„Dame, König, As, Spion“ ist ein faszinierender Spionagefilm aus der Zeit des Kalten Krieges, der weder harte Action, noch extreme Spannung bietet. Trotzdem weiß die Geschichte zu packen und den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen, einen aufnahmefähigen Verstand vorausgesetzt.

Die Geschichte dreht sich um einen Maulwurf unter den Top-Spionen des britischen Geheimdienstes, also einen Verräter in den eigenen Reihen. Die ganze Affäre wird durch einen angeblichen Überläufer ins Rollen gebracht. Etwas geht schief und Control (John Hurt), der Chef der Abteilung, muss seinen Hut nehmen. Seine rechte Hand, George Smiley, nimmt er gleich mit. Control stirbt und Smiley bekommt die Aufgabe, den Maulwurf zu suchen – falls es denn einen gibt.

Die ganze Sache stellt sich nun als verzwickte Geschichte heraus, deren Handlung mittels Montagen und Zeitsprüngen einen verwirrenden Charakter erhält, in der Nachbetrachtung aber stark zum Aufbau der Spannung beiträgt. Immerhin kann der Zuschauer miträseln, wer denn nun der Maulwurf ist und wie die Zusammenhänge sind. Dabei wird ein kompliziertes Netz aus Handlungsfäden gesponnen, das den Zuschauer schnell einzufangen vermag. Allerdings nur den passenden Zuschauer.

„Dame, König, As, Spion“ ist kein einfacher Film, sondern im Verständnis sehr anspruchsvoll. Es gibt keine laute Action, oder überhaupt Action. Die Spannung entsteht durch die Zusammenhänge, durch die ruhigen Sequenzen, Beobachtungen, Gesten, Blicke und ausgefeilten Dialoge. „Dame, König, As, Spion“ ist ein ziemlich ruhiger Film, im tristen Ambiente der 1970er. Das bedeutet Mode und Frisuren aus dieser Zeit, Kulisse und Mobiliar teilweise noch älter. Die Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg sind noch frisch, die Tapetenmuster wirken wie von einem anderen Planeten und allgemein wird alles ein wenig anders gehandhabt, gibt es kaum Hektik. Die Weihnachtsfeier beim Geheimdienst wirken kameradschaftlich häuslich und Homosexualität findet kaum Erwähnung, kommt nicht zur Sprache, ist aber dennoch Thema. Und manchmal verschwimmen beim Betrachter die Grenzen zwischen Homosexualität und klassischer Männerfreundschaft. Eine andere Zeit eben – fremdartig und von den Eltern und Großeltern her gleichzeitig doch vertraut.

Das macht den Streifen, der zeitweise auch klassisch inszeniert wurde, zu einem echten Exoten, einem echten Film, echte Handwerkskunst. Kein modernes Blendwerk, sondern knallharte Schauspielkunst und Regiearbeit, die von Tomas Alfredson stammt, einem schwedischen Filmregisseur („So finster die Nacht“, 2008). Ein an sich eher unbekannter Mann.

Er hat die Aufgabe übernommen den gleichnamigen Roman („Dame, König, As, Spion“) von John le Carré zu verfilmen. Dabei hat der Autor bereits im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Adaption keine Umsetzung des Romans werden soll. Im Gegenteil. Tomas Alfredson wurde ermuntert, seine eigene Version des Stoffs auf die Leinwand zu bringen. Und das hat er auch getan. Auch der Vergleich mit der alten TV-Serie (Sir Alec Guinness als Smiley) ist obsolet. „Dame, König, As, Spion“ von Alfredson ist etwas vollkommen eigenes.

Der dröge Charme des Films fasziniert. Auch die vom Regisseur gewählt Perspektive, denn es werden keine Emotionen zu den Figuren aufgebaut. Der Zuschauer hat stets den Überblick, kann die Zusammenhänge überschauen, aber selten sofort verstehen. Auch die eingesetzte Musik sorgt für Distanz, vermeidet es ein Band zwischen Betrachter und Figur herzustellen. Der Zuschauer nimmt eine neutrale Beobachterposition ein. Er bekommt fast eine Dokumentation, eine Analyse vorgeführt. Tomas Alfredson nimmt die Geschichte auseinander und arrangiert sie um. Gleiches stellt er mit seinen Figuren an, die durch ihre Arbeit für den Geheimdienst innerlich zerstört werden, für die ein normales Leben keine Option mehr ist, die verlernt haben normal zu sein. Das Geheime ist ein kaltes Zerrbild der Normalität.

Die Geschichte, die Ereignisse und die Bilder auf sich wirken zu lassen, die Realität des Films zu realisieren, ist erschreckend und faszinierend zugleich. Der kalte Krieg, das intellektuelle Kräftemessen der Geheimdienste, diese Gefühlskälte in einer scheinbar anderen Zeit – schockierend in seiner Wirkung, packend in seiner Darstellung.

„Dame, König, As, Spion“ ist ein anspruchsvoller Film, der nach Reflektion verlangt. Erstklassig besetzt mit Leuten wie Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, Benedict Cumberbatch und vielen mehr. Und sie alle arbeiten auf einem hohen Niveau – keiner fällt ab, niemand reißt aus. Das ist wahre Schauspielkunst. Top-Leute! Top-Film! Top-Empfehlung!

Copyright © 2012 by Günther Lietz

Dame, König, As, Spion

Originaltitel: Tinker Tailor Soldier Spy
Produktionsland: Vereinigtes Königreich, Frankreich
Originalsprache: Englisch
Erscheinungsjahr: 2011
Länge: 127 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12

Regie: Tomas Alfredson
Drehbuch: Bridget O’Connor, Peter Straughan, John le Carré (Roman)
Produktion: Robyn Slovo, Eric Fellner, Tim Bevan
Musik: Alberto Iglesias
Kamera: Hoyte van Hoytema
Schnitt: Dino Jonsäter

Gary Oldman (George Smiley, „Beggarman“), Colin Firth (Bill Haydon, „Tailor“), Tom Hardy (Ricki Tarr), Mark Strong (Jim Prideaux), Ciarán Hinds (Roy Bland, „Soldier“), Benedict Cumberbatch (Peter Guillam), David Dencik (Toby Esterhase, „Poorman“), Stephen Graham (Jerry Westerby), Simon McBurney (Oliver Lacon), Toby Jones (Percy Alleline, „Tinker“), John Hurt (Control), Swetlana Chodtschenkowa (Irina), Kathy Burke (Connie Sachs), Roger Lloyd-Pack (Mendel), Christian McKay (Mackelvore), Konstantin Chabenski (Poljakow), Tomasz Kowalski (Boris)

http://www.damekoenigasspion.de/

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