Als ein Komet die Erde passiert, reißt er über Santa Monica ein Loch in das Dimensionsgefüge; Paralleluniversen öffnen sich, sodass acht von der Situation überforderte Freunde (sich) bald doppelt und dreifach sehen … – Sparsam produziertes aber gut durchdachtes Gedankenspiel, das trotz (oder gerade wegen) meist improvisierter Szenen fesselt: Nerd-Kino kann spannend sein!

Das geschieht:

Acht alte Freunde feiern in Santa Monica, Kalifornien, im Haus des Ehepaars Hugh und Bess nach längerer Zeit ein Wiedersehen. Man isst und trinkt, tauscht Erinnerungen aus und streitet sich; so ist die eifersüchtige Emily nun mit Kevin zusammen, der früher eine Beziehung mit Laurie hatte, die Emily als potenzielle Konkurrentin fürchtet und verabscheut. Der Abend verläuft dennoch harmonisch und hat einen besonderen Höhepunkt: In der Nacht fliegt der Millersche Komet zum ersten Mal seit hundert Jahren wieder an der Erde vorbei. Da er sich so nah wie nie zuvor zeigt, bietet sich Beobachtern ein wunderbarer Blick auf den kosmischen Wanderer.

Emily und Hugh hegen allerdings Befürchtungen. Sie hat sich mit der Geschichte von Kometen beschäftigt und festgestellt, dass sich oft merkwürdige Vorfälle ereignet haben, wenn diese gar zu scharf die Erdbahn kreuzen. Hugh hat einen Bruder, der als Dozent für Physik und Astronomie tätig ist und Hugh bat, ihn umgehend anzurufen, sollte sich in dieser Nacht etwas „Seltsames“ ereignen.

Dazu kommt es tatsächlich: Erst zerspringen mehrere Handys, dann bricht das Internet zusammen, schließlich fällt der Strom aus. Das gesamte Viertel liegt in Dunkelheit, nur einige Straßen weiter ist ein Haus hell erleuchtet: Dorf läuft offenbar ein Generator. Hugh will dort seinen Bruder anrufen. Mit Amir macht er sich auf den Weg – und kehrt völlig verstört zurück. Was er gesehen hat, will er lange nicht erzählen. Erst als sich andere Rätselhaftigkeiten ereignen, rückt er damit heraus: Das andere Haus ist ein exaktes Spiegelbild des eigenen Hauses, und darin sitzen Spiegelbilder der Festgesellschaft! Daraus resultiert diese schockierende Erkenntnis: Der Komet hat das Raum-Zeit-Kontinuum gestört und eine Verbindung zwischen parallelen, sonst getrennten Universen geschaffen!

Was tun die ‚Anderen‘? Sind scheinen bereits einen Plan und die Gemeinschaft womöglich bereits unbemerkt unterwandert zu haben. Doch wie viele ‚andere‘ Häuser und ‚andere‘ Freunde gibt es jetzt eigentlich …?

Die Katze in der Kiste

In der Regel gilt: Was wir sehen, geschieht tatsächlich. Quantenphysiker denken allerdings anders. Sie stehen auf dem Standpunkt, dass auch Ereignisalternativen real sein können. 1935 entwickelte der österreichische Physiker Erwin Schrödinger (1887-1961), einer der Begründer der modernen Quantenmechanik, ein Gedankenspiel, um dies theoretisch zu verdeutlichen: In einer von aller Außensicht abgeschlossenen Kiste sitzt eine Katze. Ein tödliches Giftgas wird in der Kiste freigesetzt. Nach konventioneller Deutung wird die Katze sterben. Die Quantenmechanik formuliert jedoch ein anderes Szenario: So lange niemand in die Kiste schaut, existiert darunter eine ‚doppelte Realität‘: Die Katze ist gleichzeitig lebendig und tot. Erst das Öffnen der Kiste führt auf  ‚unserer‘ Existenzebene zum bekannten Ergebnis: Die Katze ist tot.

„Schrödingers Katze“ ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Deutungen. Drehbuchautor und Regisseur James Ward Byrkit pickte sich als konzeptionelle Basis die „Viele-Welten-Theorie“ heraus, die beispielsweise der Physiker Hugh Everett (1930-1982) vertrat: Innerhalb der Kiste trennt sich die Raum-Zeit und öffnet sich in zwei parallele Universen. In ‚unserem‘ ist die Katze tot, wenn man in die Kiste schaut, in dem ‚anderen‘ lebt sie. Da sich die Verbindung zwischen den Universen sofort schließt, wenn die Kiste gehoben wird, bleiben die Beobachter beider Welten ahnungslos.

Womit sich umgehend die Frage stellt, was geschehen würde, wenn diese Trennung unterbliebe. Byrkit postuliert dieses Ereignis und ernennt zum Auslöser einen Kometen. Wissenschaftlich ist das Unsinn aber eine plausible „Technobabble“-‚Erklärung‘, zumal Kometen seit Jahrtausenden mit Misstrauen und als Unglücksbringer betrachtet werden. Letztlich geht es Byrkit ohnehin nur darum, seine Geschichte irgendwie in Gang zu setzen.

Realität in der Auflösung

Die Konstellation ist klassisch: Im Katastrophen-Kino werden selten Spezialisten, sondern in der Regel ganz normale Zeitgenossen mit einer Krise konfrontiert, deren Meisterung sie (eigentlich) überfordert. Mit diesen Figuren kann sich das Publikum leichter identifizieren. Außerdem ist es spannender zu beobachten, wie Menschen ohne Wissen und Ausbildung sich der Ausnahmesituation stellen. (Dies mildert auch den Drang, acht vorgeblich intelligente Menschen permanent in die Hintern treten zu wollen, weil sie sich drehbuchbedingt ungeschickt bis dämlich verhalten.)

Byrkit jagt acht gänzlich unbedarfte Zeitgenossen auf einen Höllentrip. Um die Ratlosigkeit der Betroffenen zu unterstreichen, händigte er seinen Schauspielern ein Drehbuch aus, das nur Eckpfeiler der Handlung fixierte. Sie sollten ihre Handlungen, vor allem jedoch ihre Dialoge improvisieren – ein riskantes Unterfangen, das hier jedoch glückte, weil Byrkit acht Darsteller fand, die der Herausforderung gewachsen waren.

Dies gilt erst recht, wenn man weiß, dass „Coherence“ ohne übliche Filmtechnik oder gar Budget entstand. Ein volles Jahr brütete Byrkit über seinem Drehbuch, das den komplizierten Plot gleichermaßen sachlich in allen Facetten beleuchten wie unterhaltsam präsentieren sollte. Der Film selbst wurde an nur fünf Abenden im Privathaus des Regisseurs gedreht. Es gibt bis auf die Bilder des Kometen am Himmel keine Spezialeffekte.

Die Kamera ist auffällig unruhig; erst denkt man an einen weiteren „Found-Footage-Film“, der mit der subjektiven Kamera eingefangen und rasant schnell geschnitten wurde. Doch die Rastlosigkeit ist ein Stilmittel, das u. a. kompensieren soll, dass sich die Handlung faktisch auf ein Wohnzimmer und eine Küche konzentriert.

Die Kiste ohne Katze

Byrkit konzentriert das Geschehen auf zwei gleichzeitig und gleichberechtigt vorangetriebene Handlungsebenen: Was geschieht unter der ‚Kiste‘, die der Komet über das Haus von Hugh und Kevin stülpt, und wie reagieren seine Bewohner darauf? Ein zunächst unbekannter aber später immer stärker in den Mittelpunkt rückender Faktor ist dabei die Tatsache, dass „Bewohner“ hier zu einem schwammigen Begriff degeneriert: Wo sich unzählige Parallelwelten treffen, kommen auch unzählige Bewohner in Kontakt.

Die Möglichkeit, sich selbst zu begegnen, löst einen Schrecken mit archaischer Rückkopplung aus. Schon der Blick in den Spiegel ist manchem Zeitgenossen unheimlich. Der Mensch scheint sich selbst am wenigsten zu trauen; er dürfte gute Gründe dafür haben … Byrkit verdeutlicht das, indem er die ‚Freundschaft‘ seiner acht Figuren anfänglich darstellt aber gleichzeitig zahlreiche Brüche offenlegt. Man verschweigt einander privat Unerfreuliches oder lügt sogar, obwohl man unter ‚Freunden‘ ist. Normalerweise hat dies keine Folgen, sondern konserviert den Status Quo. In der Krise brechen jedoch die Dämme. Folgerichtig sind unsere acht ‚Freunde‘ rasch nicht nur uneins in der Planung ihres Vorgehens, sondern verstricken sich auch in persönliche, nun nicht mehr durch Konventionen gefilterte Konflikte.

Geht es den ‚Anderen‘ ähnlich, oder sind sie zielstrebig damit beschäftigt, die Situation zu ihren Gunsten zu verändern? Dies ist die große Frage, die unsere Gruppe trotz aller Streitigkeiten umtreibt. Statt sich zusammenzusetzen, igelt man sich ein und denkt sogar an die gewaltsame Ausschaltung der ‚Konkurrenz‘: Hat der Komet die Erde passiert, dürfte die Realität wieder einkehren. Damit es die ‚richtige‘ Realität ist, werden Vorkehrungen getroffen. Allerdings denken die ‚Anderen‘ ebenso. Irgendwann stellt sich obendrein heraus, dass die ursprüngliche Gruppe längst nicht mehr existiert: Absichtlich oder zufällig haben sich im Haus acht Menschen aus mehreren Paralleluniversen getroffen.

Wie konnte was geschehen?

Wie es dazu kam, schildert Byrkit auf ebenso vertrackte wie spannende Weise. „Coherence“ gehört zu den Filmen, die man mehrfach sehen kann oder muss, um die Handlung tatsächlich zu erfassen. Manche Raum-Zeit-Schleife löst Byrkit nachträglich für uns auf, andere aber nicht: „Coherence“ ist ein Film, den man wach und wachsam genießen sollte.

Außerdem sollte man ein Faible für Planspiele haben. Zwar gelingt es Byrkit, eine interessante Geschichte spannend zu erzählen. Auf eine konventionelle Dramaturgie, eine Love Story oder gar ‚Action‘ verzichtet er dabei jedoch, sodass die Filmfreunde der Knall-Bumm-Fraktion verwirrt oder enttäuscht reagieren könnten.

Wer sich auf das Geschehen einlässt, wird freilich belohnt. Es macht Spaß, auf einfallsreiche Weise verunsichert zu werden. Byrkits Rechnung geht auf, weil sein Drehbuch von Schauspielern getragen wird, die es verstehen, ohne Kostüme und Masken, sondern allein durch darstellerischen Nuancen anzudeuten, dass sie aus unterschiedlichen Universen stammen.

Für sein Planspiel findet Byrkit eine simple aber überraschende Auflösung: Nachdem zum Thema alles gesagt ist, läuft „Coherence“ in einem konventionellen Spannungsszenario aus. Dem folgt ein Finaltwist, der sogar zündet, was keineswegs die Regel ist. Auf diese Weise endet ein interessantes aber riskantes Film-Experiment zufriedenstellend. Byrkit kommt der erhofften Wirkung auf jeden Fall nahe. Er unterhält und stellt unter Beweis, dass es möglich ist, finanzielle und technische Ressourcen bzw. deren Fehlen durch gute und gut ausgearbeitete Ideen auszugleichen.

DVD-Features

Dieser Rezensent hat nur die „Film-Only-Budgetfassung“ – eine einfallsreiche Bezeichnung für die Frechheit, durchaus vorhandene Features zum Hauptfilm einfach zu kippen – gesehen. Wer mehr über die in diesem Fall tatsächlich interessanten Hintergründe erfahren möchte, muss zur „Special Edition“ greifen, die – selbstverständlich zu einem höheren Preis – ‚exklusiv‘ über das Label oder Amazon bezogen werden kann. Dort wurden ein Audiokommentar (mit Regisseur James Ward Byrkit und den Darstellern Emily Foxler und Alex Manugian), ein Blick „Behind the Scenes“, (vom Regisseur kommentierte) Testaufnahmen sowie Interviews mit den Schauspielern Emily Foxler, Hugo Armstrong und Lorene Scafaria zusätzlich aufgespielt. Zwei Trailer und ein Teaser komplettieren diese Extras.

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Coherence – Nichts ist Zufall
Originaltitel: Coherence (USA 2014)
Regie u. Drehbuch: James Ward Byrkit
Kamera: Nic Sadler
Schnitt: Lance Pereira
Musik: Kristin Øhrn Dyrud
Darsteller: Emily Baldoni (Emily), Maury Sterling (Kevin), Nicholas Brendon (Mike), Elizabeth Gracen (Beth), Alex Manugian (Amir), Lauren Maher (Laurie), Hugo Armstrong (Hugh), Lorene Scafaria (Lee)
Label: Bildstörung
Vertrieb: Alive
Erscheinungsdatum: 27.03.2015
EAN: 4042564146677 (DVD)/4042564146653 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min. (Blu-ray: 88 min.)
FSK: 16

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

Synchronicity

The Midnight Swim – Schwestern der Nacht

Storm – Ist es ein Game oder die Wirklichkeit?

Banshee Chapter