Zombies Anonymous

Originaltitel: Zombies Anonymous (USA 2006)
Regie/Drehbuch/Schnitt: Marc Fratto
Kamera: Andrew Dantonio
Musik: Andy Ascolese, Marc Fratto u. Frank Garfi
Darsteller: Gina Ramsden (Angela), Joshua Nelson (Josh), Christa McNamee (Kommandant), Mary Jo Verruto (Mother Solstice), Constantine Josiah Taylor (Malcolm), J. Scott Green (Richie), Shannon Moore (Chris), Gaetano Iacono (Peter „Gooch“ Guccione), Kevin T. Collins (Louis), Jocasta Bryan (Frankie), Kelly Ray (Melinda), Marc Hofrichter (Scott), James E. Smith (Jimmy), Amy Margaret (Robin) u. a.
Label: Movie Power
Vertrieb: KNM Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 14.04.2011 (nur DVD)
EAN: 4036382501336 (nur DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 Stereo (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 91 min.
FSK: 18

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Das geschieht:

Die Verstorbenen mutieren zu Zombies. Dennoch geht die Welt dieses Mal nicht unter, denn die Untoten behalten ihren Verstand. Sie bleiben friedlich und versuchen, ihr ‚Leben‘ so normal wie möglich fortzusetzen.

Auch Angela sitzt weiterhin in ihrem Büro, obwohl ihr der psychopathische Josh mit zwei Kugeln das Lebenslicht ausgeblasen hat. Mit dem Dasein als Zombie fremdelt sie noch immer, weshalb sie sich einer untoten Selbsthilfegruppe angeschlossen hat. Dort hängt man der Vorstellung an, sich den Lebenden möglichst anzupassen und nicht aufzufallen, denn die Zombies sind gesellschaftlich keineswegs akzeptiert: Viele Untoten-Hasser wollen sie vernichten. Immer wieder kommt es zu Übergriffen durch Rassisten.

Auch Josh und seine tumben Kumpane Malcolm, Richie und Gooch sind fleißige Zombie-Basher. Sie streben nach Höherem und wollen in die Gang des fanatischen „Kommandanten“ aufgenommen werden, der seine Leute militärisch organisiert, um die Zombies mit brutaler Gewalt zu attackieren. Als die vier Hohlköpfe endlich mitmischen dürfen, entpuppt sich der „Kommandant“ als Frau.

Ihre große Gegenspielerin ist „Mother Solstice“, eine Untote, die zur Gegenwehr aufruft. Zombie Louis führt Angela in ihre Gruppe ein. Zur Revolutionärin fühlt sie sich allerdings nicht berufen, lernt aber den Geschmack von Menschenfleisch schätzen, denn Solstices Gruppe schlachtet ihre Opfer ab.

Als Josh feststellt, wohin es die von ihm heimlich weiterhin geliebte Angela verschlagen hat, gewinnen Eifersucht und Jähzorn erneut die Oberhand. Er informiert die „Kommandantin“, die sofort in den Krieg zieht. Doch mit Solstices Gruppe stellt sich ihr ein ernsthafter Gegner in den Weg. Ein erbarmungsloser Kampf bricht aus, in dem auch die umgekommenen Kontrahenten schnell wieder mitmischen …

Sie kommen zurück, bleiben aber friedlich

Wenn die Toten aus den Gräbern steigen, ist das Ende der Zivilisation üblicherweise nahe. Traditionell sind Zombies intelligenzlose Menschenfresser, die sich nur mit einem gezielten Kopfschuss endgültig niederstrecken lassen. Dank ihrer Zahl, ihrer relativen Unverletzlichkeit und ihrer ausschließlich durch Fressgier geprägten Zielstrebigkeit treiben sie die Lebenden vor sich her. Wer gebissen wird, wechselt in das Lager des untoten Feindes.

Der Untod durch den Biss ist die einzige Gemeinsamkeit, die die klassischen Zombies mit den „Zombies Anonymous“ teilen. Die Vorstellung, was wäre, wenn der Tod weder die Intelligenz noch die Erinnerung an das Leben löschen würde, ist dem Zombie-Horror durchaus nicht neu. Sie wird allerdings im Film selten thematisiert. Hier ist in erster Linie der hässliche, bösartige Untote gefragt.

Dabei wohnt dem Mensch gebliebenen Zombie eine ganz eigene Tragik inne. Selten spielte jemand die Folgen eines ‚friedlichen‘ Untods so konsequent durch wie Regisseur und Drehbuchautor Marc Fratto. Dass er dabei irgendwo zwischen Kult und Trash hängenblieb, ist traurig aber keine Katastrophe, denn „Zombies Anonymous“ funktioniert trotz seiner inhaltlichen und formalen Mängel erstaunlich gut und vor allem unterhaltsam.

Tot ist anders, und anders ist verdächtig

Gibt es Platz für die Untoten in der Welt der Lebenden? Theoretisch sind sie steuerzahlende Bürger geblieben. Doch der Tod ist ein Tabu, und wer ihm zum Opfer fällt, wird – Ausnahmen bestätigen eher die Regel – seit jeher möglichst rasch unter die Erde oder auf andere Weise aus dem Blickfeld geschafft. Jetzt sind die Verstorbenen überall. Sie sehen deutlich tot aus, zumal sie bei Fratto kaum mehr ‚umzubringen‘ sind: Nur ein Schrotschuss in den Schädel sorgt für ein endgültiges Ende, aber selbst dann gibt es ‚Überlebende‘. Folglich bevölkern viele Zombies, die durch Unfälle oder Krankheiten bizarr entstellt sind, die Straßen.

Da der Mensch ist, wie er ist, mischt sich Futterneid in den Ekel: Zombies benötigen keine Schutzkleidung, keine Kranken- oder Rentenversicherung. Sie können deshalb Jobs übernehmen, aus denen sie aufgrund niedriger Lohnnebenkosten die Lebenden zu verdrängen beginnen. Außerdem lässt sich der Zeitpunkt errechnen, an dem die Zahl der Toten die der Lebenden übertreffen wird. Die Kirchen zetern, da sich das bekannte Jenseitsbild kaum noch vermitteln lässt und Spenden- und Machtverluste drohen. Rassisten und Fanatiker finden ein neues Feindbild.

Nach historischem Vorbild werden die Zombies rasch zu Sündenböcken derer, die ihre Pfründen oder ihren sozialen Status in Gefahr sehen. Den Untoten droht das bekannte Schicksal ungeliebter Minderheiten. Man will sie verdrängen oder ausrotten: „Zombie Is the Nigger of the World“, ließe es sich in Abwandlung eines bekannten Songs von John Lennon & Yoko Ono zusammenfassen. Zu allem Überfluss hat auch die Unterschicht ihre Hierarchien. Da zuletzt dazu gestoßen sind, müssen sich die Untoten ganz hinten bzw. unten einreihen, wo alle auf ihnen herumhacken.

Kleiner Film mit großen Ambitionen

Fratto findet für solche gesellschaftskritischen Aspekte eingängige Bilder. Das erstaunt, ist „Zombies Anoynymous“ doch eine jener Produktionen, für die der Begriff „guerilla filmmaking“ erfunden wurde: Enthusiastische Menschen beuten sich vor und hinter der Kamera künstlerisch und finanziell aus, um quasi ohne Geld einen Film zu drehen. Honorar wird durch Spaß ersetzt, Knowhow durch unerschrockenes Handeln, Arbeitsroutine durch Improvisation. Dass der Zuschauer dieser Entstehungsgeschichte Zugeständnisse machen muss, dürfte kaum überraschen. Ist er dazu nicht bereit, bleibt „Zombies Anonymous“ ein Amateur-Spielfilm, den man für seine Mankos mit Hohn und Spott übergießen darf.

Hinter der ungelenken Machart scheint freilich immer wieder eine wirklich gute Geschichte durch. Vieles gelingt, andere Szenen lassen wenigstens erkennen, was Fratto eigentlich zeigen wollte, wofür aber das Geld nicht reichte. Hierzu zählt u. a. der Flashback auf ein ‚Euthanasie-Zentrum‘, in dem sich Zombies melden und ‚töten‘ lassen können. Die Szenerie erinnert unangenehm und zweifellos absichtlich an die Konzentrations- und Internierungslager, die in der Menschheitsgeschichte stets präsent gewesen sind.

Fratto kann sein Thema nur in Schlaglichtern vorstellen. Dabei übernimmt er sich oder gleitet in Horrorfilm-Routinen ab: „Zombies Anonymous“ mag eine Botschaft vermitteln, soll aber vor allem unterhalten. Der Ernst, mit dem Fratt seine Geschichte erzählt, wird deshalb immer wieder durch Action, Gore und Komik aufgeweicht. Der Zuschauer ist Fratto dankbar, da es die von ihm vor die Kamera getriebenen Darsteller der sichtlich anstrengenden Aufgabe enthebt, tatsächlich zu schauspielern, was sie in toto nur rudimentär beherrschen.

Am Blut wird aber nicht gespart!

Der deutsche Amateur-Horrorfilm lässt sich in der Regel nur bei abgeschaltetem Ton und mit dem Finger auf der Taste für den schnellen Vorlauf ertragen. Falls man so weit gehen möchte, ihm Talent zu unterstellen, materialisiert es sich höchstens in den Metzel-Szenen, die mit viel Liebe zum blutigen Detail realisiert werden. Glücklicherweise lässt sich „Zombies Anonymous“ auch zwischen den Schnetzeleien anschauen. Die (oder das?) Schlachten zwischen Menschen und Zombies sind quasi das Rote vom Ei.

Vor allem im Finale geht es kräftig zur Sache, aber auch vorher spritzen Blutfontänen und fliegen Körperteile. Werden Pechvögel gefressen, inszeniert Fratto dies als Hommage an George A. Romero, wobei es im 21. Jahrhundert natürlich Ehrensache ist, wesentlich tiefer in menschlichen Eingeweiden zu wühlen. Es erstaunt, dass deutsche Tugendwächter angesichts doch derber Szenen nicht wie Pawlows Hunde unisono aufheulten und nach der Schere bellten. Anscheinend konnten sogar sie begreifen, dass Fratto gern zur Instrument der Übertreibung greift.

„Zombies Anonymous“ wird eine Fußnote in der Horrorfilm-Geschichte bleiben. Dort ist dieser Streifen gut aufgehoben. Wer dort über ihn stolpert, sollte einen Blick riskieren. Manchmal zählt eben doch die gute Absicht. Auf ihrem Niveau haben Marc Fratto und seine Mitstreiter einen guten Job geleistet. Wenn ihr Werk in der deutschen Fassung nur schwer zu ertragen ist, so liegt dies in erster Linie an einer ‚Synchronisation‘, die man je nach Verfassung als Frechheit (nach ca. fünf Filmminuten) oder als Verbrechen (nach 91 Minuten) bezeichnen muss. Um einen Eindruck von den ‚Leistungen‘ der darin verwickelten Zeitgenossen zu gewinnen, stellt man sich am besten vor, dass sie von ihrem Auftraggeber ein gehöriges Quantum Rizinusöl eingeflößt bekamen und anschließend im Aufnahmeraum eingesperrt wurden. Bis die Arbeit getan war, wurde der Ton der Beteiligten naturgemäß immer gepresster.

DVD-Features

„Zombies Anonymous“ erschien nur auf DVD. Auch der Feature-Teil bleibt Magerkost. Die Extras beschränken sich auf „Deleted Scenes“. Dahinter steckt eine interessante Geschichte: Wie so viele Filmemacher, die nur selten aktiv sind, konnte sich Marc Fratto, der Regisseur, Drehbuchautor, oft Kameramann sowie Cutter seines eigenen Films war – an der Musik war er übrigens ebenfalls beteiligt, was er allerdings an keine große Glocke hängen sollte –, schlecht von gedrehten Szenen trennen, weshalb „Zombies Anonymous“, der in einer ersten Inkarnation „The Last Rites of the Dead“ hieß, stolze aber endlose 118 Minuten lief, als er im August 2006 auf einem Festival erstmals aufgeführt wurde.

Fratto hörte auf wohlmeinende Stimmen und kürzte „Last Rites …“ im Anschluss um zehn Minuten, bevor der Film auf einem weiteren Festival gezeigt wurde. Zwei Jahre später stand die DVD-Veröffentlichung an. „Last Rites …“ bekam einen neuen Titel und verlor weitere 17 Minuten. Dieses Mal ging Fratto aber entweder im Suff oder mit der Heckenschere zu Werke. Eliminiert wurden Szenenfolgen, die für ein Verständnis der Handlung unverzichtbar waren. So taucht die „Kommandantin“ plötzlich im Schlupfwinkel von „Mother Solstice“ auf – mit einer Kugel im Schädel und in Unterwäsche. Nur den geschnittenen Szenen lässt sich entnehmen, dass die endgültig übergeschnappte „Kommandantin“ Selbstmord begangen hat, um die Zombie-Szene zu unterwandern und ihren Krieg gegen die Untoten untot fortzusetzen.

Kurzinfo für Ungeduldige: Kein Mensch stirbt mehr, aber das Alltagsleben geht weiter, denn die Zombies sind nur tot aber intelligent und friedlich, bis sie von Rassisten drangsaliert werden; es bilden sich revolutionäre Zombie-Zellen, die rabiat gegen ihre Peiniger vorgehen … – Die offensichtliche Budget-Armut spiegelt sich zwar in der Form wider, doch die Story ist originell, und die Effekte lassen an Drastik nichts zu wünschen übrig: für eine Quasi-Amateurproduktion durchaus unterhaltsam.

[md]

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