Darsteller: James Gandolfini, Edie Falco, Michael Imperioli, Dominic Chianese, Lorraine Bracco
Regisseure: Tim Van Patten, Alan Taylor
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Warner Home Video – DVD
Produktionsjahr: 1999

Man sollte ja mit Attributen wie „revolutionär“ und „genial“ nicht allzu verschwenderisch umgehen, aber bei den „Sopranos“ sind Superlative definitv angebracht. Schöpfer David Chase und seine Crew erkannten die Zeichen der Zeit und kreierten statt eines, oft gesehenen, dreistündigen Mafia-Epos für das Kino einfach eine TV-Serie mit nicht weniger als sechs Staffeln. Statt einzelne Folgen abzuschließen, besteht die Serie aus mehreren staffelübergreifenden roten Handlungsfäden und zeigt uns den Alltag einer mächtigen Mafiafamilie aus New Jersey mit dem Oberhaupt Tony Soprano.

Wenn man so will, haben die „Sopranos“ den Leinwandmythos der Mafia aus dem Elfenbeinturm der Coppola- und Scorsesefilme zurück in die Realität geholt. Zwar umgeben sich Tony und seine Crew mit schönen Frauen, fahren Oberklassewagen und leben in Häusern, die sich unsereins niemals leisten könnte – aber die privaten Probleme sämtlicher Familienmitglieder könnten auch die eines Otto Normalbürgers sein. Bedenkt man, dass ein Mafiaboss wie Tony Soprano an Panikattacken leidet und regelmäßig eine Psychologin aufsucht, muss man geradezu von einer Demaskierung des in der Filmhistorie häufig romantisierten Mafialebens sprechen. Von der Erhabenheit und Eleganz eines Vito Corleone ist Tony meilenweit entfernt, vielmehr agiert er als cholerischer, psychisch labiler Schutzpatron seiner Familie, im klassischen wie im kriminellen Sinn.
Glücklicherweise wird mit typischen Mafiaklischees jedoch nicht plump abgerechnet: Immer wieder werden Filmklassiker liebevoll rezitiert, seien es bestimmte Redewendungen („bei den Fischen schlafen“), diverse Ehrenkodizes (der Umgang mit Verrätern aus den eigenen Reihen, Aufnahmerituale etc.) oder der ein oder andere Abgang. Für Fans klassischer Gangsterfilme sind „Die Sopranos“ eine wahre Fundgrube an Anspielungen, zudem sind nahezu alle Hauptrollen mit bekannten Gesichtern aus „GoodFellas“ & Co besetzt.

Herausragende Qualität erreicht die Serie jedoch erst durch ihre Charakterzeichnung, denn für wirklich jede Hauptfigur ist genügend Spielraum vorhanden. Fast jede Person hat zwischendurch seine Folgen, in denen ausführlich auf sie eingegangen wird, was sich nicht nur auf Tony und seine Angehörigen beschränkt. Vor allem zu Tonys Seelenleben erhalten wir aber unbeschränkten Zugang, leistet er sich doch regelmäßig Sitzungen bei der Psychologin Jennifer Melfi und plaudert ausführlichst über seine Empfindungen. Bemerkenswert dabei ist sicherlich, wie sehr sich Autor David Chase einen Dreck um eventuelle Sympathiewerte seitens der Zuschauer schert: Häufiger lässt Tony frauenverachtende Sprüche altsizilianischer Schule vom Stapel und spart auch sonst nicht mit Beschimpfungen über Minderheiten (v.a. Schwarze und Schwule). Seine fortwährenden Affären machen ihn nicht unbedingt sympathischer, sodass man als Zuschauer ihm gegenüber ständig zwiespältig eingestellt ist: Einerseits ein treusorgender Familienvater, der immer nur das Beste für die Seinen will und so schnell niemanden aus den eigenen Reihen fallen lässt, andererseits ein unberechenbarer Choleriker mit ausgeprägtem Hang zum Chauvinismus. Bewunderung und Abneigung wechseln sich ständig ab, doch Vorhersehbarkeit und Langeweile kommen definitiv zu keinem Zeitpunkt auf.

David Chase macht es dem konditionierten Zuschauer auch ansonsten nicht leicht mit seinen Handlungssträngen. Nicht nur, dass es davon äußerst viele gibt, sie enden zudem meist gegen jedwede Erwartungen, oder noch schlimmer: Im Nirgendwo. Häufig werden Fäden einfach nicht mehr weitergesponnen und offen gelassen, wobei man zunächst schwer sagen kann, ob das Chase‘ Absicht war, oder auch ein Stück Fahrlässigkeit mit im Spiel war. Erst nach dem Ende der sechsten Staffel ist man, zumindest in dieser Hinsicht, schlauer. Oft bleiben Fragen völlig offen: Der Verbleib des Russen in der Folge „Pine Barrens“ (nebenbei eine der Besten überhaupt), die Vergewaltigung Melfis oder das Schicksal Furios in der vierten Staffel werden nicht endgültig bzw. gar nicht beantwortet. Dass es sich dabei wohl um ein bewusstes Stilmittel handelt, beantworten schließlich erst die finalen fünf Minuten der „Sopranos“, die gleichzeitig noch einmal stellvertretend für die gesamte Serie stehen:

Die Erwartungen des Zuschauers werden mit dem Ende der vorletzten Folge „Blue Comet“ (Tony im Dunkeln zu Bett gehend, mit einem Gewehr in der Hand, dazu eine Instrumentalversion des famosen Songs „Running Wild“ von den Tindersticks; eine Gänsehautszene allererster Güte!) geschürt: Tony und seine Familie sind am Boden wie nie zuvor, ein Großteil seiner Kumpanen wurde ausgelöscht, und angesichsts des deutschen Titels der letzten Folge „Die Sopranos schlagen zurück“ erwartet man nun die große Rachebluttat Tonys zum Showdown, wie das eben so üblich ist.

Nichts dergleichen passiert: Gerade mal ein Feind muss daran glauben, die restlichen Probleme werden alleine mit Verhandlungsgeschick gelöst. Völlig unspektakulär. Und dann kommt es zu einer kontroversen Schlussszene, wie sie das amerikanische TV bis dato wohl noch nie gesehen hat, die aber doch so typisch für die ganze Serie ist:
Tony, Carmela und Anthony jr. sind beim Essen in einem Restaurant, im Hintergrund läuft Journeys „Don’t stop believing“, was schon textlich wie die Faust aufs Auge passt. Meadow kommt zu spät zum vereinbarten Treffen, und versucht draußen verzweifelt rückwärts einzuparken, währenddessen wird mit jeder Kameraeinstellung, mit jedem Schnitt eine geradezu unerträgliche Spannung aufgebaut. Leute betreten das Restaurant, die Kamera verweilt auf den Gesichtern von Gästen, „Der Pate“ wird noch nebenbei zitiert (Mann geht aufs Klo), plötzlich bricht beim Zuschauer fast Panik aus: Ist Tony etwa ausgerechnet jetzt in Gefahr, wo doch alle Angelegenheiten geklärt sind? Das Geschehen ist undurchsichtig, die Szenerie wirkt fast surreal und scheint auf mehreren Ebenen interpretierbar. Man erwartet den großen Knall und es endet:

Im großen Nichts.

Tony schaut erschrocken in die Kamera, die Musik stoppt abrupt, und der Bildschirm bleibt für Sekunden schwarz. Über das, was passiert ist, kann man freilich eifrig diskutieren (am naheliegendsten ist natürlich der Tod Tonys in diesem Moment), oder sich einfach nur damit abfinden, dass Chase uns wieder einmal gepackt und einfach komplett an der Nase herumgeführt hat. Alles kommt anders, als man sich das gedacht hat, und eine Serie, die über sechs Staffeln ohne Cliffhanger zwischen den einzelnen Folgen auskam, fährt nun den größten überhaupt möglichen Cliffhanger mit der allerletzten Szene auf. Grandios!

Chase schlägt auf diese Weise gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: „Die Sopranos“ werden dank des kontroversen Endes und der damit ausgelösten Diskussionen mit Sicherheit im Langzeitgedächtnis vieler Serienfans haften bleiben, zudem wird die Hintertür für einen Kinofilm oder eine Fortsetzung damit einen Spalt weit offen gelassen, auch wenn das von allen Seiten vehement dementiert wird. Dass aber in der TV-Branche alles möglich ist, wenn nur das Geld stimmt, steht ja außer Frage.

Dem überwiegenden Teil der Deutschen wird das eh scheißegal sein, denn hierzulande war der Serie erwartungsgemäß kaum Erfolg beschieden. Schuld daran sind einerseits die Sender, welche die Folgen zu unmöglichen Zeiten ausstrahlten und eine miserable Werbepolitik betrieben, andererseits, und das zum größeren Teil, die Sehgewohnheiten des deutschen Publikums, in dessen „Hinter-Gittern“- und „Cobra-11“-Horizont ein komplexes Gesamtwerk wie „Die Sopranos“ einfach nicht hineinpasst. Außerdem ist die Serie nicht darauf ausgelegt, einen bestimmten Sendeplatz in der Fernsehwoche einzunehmen, sondern ist auf dem Medium DVD am besten aufgehoben. Dieser Trend setzte sich in den folgenden Jahren mit anderen US-Produktionen wie „24“ oder „Six Feet Under“ fort.

„Die Sopranos“ haben die TV-Landschaft grundlegend verändert und qualitativ das Tor zu einer neuen Dimension aufgestoßen. Ein gewalttätiges, schwarzhumoriges, trauriges und vielschichtiges Mammutwerk, dem kaum eine Besprechung gerecht werden, und dessen Tragweite man erst nach Komplettansicht und einigem Abstand begreifen kann.

(c) 2009 by Thomas Lehner

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