Ära war er als „Kommunist“ denunziert worden. Losey hatte die USA verlassen und versuchte sich in Europa zu etablieren. Dort setzte er seine Karriere mit vielen bemerkenswerten Regiearbeiten fort. 1956 stand er noch am Anfang. Da „XX … Unbekannt“ nicht nur auf dem britischen Filmmarkt, sondern auch in den US-Kinos Geld einspielen wollte, hätte „Hammer“ gern einen auch jenseits des Atlantiks bekannten Namen engagiert. Der patriotische Dean Jagger wollte allerdings nicht mit dem „Roten“ Losey zusammenarbeiten. Dieser musste Leslie Norman weichen.

Das Grauen kann heimelig sein

Die „gemütliche Apokalypse“ ist eine sehr britische Literaturform. Schon H. G. Wells‘ Klassiker „Krieg der Welten“ (1898) ließ die Invasion vom Mars über eine Inselwelt hereinbrechen, die dem Untergang mit der berühmten „steifen Oberlippe“ und unter Wahrung von Form und Anstand begegnete. Später setzten Autoren wie Robert C. Sherriff, John Wyndham oder John Christopher diese Tradition fort.

„XX … Unbekannt“ ist im ländlichen Schottland angesiedelt. Zwar spielt die Atomkraft eine große Rolle, doch dort, wo sie erforscht wird, scheint die Zeit schon lange stehengeblieben zu sein. Auch die ‚Hightech-Forschung‘ des Dr. Royston spielt sich in einem selbstgebauten Schuppen ab; seine Versuchsapparaturen hat er zum großen Teil offensichtlich aus den Bestandteilen eines Baukastens für Kinder gebastelt.

Der Umgang mit dem Thema Atomkraft und Radioaktivität ist ohnehin einem politischen Zeitgeist geschuldet, der heute das wahre Horror-Element dieses Filmes darstellt. Drehbuchautor Jimmy Sangster und Leslie Norman verschweigen nicht die Gefahren, die mit ihrer Nutzung als Energieträger und vor allem als Waffe verbunden sind. Eine aus dem Kontext fallende Szene zeigt den verzweifelten Vater eines gerade an radioaktiver Vergiftung gestorbenen Kindes, der Royston schwere Vorwürfe macht und ihn als Handlanger einer Forschung anprangert, die sich primär für das Zerstörungspotenzial der Atomkraft interessiert. Royston reagiert betroffen, überwindet dies aber schnell mit dem Hinweis, dass der Vater irre: Nicht Zerstörung, sondern Energiegewinnung sei sein Motiv – ein Argument, dass nach Harrisburg, Tschernobyl oder Fukushima auch nicht mehr stechen kann.

Es kam aus dem Inneren der Erde

Obwohl die Spezialeffekte wie erwähnt der Herausforderung einer überzeugenden Darstellung der umgehenden Kreatur nicht gewachsen sind, holt Kameramann Gerald Gibbs das Beste aus den kümmerlichen Kulissen heraus. Schon als die Erdspalte aufbricht, muss die Fantasie des Zuschauers ihm zu Hilfe kommen. Wenn nichts brennen, explodieren oder durch das Unterholz geistern soll, können die Kulissenbilder überzeugen. Dass in Schwarzweiß gedreht wurde, unterstützt die Glaubwürdigkeit durch den geschickten Einsatz von Licht und Schatten.

In einigen Szenen wird es sogar rabiat, was „XX … Unbekannt“ in Deutschland die an sich lächerliche Freigabe ab erst 16 Jahren beschert. Vor allem den unglücklichen Arzt im Krankenhaus erwischt es hart: Sein Körper bläht sich auf, aus den geschwollenen Fingern spritzt Blut, und schließlich fließt ihm das geschmolzene Fleisch vom Schädel. Generell wird jedoch sehr moderat gesplattert.

Das Atom-Monster wurde schon erwähnt. Es wirkt in der Tat wie ein britischer Bruder des „Blob“, der allerdings erst 1958 in den USA (sowie hierzulande als „Blob – Schrecken ohne Namen“) sein Unwesen trieb. Da unsere radioaktiv im Geigerzähler lustig knatternde Kreatur nur durch die Schwerkraft (bzw. durch Besenstiel-Schubser von unten) ‚bewegt‘ wird, sehen wir sie niemals aktiv nach einem Unglücksraben greifen. Besonders schnell ist sie auch nicht, was ihre Bedrohlichkeit weiter schmälert.

Mutige Männer tun ihren Job

„XX … Unbekannt“ ist ein Film ohne Stars. Sie hätten den Finanzrahmen gesprengt. Man griff auf oft und gern beschäftigte britische Darsteller zurück, die wie üblich einen guten Job leisteten.

Den nun schon mehrfach zur Sprache gebrachten dokumentarischen Aspekt unterstreicht ein Drehbuch, das jegliche Liebesgeschichte ausklammert. Frauen treten nur als Krankenschwestern oder Mütter und am Rande auf. Das weibliche Publikum möge die folgende Zeile überspringen, aber faktisch bekommt der Story der Verzicht auf die übliche Romanze gut. Sie gehört nicht in die Handlung, und sie wird ihr nicht aufgezwungen – eine Konsequenz, die man gern öfter sähe.

Für eine letzte Irritation sorgt das Finale: Natürlich gelingt das riskante Experiment von Dr. Royston. Das Monster verwandelt sich in feuchten Lehm. Plötzlich explodieren seine Reste – eine Reaktion, die den Forscher erschreckt. Leider war wohl das Budget genau jetzt ausgeschöpft. Während der Zuschauer auf den finalen Twist wartet, der gerade angekündigt wurde, bricht der Film einfach ab, und die Schlusstitel beginnen zu laufen – kein glücklicher Ausklang für einen Film, der ansonsten für ein altmodisches aber trotz des Alters bildscharfes Vergnügen sorgt.

DVD-Features

„XX … Unbekannt“ wurde von Anolis Entertainment als 4. Teil der Reihe „British Horror Classics“ veröffentlicht. Da dieser Film 1956 als reines Unterhaltungsprodukt entstand, hielt sich die Zahl der noch aufzufindenden Extras in engen Grenzen. Aufgespielt werden konnten deshalb nur ein Trailer, eine selbstablaufende Galerie mit 14 Szenenfotos sowie ein achtseitiges Filmprogramm aus Dänemark. Hinzu kommt ein vierseitiges Booklet mit Hintergrundinformationen des Filmexperten Uwe Huber.

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XX … Unbekannt
Originaltitel: X: The Unknown (GB 1956)
Regie: Leslie Norman
Drehbuch: Jimmy Sangster
Kamera: Gerald Gibbs
Schnitt: James Needs
Musik: James Bernard
Darsteller: Dean Jagger (Dr. Adam Royston), Leo McKern (Inspektor McGill), Jameson Clark (Jack Harding), William Lucas (Peter Elliott), Edward Chapman (John Elliott), Peter Hammond (Lieutenant Bannerman), John Harvey (Major Cartwright), Anthony Newley (Lance Corporal „Spider“ Webb), Michael Ripper (Sergeant Harry Grimsdyke), Ian McNaughton (Haggis), Marianne Brauns (Zena), Norman Macowan (Old Tom) uva.
Label: Anolis Entertainment
Erscheinungsdatum: 12.05.2005 (DVD)
EAN: 4020974156608 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,33 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 2.0 Mono (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 77 min.
FSK: 16

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