In New York City, schon 1896 mehr Moloch als Metropole, tötet eine Serienmörder grausam Kinder; da seine Opfer arm sind, will die Obrigkeit seine Taten vertuschen, was ein ehrlicher Polizeichef nicht duldet und deshalb einen Psychologen, einen Journalisten und eine Frau damit beauftragt, den Täter zu entlarven … – Zeitgenössisches Unwissen und Vorurteile im Konflikt mit moderner Kriminalistik sorgen im Bund mit einem gut erdachten und entwickelten Plot für spannende Unterhaltung: ein beinahe schon klassischer Historien-Thriller, der anlässlich seiner (TV-) Verfilmung neu aufgelegt wurde.

Das geschieht:

New York City ist 1896 eine Millionenstadt im permanenten Ausnahmezustand. Die Metropole wächst unaufhörlich, ein breiter Strom von Zuwanderern belebt bzw. übervölkert die Straßen. Die Verwaltung ist überfordert, die Polizei korrupt. Das organisierte Verbrechen breitet sich fast ungehindert aus. Ein soziales Netz existiert nicht, weshalb Armut, Hunger und Tod alltäglich dort sind, wo sich jene ballen, die oft jenseits des Gesetzes um ihr Überleben kämpfen.

Theodore Roosevelt, seit 1895 Leiter der New Yorker Polizeibehörde, hat sich die Aufgabe gestellt, diesen Augiasstall auszumisten. Damit stellt er sich automatisch auf die Abschussliste jener Gruppen, denen die Polizei als Helfershelfer in ihrem Ringen um Geld und Macht gilt. Deshalb ist Roosevelt angreifbar und muss rasch Erfolge präsentieren, was zum Problem wird, als es zu einer Mordserie kommt, deren Opfer Kinder sind, die sich trotz ihrer Jugend prostituieren.

Die Obrigkeit leugnet solche „Perversionen“, die Ermittlungen werden behindert. Das Phänomen des Serienmords ist polizeilich ohnehin kaum bekannt. Dr. Lazlo Kreisler bietet Roosevelt seine Hilfe an. Der Psychologe, ein Zeitgenosse Sigmund Freuds, ist zumindest ansatzweise in der Lage, sich in die Geisteswelt des Killers zu versetzen. Mit einem Freund, dem Journalisten John Schyler-Moore, der Polizei-Sekretärin Sara Howard und den Ermittler-Brüdern Marcus und Lucius Isaacson bildet Kreisler ein kleines Team, das sich auf unkonventionellen Wegen einer Wahrheit nähert, die sämtliche Beteiligten in Lebensgefahr bringt: Der Killer soll eigentlich gar nicht gefasst werden, da dies womöglich den Ruf nach Reformen laut werden lässt. Weil Intrigen und seilschaftliche Ränken nicht fruchten, greifen auch die Verschwörer auf blanke Gewalt zurück …

Das Böse als Hirngespinst: eine schwere Geburt

Ursprünglich hatten es Juristen leicht: Wer einen Mitmenschen fahrlässig ins Jenseits beförderte, war ein Mörder und wurde entsprechend bestraft, wobei lange das Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (bzw. in der Version des unvergessenen Adolf Tegtmeier: „Meine Rübe – deine Rübe“) den juristischen Alltag markierte. Wer als Angeklagter einen inneren Zwang zum Töten geltend machte, galt als vom Teufel besessen und musste erst recht vom Erdboden getilgt werden.

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde es komplizierter. Wissenschaftler wie Carl Stumpf, Théodule Ribot und natürlich Sigmund Freud und seine Schüler C. G. Jung oder Alfred Adler begründeten und entwickelten die Psychologie und die Psychoanalyse. Sie gingen davon aus, dass der Hang (oder Drang) zum Bösen und damit schwerkriminelles Verhalten keineswegs angeboren und damit ein unentrinnbarer Fluch war, sondern aufgrund prägender Negativ-Erfahrungen im menschlichen Gehirn angelegt werden konnte. Dort keimten sie im Verborgenen, um schließlich monströs und mörderisch Blüten zu treiben.

Plötzlich galten Serienmörder wie Jesse Pomeroy (1859-1932), der schon als Kind zu morden begann – Caleb Carr greift seinen Fall ausführlich auf und lässt ihn sogar persönlich auftreten -, nicht mehr automatisch als Ungeheuer, die man möglichst rasch hinrichten musste. Nach und nach setzte sich der Gedanke durch, dass manche Mordserie das Produkt innerer Zwänge war, gegen die der Täter machtlos war.

Selbstverständlich wurde diese Erkenntnis nur langsam akzeptiert. Zu tief verwurzelt war der Kopf-ab-Reflex (s. o.), der außerdem dafür sorgte, dass ein Mehrfachmörder definitiv von der Bildfläche verschwand. „Gerechtigkeit“ und „Rache“ wurden auch in der modernen Justiz keineswegs strikt voneinander getrennt. Hinzu kam Volkes Stimme, die unverhohlen forderte, ‚unverbesserliche‘ Kriminelle auszurotten, statt sie für gutes Geld einzusperren oder gar zu kurieren.

Psychologie und Kriminalistik: eine Nagelprobe

Während die Psychologie in den Jahrzehnten nach Freud & Co. ihren Platz allmählich auch in der Kriminalistik fand, hinkte die Unterhaltungsindustrie hinterher. Zwar gab es durchaus Romane oder Filme gegeben, die entsprechendes Gedankengut verbreiteten, aber es fehlte DER Bestseller oder Blockbuster, der den Serienkiller als Archetyp definierte. 1988 bzw. 1991 war es soweit: Erst der Roman und dann der Film „The Silence of the Lambs“ (dt. „Das Schweigen der Lämmer“) von Thomas Harris sorgte dafür, dass der irre, aber geniale Psychopath und Sadist elementarer Bestandteil der Trivialkultur wurde.

Dort trieben es einerseits entsprechend gepolte Strolche immer einfallsreicher = blutiger, während andererseits ehrgeizige Autoren nach Alternativen suchten: Irgendwann streikt die Fantasie, der immer neue, grässliche, spannende Metzeleien entspringen sollen. Schreck schlägt durch Übertreibung ins Lächerliche um.

Lange dauerte es nicht, bis der Killer-Thriller zum Historienkrimi fand, der nur wenig früher durch Umberto Ecos Roman „Il nome della rosa“ (1980; dt. „Der Name der Rose“) einen ähnlichen Aufschwung genommen hatte. Der Gedanke lag nahe, denn die (kriminalistische) Psychologie blühte wie gesagt auch deshalb auf, weil Serienmord in den Jahren vor und nach 1900 als reales Phänomen erkannt und begriffen wurde. Verbrecher wie Jack the Ripper, H. H. Holmes oder Albert Fisk waren definitiv keine ‚normalen‘ Mörder – und sie schienen an Zahl zuzunehmen.

Als Caleb Carr Anfang der 1990er Jahre beschloss, einen Psychothriller zu schreiben, der im New York des Jahres 1896 spielen sollte, nahm er sich vor, die Vergangenheit nicht als bunte Schablone für eine ansonsten beliebige Handlung zu nutzen (bzw. zu missbrauchen). Carr recherchierte überaus ausführlich die Geschichte der Stadt, während er sich gleichzeitig in die Historie der Psychologie und Psychoanalyse vertiefte. Das Ergebnis ist ein Roman, der kenntnisreich eine Vergangenheit aufleben lässt, Spannung aber nicht nur aus den beschriebenen Verbrechen, sondern auch aus der Exotik einer versunkenen, ungemein lebendigen Ära gewinnt.

Die Vergangenheit nimmt Gestalt/en an

Wenn wir „Die Einkreisung“ heute lesen, sollten wir daran denken, dass dieses Buch bereits 1994 veröffentlicht wurde. Nur so mischt sich in ein Vergnügen, das die Lektüre weiterhin bereitet, nicht eine Enttäuschung, für die der Autor nicht verantwortlich ist. „Die Einkreisung“ wirkt heute in vielen Passagen langatmig. Lazlo Kreisler und seine Gefährten diskutieren ausführlich Thesen, die wir Leser des schon fortgeschrittenen 21. Jahrhunderts kennen: Unzählige Romane, Filme und vor allem TV-Dokumentationen über alte und neue, psychisch aus der Spur gesprungene Serienkiller haben uns zu ‚Fachleuten‘ gemacht.

Davon konnte Carr nicht ausgehen. Er leistete eine Vorarbeit, die überflüssig geworden ist. Dies schließt auch die offensive Präsentation einer Vergangenheit ein, deren Schmutz und Heuchelei nicht pittoresk und farbenfroh, sondern düster und ‚ehrlich‘ ist. Dass früher alles besser war, ist ein selten dämliches Sprichwort. Caleb greift in einen Bereich der Vergangenheit zurück, der in der offiziellen Geschichte New Yorks lange ausgespart blieb – und bleiben sollte: Carr erläutert nachvollziehbar die Motive.

Die Alltagswelt von 1896 wurde von quasi darwinistischer Grausamkeit geprägt. Politik, Justiz und Polizei waren korrupt, eine kleine Oberschicht sorgte mit Hilfe skrupelloser Handlanger dafür, dass Reichtum und Privilegien ihnen allein vorbehalten blieben. In dem entstehenden Vakuum konnte sich das organisierte Verbrechen einnisten und blühen. Eventuelle Ansätze sozialer Gerechtigkeit wurden als „unamerikanisch“ oder „unchristlich“ verdammt und unterdrückt: Wer es nicht schaffte in dieser Welt, hatte sich halt nicht genug angestrengt.

Das Ergebnis war ein Metropolen-Moloch, der seinen schon im 19. Jahrhundert nach Millionen zählenden Einwohnern keine echte Heimat bot. Zur gesetzlich ignorierten Ausbeutung kam ein Rassismus, der sich nicht nur durch die Hautfarbe, sondern auch durch die Herkunft definierte. Aus Europa und Asien strömten Einwanderer in die USA. Sie waren höchstens als billige Arbeitskräfte willkommen. Hunger, Krankheit und Tod waren ihr Alltag, Verbrechen und Prostitution die zweifelhaften ‚Alternativen‘.

Ganz unten in der Hölle

In den Slums von New York treibt ein geistig derangierter Serienkiller sein Unwesen. Er hat sich Kinder als Opfer gewählt, die in ihm jenes Signal aktivieren, das seinen Mordtrieb weckt. Als Thriller gewinnt „Die Einkreisung“ Spannung durch die relative Ratlosigkeit der Ermittler. Sie müssen das Instrumentarium ihrer Arbeit erst erfinden. Hinzu kommen zeitgenössische Hindernisse. Die unglaubliche Brutalität des Täters und sein Wüten in einem Milieu, über das die Zeitungen nicht schreiben dürfen, sorgt für eine Atmosphäre des Leugnens und Verdrängens: Zumindest jene Schichten, deren Kinder nicht in Gefahr schweben, möchten nicht mit diesem Aspekt der Realität belästigt und beunruhigt werden. Die Betroffenen wiederum sollen eingelullt werden, damit sie sich nicht zusammentun und Reformen fordern; auch dieser Aspekt ist Teil von Carrs Geschichte.

So ist es kaum verwunderlich, dass die Ermittlungen langsam ablaufen und immer wieder in Sackgassen landen. Carr kombiniert diese Schwierigkeiten mit einem Komplott: Etablierte Kreise wünschen keine echten Ermittlungen; selbst die Kirche steckt mit den Verschwörern unter einer Decke. Die komplizierte Suche nach der Wahrheit langweilt nicht, weil Carr das (natürlich nur zeitweilige) Scheitern in die Ereignisse integriert.

Schon als er sein Buch schrieb, machte sich Carr offensichtlich Gedanken über eine spätere Verfilmung. Während dies lange an dem gewählten Thema scheiterte – Kinderprostitution ist nicht nur in den USA kein Stoff, der für Zuschauerrekorde sorgt -, lag Carr goldrichtig mit der Zusammensetzung seines Ermittlerteams. Auch hier muss man berücksichtigen, dass er schuf, was heute zum Klischee verkommen ist.

Dem bis ins Finale schier unüberwindlichen Killer, der über kaum menschliche Kräfte und Fähigkeiten verfügt, steht ein geradezu politisch korrekt besetztes Ermittlerteam gegenüber. Als Mann der Wissenschaft, der aber auch tatkräftig eingreifen kann, hütet Dr. Lazlo Kreisler zusätzlich private Geheimnisse, die parallel zur Handlung enthüllt werden. Wo es zu handfest für Kreisler zugeht, springt John Schyler-Moore ein, der als Journalist vertraut mit den schmutzigen Seiten der Stadt ist. Ebenfalls genial, aber exzentrisch und für den (sachten) Humor dieses Romans sind die Brüder Isaacson zuständig, die gleichzeitig als Juden die zeitgenössisch unterdrückten Minderheiten repräsentieren. Dies gilt auch für Sara Howard, die selbstverständlich dem Chauvinismus nicht nur trotzt, sondern sich auch behaupten kann. Die Runde komplettieren Cyrus, der stolze Schwarze, der sich nicht diskriminieren lässt, und Stevie, das pfiffige Straßenkind: Die historische Realität beugt sich hier den Wünschen des modernen Publikums.

„The Alienist“ – Neustart im 21. Jahrhundert

Aufgrund der heiklen Thematik dauerte es lange, bis sich jemand an den Roman als Drehbuchvorlage wagte, obwohl Caleb Carr ein Bestseller gelungen war (den er 1997 fortgesetzt hatte). Erst in den 2010er Jahren und im Zeitalter eines privaten und auch in den USA deutlich weniger durch öffentlich-rechtliche Zensurvorgaben eingeschränkten Fernsehens – hier der Kabelsender TNT – konnte „The Alienist“ 2017 als zehnteilige TV-Serie verfilmt werden.

Das Ergebnis sorgte für gemischte Kritiken. Gelobt wurden die erlesenen Kulissen – gedreht wurde in Budapest -, in denen ausgezeichnete Schauspieler ihre Rollen verkörperten. Für wenig Begeisterung sorgte ein Drehbuch, das zu statisch blieb, den Dialog über die Story stellte und keine echte Spannung generieren konnte. Zudem zündete der Plot nicht mehr, weil sich ein Vierteljahrhundert nach Erscheinen des Romans der Überraschungs- oder gar Sensationsaspekt erledigt hatte: Es sind wie gesagt zu viele Killer und zu viele Psychologen/Kriminalisten über uns gekommen.

Autor

Caleb Carr wurde am 2. August 1955 in New York City geboren. Er studierte Politik und Geschichte an der New York University, wurde Journalist und spezialisierte sich auf politische und militärhistorische Themen. Als Reporter ist er weiterhin tätig und veröffentlicht neben Artikeln in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften auch Sachbücher.

Darüber hinaus ist Carr in der Unterhaltungsbranche aktiv. 1994 erschien sein erster Roman, der Historienthriller „The Alienist“ (dt. „Die Einkreisung“), der die Ermittlungen des frühen Kriminalpsychologen Dr. Laszlo Kreisler bei der Jagd auf einen Serienmörder in den Straßen von New York schildert. Dieser Roman brachte Carr auf Anhieb internationalen Erfolg und 1995 einen „Anthony Award“. 1997 folgte mit „The Angel of Darkness“ (dt. „Die Täuschung“) eine nicht minder erfolgreiche Fortsetzung.

Carr schrieb nunmehr verstärkt für Fernsehen, Film (u. a. eines der Drehbücher für das unglückliche „Exorzist: The Beginning“-Projekt von 2004) und Theater. Sein Romanwerk blieb dagegen schmal; nach der futuristischen Dystopie „Killing Time“ (2000; dt. „Die Täuschung“) erschien erst 2005 der Sherlock-Holmes-Roman „The Italian Secretary“ (dt. „Das Blut der Schande“). Beide Bücher wurden von der Kritik deutlich kühler aufgenommen als die Kreisler-Romane. Bis zu seinem nächsten Roman („The Legend of Broken“) ließ sich Carr bis 2012 Zeit. Seither hat er nichts mehr veröffentlicht.

Caleb Carr lebt und arbeitet weiterhin in New York.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

Caleb Carr
Die Einkreisung
Originaltitel: The Alienist (New York : Random House 1994/London : Little, Brown and Company 1994)
Übersetzung: Hanna Neves
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1994 (Heyne Verlag)
575 Seiten
ISBN-10: 3-453-08019-X
Neuausgabe: 1996 (Heyne Verlag/TB-Nr. 01/9843)
588 Seiten
ISBN-10: 3-453-09931-1
Neuausgabe: Juni 2018 (Heyne Verlag/TB-Nr. 50398)
733 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-50398-4
eBook: Juni 2018 (Heyne Verlag)
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ISBN-13: 978-3-641-18541-1

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