FSK: ab 12 Jahren
Laufzeit: ca. 320 Minuten

Regie: Richard Laxton, Robert Biermann, Graham Theakstone
Drehbuch: Lizie Mickery, Ed Whitmore
Darsteller: Nathaniel Parker, Sharon Small

Produktion: GB 2001-2007
Produktionsfirmen: BBC
Produzent: Ruth Baumgarten, David Boulter

Vom Anfang und vom Ende …

Mit der DVD-Box „The Inspector Lynley Mysteries 6“ erzählt die BBC vom Anfang und vom Ende dieser außergewöhnlichen Kriminalserie. Insgesamt wurden 23 Episoden in 24 Teilen produziert. Die Box enthält nun den Pilotfilm (Episode 1, insgesamt 2 Teile) und die finalen Folgen (Episode 22 und 23) der Serie. Kurios ist dabei, dass die Inhaltsangabe auf der Box – und auch auf einigen Websites – den Inhalt des Pilotfilms falsch wiedergibt. Der Text verweist fälschlicherweise auf Episode 8 aus Staffel 2: „Im Angesichts des Feindes“. Dieser Fehler ist peinlich.

Die Serie nimmt in „Gott schütze dieses Haus“ seinen Anfang. Inspector Thomas Lynley (Nathaniel Parker) ist der achte Earl von Asherton. Er übt seinen Beruf leidenschaftlich aus talentiert. Trotzdem glauben viele, Lynley würde den Polizeidienst nur aus Liebhaberei verrichten. In der Gemeinde Yorkshire ist im Dörfchen Keldale nun ein Mord geschehen und Lynley soll ermitteln. Er stammt aus der Gemeinde und kennt die Beamten vor Ort. Damals musste er für Recht und Ordnung innerhalb der Polizei sorgen. Das halten ihm die ehemaligen Kollegen noch immer nach. In London nutzt man die Gelegenheit beim Schopf und stellt Lynley Sergeant Barbara Havers (Sharon Small) zur Seite. Sie gilt als aufsässig und ihre Vorgesetzten hoffen auf einen Eklat mit dem Earl, um Havers dann abschießen zu können. Tatsächlich kommt es während der Ermittlungen zu einigen Reibereien.

Der Mordfall selbst hat es ebenfalls in sich. Der angesehene Farmer William Tey wurde erschlagen in seinem Stall aufgefunden, neben ihm seine sechzehnjährige Tochter Roberta – blutverschmiert und traumatisiert. Die Mordwaffe selbst wurde abgewischt und Roberta ist unfähig eine Aussage zu machen. Stück für Stück kommen Lynley und Havers nun den Verdächtigen auf die Spur. Verschwundene Frauen, ein totes Neugeborene und unfähige Beamte sind nur einige der Hindernisse auf dem Weg zur Lösung des Falls. Und die Wahrheiten sind schrecklicher, als es sich die Beteiligten dachten …

Schauderhaft schöne Kriminalunterhaltung, eindeutig. Der Pilotfilm besteht aus zwei Teilen und hat alles was es braucht, um einen grandiosen Start hinzulegen. Neben dem Primärplot – also dem Mordfall – werden auch viele kleine Geschichten erzählt. Das trifft vor allem auf die Hauptrollen zu. Lynley und Havers haben eine spürbare Vergangenheit und stecken privat mit dem Kopf in der Schlinge. Lynley war Trauzeuge bei der Hochzeit seine besten Freundes – der ausgerechnet die große Liebe des Inspectors ehelicht. Havers Eltern sind dagegen schwer krank und es steht kurzfristig keine staatliche Pflegehilfe zur Verfügung. Der Druck auf die beiden Ermittler ist groß. Verstärkt wird er durch Lynleys ehemalige Kollegen aus der Grafschaft, die den beiden Steine in den Weg legen und die Ermittlung somit behindern. Aber auch die Verdächtigen sind vielschichtige Charaktere, deren Leben sich innerhalb von fast 150 Minuten Stück für Stück ausbreitet.

Die BBC hat 2001 mal wieder einen Knaller produziert. Gegensätzliche Charaktere treffen aufeinander, es gibt viele Reibereien und der Fall ist ein psychologisch ausgeklügeltes Drama zum mitfiebern. Nathaniel Parker ist als smarter Inspector eine ideale Besetzung. Als britischer Schauspieler mit Erfahrung in klassischen Rollen, gelingt es ihm spielend den etwas steifen und manchmal leicht versnobt wirkenden Earl zu spielen. Sharons Smalls Rolle ist sehr gegensätzlich angelegt. Ihre Havers stammt aus einem Arbeitermilieu und muss sich alles hart erkämpfen. Small setzt die Vorgaben ihrer Rolle gekonnt um und gibt ihr die nötige Intensität, um zu überzeugen. Im Zusammenspiel ergeben die beiden Rollen und ihre Auslegungen entsprechendes Konfliktpotenzial. Durch die beiden Darsteller wirken die Konflikte und ihre Lösungen stets glaubhaft. Zu keinem Zeitpunkt komme das Gefühl auf, dass ein Drehbuch dahintersteckt und sich die Protagonisten zusammenraufen müssen.

Die Episode „Die keinen Frieden haben“ wurde 2007 abgedreht und läutet das große Finale der Serie ein. Thomas Lynleys Frau erschoss man ein halbes Jahr zuvor und nun wurden die sterblichen Überreste seines Patensohns Justin gefunden. Justin verschwand vor vielen Jahren nach seiner Geburtstagsfeier. Nun, zwölf Jahre später, soll er endlich seinen Frieden finden. Justins Schwester Julia verweigert jedoch ihr Kommen und bleibt lieber in Italien. Inspector Lynley fliegt nach Rom und überredet Julia mit ihm zu kommen. Gemeinsam kehren sie nach London zurück. Am Ende einer heißen Liebesnacht stürmt die Polizei Lynleys Schlafzimmer, denn Julias Leiche liegt auf der Straße vor seiner Wohnung …

Der Earl ist in die Jahre gekommen, auch Darsteller Nathaniel Parker. Die körperlichen Unterschiede treten sehr deutlich zutage, da sechs Jahre zwischen dem Pilotfilm und den Finalfolgen liegen. Der Zuschauer erfährt einige Dinge über den Inspector und die Schicksalsschläge die ihn schwer getroffen haben. Lynley trinkt, er hat eine Therapie abgebrochen und blickt im Gefühlschaos kaum durch. Nathaniel Parker spielt diesen Wandel und Verfall überzeugend. Er ist fülliger und sein Gesicht weist mehr Falten auf. Es sind Lebensspuren, die der Zuschauer deutlich lesen kann. Auch Sharon Small ist älter und sichtlich reifer. Zum Ende hin überlässt sie allerdings ihrem Partner das Serienparkett und hält sich dezent im Hintergrund. „Die keinen Frieden haben“ ist vor allem Nathaniel Parkers Abschiedsbühne.

Das Ende der Serie wird nun mit „Erkenne deinen Feind“ gebildet. Ein Gaunerpärchen entführt junge Frauen, um diese zu vergewaltigen. Eines der Opfer ist die Diabetikerin Kelly Stevens. Ohne Insulin ist sie dem Tode geweiht. Lynley und Havers haben keine Zeit für langwierige Ermittlungen. Während der Inspector wie ein Bluthund auf die Jagd geht, versucht Havers das Vertrauen der Verdächtigen zu gewinnen, die scheinbar selbst nur ein Opfer ihres gewalttätigen Mannes ist …

Die letzte Episode hat es in sich. Wie zu Beginn der Serie fliegen zwischen Lynley und Havers die Fetzen, prallen verschiedene Gemüter brachial aufeinander ein, um schlussendlich gemeinsam den Weg zum Ziel zu finden. Dabei entpuppt sich der Fall als kompliziert gestrickt, weist eine überraschende Wendung auf. „Erkenne deinen Feind“ ist ein verdientes Serienende. Schlussendlich darf Sharon Small alle Register ziehe und zeigen, was sie drauf hat. Im Charakterspiel mit Nathaniel Parker nimmt sie den Zuschauer mit auf eine emotionale Achterbahn. Dazu ein kniffliges Rätsel und Spannung pur.

Es ist bedauerlich, dass solch eine großartige Serie zu Ende geht. „The Inspector Lynley Mysteries” basiert dabei auf den Romanen der amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth George. Anfangs Romanumsetzungen, wurden später für die Serie extra Geschichten entwickelt. So traurig der Abschied auch ist, überwiegt doch die Freude diese Serie überhaupt zu kennen. Immerhin handelt es sich um ausgeklügelte Kriminalunterhaltung auf hohem Niveau. Es wird viel Wert auf Emotionen, Motive und Charakterspiel gelegt. Auch in der Besetzung und den fotografierten Kulissen wird deutlich, dass die fiktiven Geschichten in dieser Art überall spielen könnten. Das ist vielleicht auch das einzige Manko der vier enthaltenen Episoden. Obwohl Lynley ein Earl ist, fehlt es am typisch britischen Flair. Aber vielleicht ist es für den deutschen Zuschauer auch wiederum reizvoll einer Handlung zu folgen, die so auch in der eigenen Heimat spielen könnte. Die Schauplätze scheinen jedenfalls austauschbar.

Jeder der vier Episoden hat eine eigene DVD in der Box, versehen mit in rot gehaltenen Motiven der Serie. Die Menüs sind einfach und zweckmäßig, Bonusmaterial ist keins enthalten. Selbst die erwartete Trailershow fehlt. Dafür gibt es das heutzutage normale Breitbild und zwei Tonspuren in Dolby Digital 2.0: Deutsch und Englisch. Das war es auch schon. Dadurch steht die Qualität der Serie im Gegensatz zur mauen Ausstattung der DVD-Box. Hier hätte man für Fans ruhig ein wenig mehr auf die DVDs packen können. Trotz allem ist „ The Inspector Lynley Mysteries 6” eine absolute Empfehlung.

(c) 2008 by Günther Lietz

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