The Hunter

Originaltitel: The Hunter (Australien 2011)
Regie: Daniel Nettheim
Drehbuch: Alice Addison, Wain Fimeri u. Daniel Nettheim
Kamera: Robert Humphreys
Schnitt: Roland Gallois
Musik: Andrew Lancaster, Michael Lira, Matteo Zingales
Darsteller: Willem Dafoe (Martin David), Frances O’Connor (Lucy Armstrong), Sam Neill (Jack Mindy), Morgana Davies (Sass Armstrong), Finn Woodlock (Bike Armstrong), Callan Mulvey (Jäger), Sullivan Stapleton (Doug), Dan Spielman (Simon), Jamie Timony (Free), Maia Thomas (Shakti) u. a.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 24.07.2012
EAN: 7613059802346 (DVD) bzw. 7613059402348 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min. (Blu-ray: 102 min.)
FSK: 12

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Das geschieht:

Martin David ist ein moderner Söldner, der keine militärischen Dienstleistungen bietet, sondern sich von Konzernen anheuern lässt, wenn diese ihre Pfründen auf eine Weise sichern wollen, die selbst gut geschmierte Politiker nicht gutheißen können. Aktuell soll David für die Firma „Red Leaf“ auf der Insel Tasmanien ein Exemplar des Beutelwolfes jagen und Proben entnehmen; der Speichel des Tiers soll ein Gift enthalten, das sich waffentechnisch einsetzen ließe.

Allerdings ist der Beutelwolf 1936 ausgestorben. Zwar werden immer wieder Spuren und Sichtungen gemeldet, doch niemand konnte das seltsame Wesen nachweislich wiederentdecken. „Red Leaf“ meint ein Refugium ausfindig gemacht zu haben, das David – getarnt als Biologe – durchsuchen, den Beutelwolf finden, ihn töten und die Reste spurlos verschwinden lassen soll.

Der Jagdführer Jack Mindy quartiert David bei den Armstrongs ein. Mutter Lucy und die Kinder Lucy und Bike brauchen das Geld, seit Vater Jarrah von einer Dschungeltour im Vorjahr nicht mehr zurückkehrte. Obwohl sich David abkapselt, kann er die neugierigen Kinder nicht abweisen. Er freundet sich mit ihnen und später mit Lucy an und wird ein Teil ihres Lebens. Vor allem Bike sieht in David eine Vaterfigur und teilt ihm ein Geheimnis mit: Auch Jarrah hatte nach dem Beutelwolf gesucht – und ihn gefunden! Doch der engagierte Naturfreund wollte sein Wissen nicht mit „Red Leaf“ teilen.

Da der Konzern auch mit Davids Leistung unzufrieden ist, setzt er einen weiteren Jäger in Marsch. Dieser gedenkt nicht, sich gemeinsam auf die Spur des Wolfes zu setzen. Stattdessen setzt der Konkurrent alles daran, unliebsame Mitwisser auszuschalten. Was dies bedeutet, hat David gerade ein grausiger Fund in der Wildnis gezeigt. Eilig macht er sich auf den Weg, um die Armstrongs zu retten …

Der Mensch ist des Menschen Wolf

Zu dieser Erkenntnis kam bereits der antikrömische Dichter Plautus (um 250 – 184 v. Chr.). Sicherlich hätte es ihn überrascht, dass der Mensch darüber hinaus auch dem Wolf ein Wolf ist. Zumindest dem tasmanischen Beutelwolf hat er ein Ende bereitet. Das größte Raubtier mit einem Bauchbeutel wurde nach einem ebenso erbarmungslosen wie erfolgreichen Vernichtungsfeldzug 1930 in der freien Natur ausgerottet. Sechs Jahre später starb das letzte in einem Zoo gehaltene Exemplar.

Spätestens jetzt dämmerte denen, die den Beutelwolf bisher für eine lästige Selbstverständlichkeit gehalten hatten, was da verlorengegangen war: Noch 1966 richtete die tasmanische Regierung ein 650.000 Hektar großes Schutzgebiet für Beutelwölfe ein, die es vielleicht noch geben KÖNNTE. Außerdem geistert der Wolf buchstäblich durch die Geschichte. Immer wieder werden Fuß- oder Kotspuren gefunden, im Internet wimmelt es von durchweg unscharfen Fotos und Filmchen, die den Wolf zeigen sollen. Unterm Strich manifestieren sich hier ein schlechtes Kollektiv-Gewissen sowie die Erkenntnis, dass ein lebendiger Beutelwolf dem tasmanischen Fremdenverkehr nachhaltig auf die Beine helfen könnte.

So ist der Beutelwolf heute vor allem ein Symbol, unter dem sich einige der größten Sünden des Menschen bündeln lassen. An der Spitze stehen Gier und Gleichgültigkeit einer Natur gegenüber, die ausschließlich ausbeutet und zerstört wird. In „The Hunter“ wird diese durchaus noch präsente Haltung durch die zornigen Holzfäller repräsentiert, die den uralten Baumbestand schlagen wollen, weil es keine andere Arbeit gibt. Dass sie sich buchstäblich den Ast absägen, auf dem sie selbst sitzen, können und wollen sie nicht begreifen.

Das Böse zieht seine Bahnen

Auf einer zweiten Ebene beschäftigt sich Regisseur Daniel Nettheim mit weniger unmittelbaren aber mindestens ebenso nachhaltigen Schäden. Weitab vom Schuss sitzen Konzerne wie „Red Leaf“, die anders als die Holzfäller keine Entschuldigungen geltend machen können. Ihnen geht es ausschließlich um Profit; die damit verbundenen Zerstörungen – hier das Ende des wirklich allerletzten Beutelwolfes – werden outgesourct. Söldner wie Martin David erledigen die Drecksarbeit.

Als wir diesen David kennenlernen, bietet er das Bild eines absoluten Profis. Er hat niemanden, er braucht niemanden; sogar der „Red-Leaf“-Repräsentant beneidet ihn um seine Skrupellosigkeit, die David unangreifbar macht, weil sie keine Angriffsflächen bietet. Doch sehr bald erkennen wir, dass diese Selbstkontrolle durchaus etwas Manisches hat. David benötigt seine Rituale; als er in der tasmanischen Wildnis keinen Strom, keine saubere Badewanne und heißes Wasser findet, will er umgehend umziehen. Als dies nicht möglich ist, reinigt er die Wanne persönlich und repariert mühsam den Generator, um den Boiler und seinen iPod mit klassischer Musik in Betrieb zu nehmen.

Die ersten echten Risse in Davids emotionalen Panzer reißen Sass und Bike, die in kindlicher Ignoranz seinem abweisenden Wesen durch unverfälschte Neugier begegnen. Ganz allmählich weicht David auf; er kümmert sich um die Armstrongs, holt Mutter Lucy aus ihrer medikamentös verstärkten Lethargie – und er beginnt, nicht nur seinen Auftrag, sondern sein ganzen Leben zu hinterfragen.

Magie einer Landschaft

An diesem Wandel trägt auch die tasmanische Landschaft ihren entscheidenden Teil bei. Dabei ist das „Central Plateau“, auf dem die meisten Außenaufnahmen gedreht wurden, alles andere als ein anheimelnder Ort: Es ist meist bewölkt und regnerisch, und da der Südpol quasi in Sichtweite ist, schneit es oft und heftig. Hauptdarsteller Willem Dafoe war daher froh über ein für die Rolle absolviertes Überlebenstraining, das ihm half, sich auf die Kälte und Feuchtigkeit dieser Dreharbeiten vorzubereiten.

Kameramann Robert Humphreys verleiht seinem Arbeitsinstrument im wahrsten Sinn des Wortes Flügel. Immer wieder führt es uns die grandiose Weite einer Landschaft vor Augen, die wie von einem anderen Planeten oder digital geschaffen wirkt. Oft sehen wir Martin David nur als kleine Figur irgendwo im Hintergrund; er verliert sich in dieser Wildnis, in der nicht nur ein Beutelwolf – sollte er denn noch existieren –, sondern auch ein Mensch spurlos verschwinden kann.

Die einsame Suche lässt David viel Zeit zum Nachdenken. Aus der einträglichen Jagdbeute wird eine tragische Figur: Auf dieser Welt ist für den Beutelwolf kein Platz mehr. Alle wollen sie ihn; zwischendurch taucht eine Naturschützer-Gruppe auf, die gerade von der Regierung angestellt wurde, nach Wolfsspuren zu suchen. Daraus zieht David eine bittere aber rigorose Erkenntnis, der dieser Film sein gar nicht glückliches aber konsequentes Finale verdankt.

Nicht jeder Ausweg führt zum Glück

„The Hunter“ hätte eine Geschichte mit schrecklich hohem Schmalzgehalt werden können – „Das Piano“ mit einem gestreiften Wolf. Zudem ist Daniel Nettheim kein Regisseur, dem man ein ausgewogenes, elegisches, trotzdem nie in Sentimentalität abrutschendes Werk wie dieses zugetraut hätte. Elf Jahre hatte er keinen Spielfilm mehr gedreht, sondern stattdessen unzählige Episoden anspruchsarmer Sitcoms heruntergekurbelt. Der Kontrast könnte kaum größer ausfallen.

Nettheim profitierte von einer idealen Basis. Der Roman „The Hunter“, verfasst 1999 von Julia Leigh, war in Australien ein Bestseller und genoss auch literarische Weihen. Für seinen Film, der ausdrücklich vor Ort entstehen sollte, konnte Nettheim deshalb Darsteller interessieren, die sonst für deutlich höhere Gagen in Hollywood-Blockbustern spielen. Vor allem Willem Dafoe ist bekannt für seine oft fanatische Rollenvorbereitung, die sich auch dieses Mal wieder auszahlte. Martin Davids schmerzhafter Weg zurück ins Leben wird von Dafoe überzeugend und ohne Überspitzung ausgedrückt.

Ihm ebenbürtig sind die beiden Kinderdarsteller Morgana Davies und Finn Woodlock, wobei letzterer in seiner Rolle eingeschränkt ist, weil Bike Armstrong seit dem Verschwinden seines Vaters nicht mehr spricht. Sass und Bike lassen jegliche Hollywood-Allüren vermissen. Sie sind eindringlich, fordernd, unvoreingenommen; es gibt keinen Zweifel, wieso sie Davids Herz erobern.

Wissen ist nicht nur Macht, sondern Last

In ihrer Rolle als trauernde und überforderte Mutter betritt Frances O’Connor deutlich später als die übrigen Hauptdarsteller die Szene. Trotzdem vermag auch sie zu vermitteln, wieso sich ein Mann wie Martin David in diese Frau verliebt, mit der er praktisch nichts gemeinsam hat.

Eine kleinere aber wichtige Rolle übernimmt Sam Neill als alternder Jagdführer Jack Mindy, der sich heimlich in Lucy verliebt hat und dessen Eifersucht das Verhängnis über die kleine Idylle bringt.

Wobei „Idylle“ vielleicht das falsche Wort ist, denn Verhängnis hängt ebenso drohend wie die allgegenwärtigen Regenwolkenbänke über der Szene. So wissen sowohl Lucy als auch ihre Kinder, dass der Vater nicht nur verschollen, sondern tot ist. Bike hat es buchstäblich die Sprache verschlagen. Noch als Witwe wird Lucy von den Holzfällern angefeindet; einmal tauchen sie wütend im Pulk auf, um eine Feier der Naturschützer zu sprengen. Selbst in der scheinbar unberührten Wildnis fühlt sich David – keineswegs grundlos – ständig beobachtet.

Erkenntnis benötigt Zeit

„The Hunter“ ist trotz des martialischen Titels kein Action-Thriller. Regisseur Nettheim nimmt sich viel Zeit für eine Geschichte, deren Kraft auch oder gerade in ihrer Ruhe bzw. Intensität liegt. Wer auf „Lost-World“-Fantasy oder Backwood-Horror spekuliert, dürfte arg enttäuscht werden. Gewalt wird keineswegs ausgespart, aber sie bleibt strikter Bestandteil einer Geschichte, die vor allem seelische Verletzungen thematisiert.

Wer sich darauf einzulassen vermag, wird durch einen Film belohnt, der auch oder gerade dort seine Wirkung ausübt, wo über Minuten kein Wort gesprochen wird. Gleich drei Musiker haben die Partitur geschrieben; die enorme Bedeutung der Klänge, die der Zuschauer oft unterbewusst aufnimmt, lässt diesen Aufwand völlig logisch erscheinen.

Die Spezialeffekte konzentrieren sich auf das Erscheinen des Beutelwolfes. Er taucht nur kurz auf, aber aufgrund seiner bekannt gewordenen Vorgeschichte teilt sich dem Zuschauer die Tragik dieser verlorenen Kreatur umgehend mit. Was die Zukunft der Natur in einer von ökonomischen Interessen dominierten Welt betrifft, kommt Nettheim zu keinem erfreulichen Schluss. Höchstens kleine Fluchten scheinen ihm möglich. Am Ende hat David fast alles verloren. Die gewonnene Menschlichkeit ist ihm geblieben. Darauf wird er aufbauen. Dieses lakonische Finale mag die Happy-End-Seelchen im Publikum nicht befriedigen. Es schließt jedoch einen Film rund ab, der seinen eigenen Weg jenseits des ausgelaugten Mainstreams gefunden hat.

DVD-Features

Zu einem „Making of“, das die enorme Herausforderung der klimatischen Vor-Ort-Verhältnisse hervorhebt, gesellt sich nur noch der Originaltrailer. Was soll’s; so bleiben den Vertriebslabels dieser Welt mehr Kapazitäten zur Produktion von Features über das Konzept-Design für Captain Americas Unterhose u. ä. relevante Blockbuster-Hintergrund-Infos.

[md]

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