In meinem HimmelIn meinem Himmel

Originaltitel: The Lovely Bones
Produktionsland: Vereinigte Staaten
Erscheinungsjahr: 2009
Länge: 135 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12

Regie: Peter Jackson
Buch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson
Roman: Alice Sebold

Produktion: Peter Jackson, Carolynne Cunningham, Fran Walsh
Musik: Brian Eno
Kamera: Andrew Lesnie
Schnitt: Jabez Olssen

Darsteller: Saoirse Ronan (Susie Salmon), Mark Wahlberg (Jack Salmon), Rachel Weisz (Abigail Salmon), Stanley Tucci (George Harvey), Susan Sarandon (Grandma Lynn), Jake Abel (Brian Nelson), Rose McIver (Lindsey Salmon)

Mit „In meinem Himmel“ hat sich der bekannte Regisseur Peter Jackson („The Frighteners“, „Der Herr der Ringe“, „Heavenly Creatures“) an die Verfilmung des gleichnamigen Romans aus der Feder von Alice Sebold gewagt. Der Name Jackson wiegt dabei schwer und seine letzten Projekte lassen ein weiteres filmisches Schwergewicht erwarten. Vor allem die Herausforderung so schwerer Themen wie Vergewaltigung, Kindesmord und Trauer zu bewältigen werfen die Frage auf, wie Peter Jackson das alles in einem Film unterbringen will.

Anfang der siebziger Jahre lebt Susie Salmon (Saoirse Ronan) in einer kleinen amerikanischen Gemeinde. Alles ist friedlich und die erste große Liebe hat die vierzehnjährige in ihren Bann geschlagen. Doch bevor Susie sich mit ihrem großen Schwarm trifft, stößt sie nach der Schule mit Nachbar George Harvey (Stanley Tucci) zusammen. Der hat schon länger ein Auge auf das Mädchen geworfen und eine Kinderfalle gebaut. Da lockt er Susie hinein und bringt sie bei ihrem Fluchtversuch um.

Susie ist nun in einer Zwischenwelt gefangen. Sie kann ihre Lieben daheim beobachten, aber keinen Einfluss nehmen. In ihrem Himmel lernt sie ein Mädchen namens Holly Golightly (Holly Golightly ist der Name einer Musikerin und auch der Name der Hauptfigur in Truman Capotes Roman „Frühstück bei Tiffany“) kennen, erfährt mehr über diese neue und farbige Welt, erfährt auch mehr über ihren Mörder.

Der kommt in der Realität nämlich ungeschoren davon, während Susies Familie an dem Drama zu zerbrechen droht. Vater Jack (Mark Wahlberg) verdächtigt alle Menschen in seinem Umfeld, Mutter Abigail (Rachel Weisz) nimmt Reißaus in die Weinberge und nur Oma Lynn (Susan Sarandon) hält die Stellung. Und Harvey späht schon sein nächstes Opfer aus: Susies Schwester Lindsey (Rose McIver) …

Peter Jacksons Verfilmung nur an der Romanvorlage zu messen, wäre sicherlich unfair. Immerhin konzentriert sich das Buch auf die Vergewaltigung und den Mord an Susie, beschäftigt sich mit der Trauerbewältigung und der Charakterentwicklung. Alice Sebold spricht die Emotionen ihrer Leser an, schildert eindringlich das Grauen und den Umgang damit. Aber Jackson hat sich selbst den Roman ausgesucht und so muss er sich wenigstens den Vergleich mit den Kernthemen gefallen lassen. Und hier scheitert der Regisseur kläglich.

Das sich ein Film zwangsweise wenig auf die Charakterentwicklung konzentrieren kann ist verständlich. Die Zeit ist sehr bemessen, doch Jacksons Figuren werden kaum behandelt. Einzig Susie erfährt eine Entwicklung, alle anderen Figuren werden einfach abgehandelt. Kommt es zu Szenen, in denen es in die Tiefe gehen könnte, bleiben diese gewollt kurz und Peter Jackson wechselt zu einem opulenten Bild. Mark Wahlberg und Rachel Weisz bekommen gar keine Möglichkeit sich zu profilieren. Einzig Susan Sarandon bekommt Zeit zum Spielen eingeräumt. Diese wird dann genutzt um ein paar Lacher zu ernten und dem Film weiter die Ernsthaftigkeit zu entziehen.

Die tiefgehenden Gefühle und das Drama des Romans einzufangen misslingt dem Film. Jackson blendet die Vergewaltigung Susies vollständig aus, reißt den Mord nur an, verlässt sich auf einige Symbole, um darauf hinzuweisen. Gut für all diejenigen, die diese Symbole erkennen und zu deuten wissen. Doch die Bildpracht von Susies Zwischenwelt gibt sich alle Mühe, sämtliche dezente Symbolik zu übertünchen, zu übermalen. Peter Jackson hat in den CGI-Farbeimer gegriffen und sich ordentlich bedient.

Anstatt eines erschütternden Dramas schreibt er nun parallel eine Kriminalgeschichte und eine Mysterystory. Bevor er sich in der einen Geschichte verfängt, wechselt er dann schnell mal hinüber und lässt auch gerne Parallelmontagen ablaufen. Die sind vor allem zu Schluss nervig und deplatziert, wenn Susies Mörder die zerstückelten Reste seines Opfer verschwinden lassen will und gleichzeitig eine unschuldige Kussszene abgehandelt wird. Das wirkt zu keinem Zeitpunkt dramatisch oder traurig, sondern einfach nur aufgesetzt. Zudem entzieht die jeweils eine Einstellung der anderen Einstellung die Substanz.

Personen und Handlung sind bei Jackson also zu vernachlässigen. Selbst Bösewicht, Kinderschänder und Mörder George Harvey wirkt zwar schaurig, aber keineswegs böse. Das wird wohl an FSK 12 liegen. So kommen zwar viele Leute in den Genuss des Films, aber der Film ist einfach zu weichgezeichnet und am Romanthema vorbei. Jackson verlässt sich lieber auf das was er kann: CGI-Effekte.

So inszeniert er opulent Susies Himmel, erinnert damit beinahe an die Farbenpracht von „Hinter dem Horizont“ (1998), ohne dessen Originalität zu erreichen. Denn durch Thema, Farbenpracht und Effekte kommt schnell der Verdacht auf, Jackson hätte sich an dessen Bildgestaltung fleißig bedient. Die Ähnlichkeiten sind jedenfalls auffallend und beide Filme sind stellenweise kitschig zu nennen. Dabei ging Regisseur Vincent Ward in seinem Streifen wenigstens keine großen Kompromisse ein.

Einziger Lichtblick in Jacksons „In meinem Himmel“ ist Saoirse Ronan („Abbitte“, „City of Ember“), die trotz ihrer jungen Jahre (Jahrgang 1994) eine schauspielerische Glanzleistung zeigt. Ihr wird natürlich auch der größte Raum geboten und den nutzt sie gut aus. Schade nur, dass sie hier regelrecht verheizt wird. Sie und Stanley Tucci („Undercover Blues – Ein absolut cooles Trio“) wurden dann auch für Filmpreise nominiert, wobei diese Nominierungen bei Tucci ein Rätsel bleiben. Sein Harvey ist und bleibt ein farbloses Etwas, ohne Persönlichkeit, ohne Ausstrahlung.

„In meinem Himmel“ ist an sich unterhaltsam, hinterlässt aber keine Spuren und auch keine nachhaltigen Erinnerungen. Einzig Saoirse Ronan bleibt haften und die abschließende Erkenntnis, dass auch ein großer Regisseur kleine Haufen macht.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

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