1941 wird eine Gruppe kriegsevakuierter Kinder in einem Geisterhaus untergebracht, dessen untote Bewohnerin alles daran setzt, ihre Gäste grässlich enden zu lassen, was eine junge Lehrerin und ein schmucker Pilot verhindern wollen … – Schön anzuschauen aber inhaltlich zerfahren und langweilig auf banalen Buh!-Grusel gebürstet: eine weitere Fortsetzung, auf die man problemlos verzichten könnte.

Das geschieht:

1941 wird Englands Hauptstadt London von der nazideutschen Luftwaffe bombardiert. Um wenigstens die Kinder vor dem Tod aus der Luft zu bewahren, werden sie in großer Zahl auf das Land evakuiert. Durch das kriegsbedingte Chaos ist eine kindgerechte Unterbringung vor Ort keineswegs immer gewährleistet. Dies stellen auch Eve Parkins und Jean Hogg verärgert fest, als sie mit der ihnen anvertrauten Kindergruppe ihr Ziel – das Dorf Crythin Gifford an der nordostenglischen Küste – erreichen: Man quartiert sie im Eel Marsh House ein, das nicht nur seit Jahrzehnten leer stand und entsprechend heruntergekommen ist, sondern auch auf einer kleinen, der Küste vorgelagerten Insel errichtet wurde, die nur bei Ebbe über eine schmale Straße erreicht – oder verlassen – werden kann.

Über die düstere Vorgeschichte des Hauses ließ man die neuen Bewohner wohlweislich im Unklaren: In Eel Marsh House hütete einst Alice Drablow Nathaniel, das unehelich geborene Kind ihrer geistesgestörten Schwester Jennet Humfrye. Nachdem dieser 1889 in der Marsch ertrank, suchte Jennet ihre Schwester als Gespenst heim. Außerdem tauchte sie regelmäßig an Land auf, und wer sie erblickte, starb kurz darauf eines tragischen Todes.

Wie Eve bald feststellt, geht Jennet weiterhin um. Ein Haus voller Kinder bietet ihr ein mörderisches Betätigungsfeld, und die erste Leiche lässt nicht lange auf sich warten. Dass es auf der Insel spukt, will vor allem die strenge Mrs. Hogg keinesfalls glauben. Nur Harry Burnstow, ein in der Nähe stationierter Pilot, schenkt Eve Glauben, zumal er sich in die junge Schönheit verliebt hat. Diese Hilfe kommt Eve wie gerufen, denn Jennet läuft sich allmählich warm und tritt immer dreister in Erscheinung. Besonders abgesehen hat sie es auf den kleinen Edward, der nach dem Bombenvolltreffer, der ihn zur Vollwaise machte, kein Wort mehr spricht und auch sonst ein leichtes Opfer ist. Eve stellt sich entschlossen vor Edward – eine Entscheidung, die Jennet mit der für sie typischen & tödlichen Wut quittiert …

Der Fluch des Goldes

Ein erstes Mal trieb Jennet Humfrye 1989 ihr Unwesen. Diese „Frau in Schwarz“ entstand als TV-Film, dem hinter der Kamera die Veteranen Herbert Wise („Tales of the Unexspected“, „Inspector Morse“) als Regisseur und Nigel Kneale („Quatermass“-Serie) als Drehbuchautor Klasse verliehen. Ihre Fassung hielt sich eng an die Vorlage der Schriftstellerin Susan Hill und gilt als moderner Klassiker der Fernseh-Phantastik.

Nachhaltig aufgestört wurde Jennet 2012. In der Titelrolle besetzt mit einem ausgezeichneten Daniel Radcliffe und inszeniert von einem Regisseur, der es verstand, die düstere Stimmung einer harschen Landschaft kongenial einzufangen, wurde „Die Frau in Schwarz“ zu einem von den (meisten) Kritikern und vielen Zuschauern hoch geschätzten, klassischen Gruselfilm, der die Ideale der neu erstandenen Produktionsfirma „Hammer“ vorzüglich repräsentierte.

Der Film wurde sogar ein Blockbuster, der weltweit mehr als 125 Mio. Dollar einspielte. Dies – und keineswegs die Tatsache, dass der Fluch nicht gebannt werden konnte – führte bereits 2012 zu der Entscheidung, die ebenso böse wie verrückte Jennet möglichst rasch auferstehen bzw. wiederkehren zu lassen. Dass diese Fortsetzung zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielen sollte, stand früh fest. Ursprünglich war Eel Marsh House als Hospital für verwundete Soldaten geplant; aus diesem Konzept hat sich die Figur des kriegspsychotischen Piloten Harry Burnstow erhalten.

Unter den Tisch fiel dagegen die Tatsache, dass es faktisch keinen Grund für eine Fortsetzung gab: Jennet Humfrye ist als Geist keine charismatische Gestalt. Ihr Verhaltungsspektrum ist denkbar schmal: Sie steht schattenhaft im Hintergrund, lockt kleine Kinder ins Watt oder bringt sie anderweitig zu Tode. Man mag sie fürchten, aber interessant ist sie nicht, was keine Idealvoraussetzung für ein neuerliches Erscheinen darstellt.

Alles wie gehabt

So ist es (leider) keine Überraschung, dass „Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“ eine bekannte Geschichte mit neuem Personal nacherzählt. Sie zieht sich zu allem Überfluss zäh in die Länge und ist mit billigen bzw. viel zu bekannten Grusel-Effekten förmlich gespickt. Diese werden uns als „nostalgisch“ oder gar „klassisch“ verkauft, lassen aber nur deshalb zusammenzucken, weil die Kamera erst schneckenlangsam durch einen düsteren Raum wandert, bis unter gleichzeitigem Einsatz dröhnender Musik etwas aus dem Off springt.

Für diejenigen Zuschauer, die Teil 1 nicht gesehen haben, wärmen Drehbuchautor Jon Kroker und Regisseur Tom Harper die Geschichte von Alice Drablow, Jennet Humfrye und Sohn Nathaniel noch einmal auf. Dabei hätte es durchaus gereicht, Eel Marsh House einfach bespuken zu lassen; faktisch ist die Vorgeschichte für das Geschehen ohne Belang.

Kroker & Harper lieben schlüssig geplante aber tatsächlich langatmige Erklärungen. Statt es geistern zu lassen, wird viel zu oft geredet. Da auch sonst lange wenig geschieht, kann sich der Zuschauer in Ruhe die großartige Landschaft sowie die gruselperfekte Gothic-Kulisse von Eel Marsh House betrachten. Hinter der Kamera stand mit George Steel jemand, der zumindest die optische Opulenz des Vorgängerfilms aufleben lassen konnte.

Zwar fällt die allgegenwärtige, nachträgliche ‚Entfärbung‘ der Bilder auf, deren Grau- und Brauntöne die seelische Tristesse der kriegs- und auch sonst vom Schicksal gebeutelten Protagonisten widerspiegeln sollen. Außerdem hat Steel ein Faible für ‚dramatische‘ Bildkompositionen, die wir aus der Werbung oder den Pilcher-Schnulzen des Fernsehens kennen. Nichtsdestotrotz ist Eel Marsh House ein Spukhaus der Sonderklasse; schon der Anblick der abscheulich gemusterten, verschossenen, schimmeligen, sich ringelnden Tapeten erzeugt beim sicher jenseits der Leinwand oder des Bildschirms lagernden Zuschauer Gänsehaut.

Story & Stimmung in Schieflage

Umso unverständlich ist es, dass Kroker & Harper diese sichere Grusel-Bank grundlos aufgeben. Als Jennet Humfrye endlich ohne Maske über die Gruppe herfällt, geschieht dies nicht auf ‚ihrer‘ Insel: Inzwischen ist man in Harrys Transport-Jeep auf das Festland und einen Attrappen-Flughafen geflüchtet, mit dem man den Nazi-Bombern Kampfstärke suggerieren und sie einschüchtern will. Wie soll ein Geist für echte Angst sorgen, wenn man ihm seinen Heimvorteil nimmt? Ohnehin ist dieser ungelenke Action-Ausflug kontraproduktiv, weil sich plötzlich auch die Geister der früher von Jennet ins Verderben gelockten Kinder einmischen. Ihre Anwesenheit hatte man keineswegs vermisst, und auch jetzt bieten sie keinen Grusel-Mehrwert, sondern sorgen für Verdruss, weil man sie als Spuk-Staffage erkennt.

Dann kehrt die Handlung für das eigentliche Finale ins Eel Marsh House zurück, doch was sich dort nun abspielt, spricht jeder ‚richtigen‘ Geistergeschichte eigentlich Hohn: Geister zeichnen sich durch ihre Unfasslichkeit aus. Man rauft ganz sicher nicht mit ihnen, auch wenn es hübsch bzw. gespenstisch aussehen mag, wenn dies unter Wasser geschieht!

Die Auflösung ist einerseits banal und andererseits eine weitere Spiegelung des Vorgängerfilms, denn selbstverständlich folgt dem Happy-End ein ‚überraschender‘ Twist, der den Weg zu einem dritten Teil öffnet. Ob es dazu kommen wird, steht glücklicherweise in den Sternen: Die Missratenheiten von „Engel des Todes“ sind dem Publikum mehrheitlich nicht entgangen, während die wachsame Kritik erst recht mit Ablehnung reagierte.

Gesichter in der Dunkelheit

Zu einer doppelten Überraschung wurde in „Die Frau in Schwarz“ die Besetzung der Hauptrolle: Daniel Radcliffe war nicht nur der ehemalige Harry Potter, sondern auch ein hervorragender Schauspieler, der zur Identifikationsfigur wurde und dem Film buchstäblich eine Seele gab. Phoebe Fox kann Radcliffe in „Engel des Todes“ nicht annähernd ersetzen. Zwar prägte ihr Kroker ebenfalls ein Trauma auf – das Harper gleich mehrfach aber jederzeit plump mit Traumsequenzen zu illustrieren versucht -, doch bleibt dies viel zu lange ein Geheimnis, dessen Aufdeckung schließlich verpufft, zumal es wieder einmal vordergründig ist und die Handlung nicht unterstützen kann.

Phoebe Fox bleibt als Eve Parkins eine „damsel in distress“, die sich zart, hübsch und einsam als Kinderfrau aufreibt. Selbstverständlich spukt Jennet lange exklusiv für sie, während sich die ‚vernünftigen‘ (oder tauben) Erwachsenen vielsagend an die Stirnen tippen. Nur Harry – ansonsten ebenfalls ein Bündel einschlägiger und ausgelaugter Klischees als Piloten-Held mit Riss in der Hirnwaffel – glaubt ihr, wofür uns Jeremy Irvine darstellerisch leider keine Erklärung liefern kann.

Traurig ist die Vergeudung einer Schauspielerin wie Helen McCrory, die in einer besseren Statistenrolle versauert. In einer einzigen Szene darf sie zeigen, wozu sie in der Lage ist – und spielt Phoebe Fox prompt an die Wand. Dafür kann diese sich problemlos gegen Oaklee Pendergas behaupten, der den heimgesuchten Edward völlig ausdruckslos gibt und als bedauernswertes Opfer peinlich fehl am Platze ist; man möchte ihm nur zu gern einen Tritt in den Hintern versetzen, auf dass er endlich sein Pfannkuchen-Gesicht verzieht, das offenbar mit Botox zur Leidensmiene einer Bombenkriegswaise versteinert wurde.

Nichts zu mäkeln gibt es an den ohnehin sparsamen Spezialeffekten. Geisterspuk wird primär durch schlagende Türen, Schaukelstuhlknarren oder Wispern in der Finsternis demonstriert. Der Engel des Todes selbst lässt sich nur selten ins bleiche Antlitz blicken, was ohne die üblichen Buh!-Effekte keinen Schrecken hervorriefe: Jennet Humfrye ist wie gesagt ein eindimensionaler Geist, der uns kein drittes Mal heimsuchen müsste.

DVD-Features

Bild und Ton dieser DVD lassen nichts zu wünschen übrig, was umso verdienstvoller ist, als Kameramann Steel gern mit Licht und noch lieber mit Schatten arbeitet, was hier entsprechend zur Geltung kommt.

Als Extras gibt es die Featurettes „Pulling Back the Veil: The Making of The Woman in Black: Angel of Death” und „The Woman in Black: Angel of Death: Chilling Locations” sowie die üblichen, d. h. nichtssagenden ‚Interviews‘, die vertragsgezwungen ein großartiges Meisterwerk ankündigen, das geniale Filmemacher und Schauspieler schufen.

Dazu kommt eine entfallene Szene: Wer Eve Parkins bei einer weiteren nächtlichen Runde durch Eel Marsh House beobachten mag (wo sie sie u. a. vor einem ausgestopften Bären erschrickt), dürfte dies vermutlich mit Freude tun.

Den deutschen und den Original-Kinotrailer findet man auch auf der offiziellen Website zum Film.

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Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes
Originaltitel: The Woman in Black: Angel of Death (GB/USA/Kanada 2014)
Regie: Tom Harper
Drehbuch: Jon Kroker (nach einer Story von Susan Hill)
Kamera: George Steel
Schnitt: Mark Eckersley
Musik: Marco Beltrami, Brandon Roberts u. Marcus Trumpp
Darsteller: Phoebe Fox (Eve Parkins), Jeremy Irvine (Harry Burnstow), Helen McCrory (Jean Hogg), Adrian Rawlins (Dr. Rhodes), Genelle Williams (Alma Baker), Oaklee Pendergas (Edward), Amelia Crouch (Flora), Amelia Pidgeon (Joyce), Casper Allpress (Fraser), Pip Pearce (James), Leilah de Meza (Ruby), Jude Wright (Tom), Alfie Simmons (Alfie), Ned Dennehy (Jacob), Leanne Best (Jennet Humfrye) u. a.
Label/Vertrieb: Concorde Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 16.07.2015
EAN: 4010324201485 (DVD)/4010324040442 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch) Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 94 min. (Blu-ray: 98 min.)
FSK: 16

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Die Frau in Schwarz

The Awakening – Geister der Vergangenheit

Voice from the Stone – Ruf aus dem Jenseits

Crimson Peak