Eine Expedition folgt einem verrufenen Pfad in die Wildnis. Seltsames geschieht, ein Zurück gibt es nicht, und bald beginnen sich die Teilnehmer zu verändern: dunkelste Geheimnisse drängen mörderisch an die Oberfläche … – Fixiert auf das absichtlich unerklärt bleibende Mysterium, kann der als „Mockumentary“ inszenierte Film die anfängliche Spannung im Mittelteil nur manchmal halten und mündet in ein ratlos wirkendes Finale: unterhaltsam, wenn man den Weg stärker schätzt als das Ziel.

Das geschieht:

Ein historisches Rätsel ist das Schicksal jener 572 Bürger, die eines Tages im Jahre 1940 Friar, ihr Heimatstädtchen in einem besonders abgelegenen Winkel des neuenglischen US-Staates New Hampshire, verließen und mit quasi leeren Händen in die Wildnis zogen. Dort fand man später Leichen, doch viele Bürger verschwanden spurlos. Nur einen Überlebenden entdeckte man; der verwirrte Mann sprach nur von einer überirdischen Musik, der die Menschen von Friar auf einem „Yellow Brick Road“ genannten Pfad wie der Flötenmelodie des Rattenfängers von Hameln folgen mussten.

Sieben Jahrzehnte nach den nie geklärten Ereignissen macht sich eine kleine aber mit moderner Hightech ausgestattete Expedition auf, diesem Pfad bis zu seinem Ende zu folgen. Unter der Leitung des Journalisten- und Ehepaars Teddy und Melissa Barnes und fachlich beraten von ihrem Freund, dem Soziologen Walter Myrick, werden sie von den Kartografen (und Geschwistern) Daryl und Erin Luger und ihrer Praktikantin Jill, dem Tonmann Cy Banbridge sowie der Kinoangestellten Liv McCann begleitet, die aus Friar stammt und weiß, wo die Yellow Brick Road ihren Anfang nimmt.

Der Weg führt die Gruppe durch immer noch unerschlossenes Terrain. Zunächst gibt die moderne Technik – Handy, GPS, Funk – ihren Geist auf, später versagen auch Kompass und Sextant. Dann ertönt Musik aus den 1930er Jahren, die an Lautstärke zunimmt, je weiter die Expedition vordringt: nach Norden, denn wie sich herausstellt, findet man den Rückweg nicht mehr.

Nervosität breitet sich aus, die sich zur Angst steigert. Unter dem Einfluss der Musik beginnen die Gefährten sich zu verändern: Was bisher tief in gut abgeschlossenen Kellerräumen ihrer Seelen schlummerte, bricht sich Bahn. Egoismus, Streitsucht, Eifersucht und schließlich Mordlust führen zur kollektiven Katastrophe, während die schrumpfende Gruppe sich immer weiter schleppt …

Immer voran und doch nur im Kreis

„YellowBrickRoad“ gehört zu jenen Filmen, die man nur lieben oder hassen kann. Selbst diejenigen Freunde des phantastischen Kinos, die offen für neue Seh-Erfahrungen sind, fällt ersteres dieses Mal schwer. Sie müssen sich mühsam ausmalen, was dem Drehbuch- und Regie-Duo Jesse Holland und Andy Mitton mutmaßlich vorschwebte: eine Geschichte, die nicht von der üblichen Queste erzählt und in der finalen Auflösung eines Rätsels gipfelt, sondern sich in der Darstellung des Rätsels erschöpft bzw. auf die Reaktionen von Menschen konzentriert, die mit dem Rätsel konfrontiert werden.

Passend zum Titel ist in „YellowBrickRoad“ der Weg das Ziel. Dieses Konzept kann durchaus faszinieren und hat sogar Arthouse-Filmklassiker hervorgebracht; „Stalker“ (1979) von Andrei Tarkowski ist vielleicht das berühmteste Beispiel. Allerdings ist es riskant, dem tief ausgefahrenen aber bewährten Weg der stringenten Unterhaltung den Rücken zu klären. Das aufgeworfene Rätsel muss nicht nur rätselhaft sein, sondern auch für spannende Verwicklungen sorgen. Stets in gefährlicher Nähe ist dabei der kritische Punkt, an dem der Zuschauer nicht mehr miträtseln mag, sondern überfordert ist, aufgibt und sich zu ärgern beginnt.

Ist er in diesen Zustand geraten, hilft auch ein geniales Finale nicht mehr. Holland & Mitton können diese These nicht beweisen, denn ihre Auflösung ist weit von jeglicher Genialität entfernt. Schlimmer noch: Auch zwischenzeitlich geht ihrer Geschichte mehrfach die Puste aus. Es reicht eben nicht, eine Gruppe charakterlich möglichst durchgemischter Männer und Frauen durch den Wald stolpern zu lassen und dazu unheimliche Musik einzuspielen.

Realitäts- und Kontrollverluste

Das wird paradoxerweise immer dann besonders deutlich, wenn Holland & Mitton dieses Problem in den Griff bekommen. Bemerkenswert eindringlich ist ihnen beispielsweise jene Szene gelungen, in der Daryl und Erin aufeinander losgehen. Es beginnt als normaler Streit zwischen Bruder und Schwester, den auch die in dieser Hinsicht bereits mehrfach geprüften Gefährten genervt aber beiläufig registrieren, um urplötzlich in ein groteskes, infernalisches Gemetzel umzuschlagen. Die bisher von der Handlung an den Tag gelegte, nun konterkarierte Gemächlichkeit sorgt beim Zuschauer für Irritation und Schrecken.

Ähnlich unheimlich wird es, wenn die im Hintergrund ertönende Musik in schrille, kakophonische Lautfolgen zu zerfallen beginnt. Die daraus entstehende Folter wird durch unaufdringliche aber wirkungsvolle Ton- und Kameraeffekte so effektvoll verdeutlicht, dass der Zuschauer mitzuleiden beginnt.

Naturgemäß ist es schwierig, ein Publikum dauerhaft auf diese Weise einzubeziehen. Die Angstgemeinschaft zerbricht, wenn die Protagonisten davon sprechen, dass sie einen unwiderstehlichen Lockruf in der allgegenwärtigen Musik zu vernehmen beginnen. Die Zuschauer können ihnen dabei beim besten Willen nicht folgen. Für sie bleibt die Musik einfach Musik und ihr Sireneneffekt erklärte Behauptung. Weitere Splatter-Einlagen erreichen nie wieder die Eindringlichkeit der oben beschriebenen Szene, sondern wirken eher wie Zugeständnisse an ein plakativeres Horror-Kino.

Das Drehbuch lässt die Geschichte an heiklen Stellen oft im Stich. Zudem spiegeln sich die zunächst seltsamen, später bedrohlichen Gefühlsschwankungen und Verhaltensänderungen im wenig nuancierten Spiel der Darsteller nur bedingt wider. Am überzeugendsten wirken Liv und Cy, wenn sie sich nachvollziehbar am Tollkirschsaft berauschen. Ansonsten entspricht der an den Tag gelegte Wahnsinn den üblichen Hollywood-Standards.

(Schwarze) Magie der Musik

Dies ist fatal, da Holland & Milton gerade auf den unerwartet hereinbrechenden, unerklärbaren Schrecken setzen. Den trägt trotz der beschriebenen Schwierigkeiten noch am besten das Element der seltsamen Musik, denen die Gefährten erst neugierig und bald widerstandslos folgen.

Womöglich ist die Entscheidung, „YellowBrickRoad“ als „Mockumentary“, also als Pseudo-Dokumentation, umzusetzen, der letzte Nagel zum Sarg, in dem diese Geschichte schließlich landet, statt sich im Zuschauerhirn festzusetzen, um dort nachzuwirken. Sollte besagter Besitzer dieses Hirn tatsächlich über den gesehenen Film nachdenken, dann geschieht dies höchstens, weil er (oder sie) sich fragt, welcher Sinn sich hinter dem Geschehen verbergen mag.

Wie so oft ist zumindest die grundsätzliche Erklärung simpel. Der mit der Literatur- und Filmgeschichte ansatzweise vertraute Zuschauer bedarf der mehr oder weniger deutlich in die Handlung eingestreuten Hinweise auf den US-amerikanischen Kinderbuch-Klassiker „The Wonderful Wizard of Oz“ (1900; dt. „Der Zauberer von Oz“) und auf das Hollywood-Musical von 1939 nicht: Die „yellow brick road“, ein mit gelben Ziegelsteinen gepflasterter Weg, leitet die von einem Wirbelsturm aus dem heimatlichen Kansas in das Reich Oz entführte Dorothy Gale und ihre Begleiter – den feigen Löwen, die hirnlose Vogelscheuche und den herzfreien Blechmann – in die Smaragdstadt, wo der titelgebende Zauberer residiert. Er entpuppt sich als weiterer Amerikaner, den es nach Oz verschlagen hat. Was sich Löwe, Vogelscheuche und Blechmann von ihm erhofften – Mut, Verstand und Liebe –, erlangen sie im Verlauf ihrer Reise aus eigener Kraft, weil sie diese Tugenden längst besitzen; sie mussten sie nur entdecken. Dorothys finale Erkenntnis findet sich wörtlich in „YellowBrickRoad“ wieder: „Zu Hause ist es doch am schönsten!“

Ruf der (inneren) Wildnis

Obwohl „Oz“-Autor L. Frank Baum (1856-1919) selbst einen allegorischen Hintergrund stets abstritt, bietet seine Geschichte zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten. Holland & Mitton halten sich durchaus an die Vorlage, wenn sie ihre Forscher auf einen Weg führen, dessen Ziel vor allem die Selbsterkenntnis darstellt. Eingeschlossen sind dabei jene düsteren Triebe und Begierden, die der normalerweise kontrollierte Mensch sorgfältig verborgen hält. Bisher gezügelte Konflikte brechen aus und werden ohne Rücksicht auf Leib & Leben ausgetragen: Der Zug über diese „yellow brick road“ bringt an den Tag, dass die Zivilisation nur als dünne Schicht über dem Chaos liegt.

Dieser Weg jagt denen, die ihn gehen, durchaus Angst ein; manche versuchen zu flüchten. Letztlich erliegen sie alle dem Lockruf einer Freiheit, die sie umbringen wird. Am Ende des Pfades steht keine Epiphanie, sondern die endgültig vernichtende Erfahrung, dass man um die Untiefen der eigenen Seele ständig im Kreis gelaufen ist: Zu Hause kann man auch in der Hölle sein.

Leider finden Holland & Mitton keine Bilder, die dem Finale die notwendige Wucht verleihen und damit den vor allem im Mittelteil spürbaren Handlungsleerlauf vergessen lassen. Simple Pseudo-Mystik im „Twin-Peaks“-Stil soll die bisher ‚realistische‘ Irrfahrt durch den Wald ersetzen bzw. ihr ein dramatisches Schlusslicht aufstecken. Das misslingt, weil Holland & Mitton eine Erwartungshaltung geschürt haben, der sie nicht gerecht werden können. Somit wird „YellowBrickRoad“ zur doppelten Enttäuschung – als Film, der viel bzw. mehr als den üblichen Grusel-Eintopf verspricht, dies aber nicht halten kann und zusätzlich durch inhaltliche und formale Schwächen negativ auffällt.

DVD-Features

Dem Zuschauer ergeht es wie den Mitgliedern der unglücklichen Forschergruppe: Am Ende seiner „yellow brick road“ warten keine Extras mit erhofften Erläuterungen. Auch das übliche „Making of“ sucht man vergebens, obwohl es interessant wäre, über die Entstehung eines Films informiert zu werden, dessen Budget unter 400.000 Dollar lag und der tatsächlich in der Wildnis von New Hampshire gedreht wurde.

Copyright © 2012/2017 by Michael Drewniok, all rights reserved

YellowBrickRoad – Weg ohne Wiederkehr
Originaltitel: YellowBrickRoad (USA 2010)
Regie/Drehbuch: Jesse Holland u. Andy Mitton
Kamera: Michael Hardwick
Schnitt: N. N.
Darsteller: Michael Laurino (Teddy Barnes), Anessa Ramsey (Melissa Barnes), Laura Heisler (Liv McCann), Cassidy Freeman (Erin Luger), Clark Freeman (Daryl Luger), Tara Giordano (Jill), Alex Draper (Walter Myrick), Sam Elmore (Cy Banbridge), Lee Wilkof (Angestellter/Platzanweiser)
Label: Great Movies
Vertrieb: dtp entertainment (www.dtp-entertainment.com)
Erscheinungsdatum: 13.12.2012
EAN: 4051238013153 (DVD)/4051238013160 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 96 min. (Blu-ray: 100 min.)
FSK: 18

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

Blair Witch

Mr. Jones – Wenn du ihn siehst … Lauf!

Devil’s Pass

Trollhunter