Der erste echte Raumflug führt eine sechsköpfige Astronauten-Crew nach strapaziösen Vorbereitungen zum Planeten Mars. Die Reise wird lang und gefährlich; nicht alle Besatzungsmitglieder erreichen das Ziel, und der Kommandant wird noch vor der Landung verrückt … – Vor dem „Sputnik“-Schock entstanden, feiert dieser Film den für menschenmöglich und notwendig gehaltenen Vorstoß ins All. Interessanter als die peinlich-behäbige Handlung ist die Bebilderung zeitgenössischer Vorstellungen, wie dies geschehen könnte: Nostalgie-Trip in die Vergangenheit der Zukunft.

Das geschieht:

Mit eiserner Entschlossenheit hat Colonel Samuel Merritt den Bau der ersten Station im Weltall vorangetrieben. Nun kreist sie als riesiges Rad um die Erde und ist Baustelle für ein Raumschiff, das bald zum Mond aufbrechen soll. Die harte Arbeit hat Spuren hinterlassen, die Männer sind nervlich und körperlich erschöpft. Merritt selbst ist betroffen, aber er verschweigt seine Schwäche, weil er unbedingt an der Mondfahrt teilnehmen will.

Die Station ist ein Gemeinschaftsprojekt zahlreicher Erdstaaten. Als man über die anstehende Expedition berät, kommt es zu einer überraschenden Neuplanung: Die Reise soll nicht mehr zum Mond, sondern zum Mars gehen – eine deutlich gefährlicheres Unterfangen, gegen das der (zum General beförderte) Merritt zunächst Protest einlegt, um sich dann dem Willen seiner Vorgesetzten zu fügen.

Mit vier Begleitern – darunter auch Merritts Sohn Barney – macht man sich auf den Weg. Kurz nach dem Start entdeckt man den blinden Passagier Sergeant Mahoney, der seinen alten Freund Merritt Senior unbedingt zur Seite stehen will. Als ein Asteroid das Raumschiff beinahe zerstört, kommt der Astronaut Fodor ums Leben. Das drückt nicht nur die allgemeine Stimmung, sondern verschärft auch Merritts psychische Probleme: Der General kommt zu dem Schluss, dass die Reise zum Mars eine Blasphemie darstellt und gegen Gottes Wille verstößt.

Deshalb endet die Landung auf dem roten Planeten fast in einer Katastrophe. Nur Barney ist zu verdanken, dass Merritt das Raumschiff nicht abstürzen lässt. Ohnehin ist die Stimmung angespannt: Der Mars entpuppt sich als lebensfeindlicher, toter Ort, der Siedlern nichts zu bieten scheint. Während die Crew die Landschaft erforscht, betätigt sich Merritt als Saboteur. In seinem Wahn will er sicherstellen, dass man den Mars nicht mehr verlassen kann …

Die Welt, wie sie hätte sein sollen (Teil 1)

Nach 1945 war die ‚Eroberung‘ des Weltalls zunächst eine vergleichsweise friedliche bzw. entspannte Angelegenheit. Bevor die roten Sowjet-Teufel im Oktober 1957 den Raumflugkörper „Sputnik“ in eine Erdumlaufbahn schossen und damit scheinbar ankündigten, ihm mit Atomraketen bestückte Mord-Satelliten folgen zu lassen, die dann drohend über US-Amerika hängen würden, war der interplanetare Raumflug primär ein technisches Planspiel.

Im Geiste einer noch präsenten „New-Frontier“-Mentalität der nicht gar zu lange verstrichener Wildwest-Zeit wurde der Weltraum als Reservoir neuen Lebensraums betrachtet, der einer explosiv anwachsenden Menschheit als Ressource dienen konnte. Mit der Umsetzung entsprechender Pläne gedachte man sich mehrheitlich allerdings Zeit zu lassen. Schon damals war auch in den USA nicht der Adler, sondern das Sparschwein das eigentliche Wappentier. Lediglich eine Minderheit zukunftsorientierter und -begeisterter Wissenschaftler, Techniker und Träumer träumte von Reisen durchs All.

Unter ihnen waren Männer wie Wernher von Braun (1912-1977), Willy Ley (1906-1969) oder Chesley Bonestell (1898-1986), wobei letzterer als Künstler berühmt wurde, der zukünftige Weltraum-Projekt so plastisch darzustellen wusste, dass sich die Betrachter bereits vor Ort wähnten. Solche Begeisterung war wichtig, um die zögerliche Bevölkerung für die Weltraumfahrt zu begeistern: Nur sie konnte den notwendigen Druck auf die Politik ausüben.

Die Welt, wie sie hätte sein sollen (Teil 2)

Vor allem von Braun wusste um die Wichtigkeit eines solchen Rückhalts. Schon während seiner Jahre als Nazi-Ingenieur, der sich keineswegs zu schade war, raketenbetriebene Terrorwaffen zu entwickeln, um seine Forschungen voranzutreiben, hatte er begriffen, dass ebenso wichtig war die Werbetrommel zu rühren: Der Plebs muss für die Visionen von Eliten zahlen, weshalb es nötig ist, ihn für sich zu gewinnen.

Unermüdlich stellte ein nützlicher, inzwischen US-amerikanisierter und persilweiß gewaschener von Braun der Öffentlichkeit in Büchern, Zeitschriften und TV-Sendungen einschlägige Projekte vor, wobei er komplexe Themen verständlich formulierte und aufwändig bebildern ließ. Auch Raketen-Pionier Ley – ebenfalls deutscher Herkunft – propagierte den „Star Trek“. Filmproduzent George Pal (1908-1980) witterte eine einträgliche Story, als er das 1949 von Ley veröffentlichte, überaus erfolgreiche Sachbuch „The Conquest of Space“ las, das Chesley Bonestell mit quasi fotorealistischen Bildern illustriert hatte. Natürlich diente Pal das Buch vor allem als ‚Steinbruch‘ für ein utopisierendes Setting, dem parallel dazu eine Spielhandlung übergestülpt wurde. Von Braun nutzte die Chance und stellte eigene Pläne und Modelle zur Verfügung; auf ihn ging beispielsweise die Raumstation in Gestalt eines sich drehenden und dadurch Gravitation simulierenden Rades zurück.

Spektakuläre Bilder und das Hohelied der Technik standen deutlich über einem Drehbuch, das eine echte Geschichte erzählte. „Die Eroberung des Weltalls“, der Spielfilm, wurde in dieser Beziehung schon 1955 als qualvolles Erlebnis wahrgenommen. Die Handlung hangelt sich pseudo-seriös von Klischee zu Klischee und dient allzu deutlich der Verknüpfung aufregender Zwischenfälle. Hinzu kommen zeitgenössische Eigentümlichkeiten, die heute mit Stirnrunzeln oder Heiterkeit zur Kenntnis genommen werden. So mögen die Erdregierungen in Sachen Weltraumfahrt zwar zusammenarbeiten, doch die Federführung übernehmen eindeutig die USA. (Zwar darf ein Japaner mitfliegen, doch der der muss zuvor in einer pathetisch-peinlichen Rede kundtun, dass er damit die Kriegsschuld seines Landes gutmachen möchte.)

Planetenreise im U-Boot-Stil

Selbstverständlich ist diese Weltraumfahrt eine Angelegenheit des Militärs. Wissenschaftler u. a. Idealisten mussten in den 1950er Jahren streng überwacht werden, damit sie nicht auf die Idee kamen, ihre Forschungsergebnisse mit einer Welt zu teilen, in der die schon erwähnten Sowjet-Teufel und ihre ebenso roten Mit-Schurkenstaaten darauf lauerten, solche Schwäche zur Erringung der Weltherrschaft auszunutzen!

Da man mangels praktischer Erfahrungen nicht wusste, wie sich der Alltag im erdfernen Raum gestalten würde, versetzte man einfach eine Truppe angeblicher Elite-Soldaten dorthin. Ungeachtet der Tatsache, dass die ‚Technik‘ der Raumstation und des Raumschiffs eindeutig analog funktioniert, fühlt man sich auch sonst an das Innere eines zeitgenössischen Hollywood-U-Boots erinnert. Während dies den nostalgischen Charme des Films unterstreicht, sorgt die Figurenzeichnung für Fremdschämen. Kadavergehorsam (Vater und Sohn Merritt siezen sich dienstlich) und Landser-Humor (Mickey Shaughnessy, Phil Foster) müssen echte Charaktere ersetzen. Unbeholfen versucht sich Drehbuchautor James O’Hanlon an Zwischenmenschlichem, indem er einen Vater-Sohn-Konflikt zwischen Merritt Senior und Junior heraufbeschwört, der sich irgendwann unwichtig und blitzartig in Luft auflöst, oder den General einem durch ‚Nervenschwäche‘ ausgelösten fundamentalreligiösen Wahn verfallen lässt.

Der Primärfaktor kollektiver Unzufriedenheit scheint ohnehin die Abwesenheit von Frauen darzustellen. Im Mannschaftsquartier hängen ausgeschnittene Pin-up-Schönheiten an den Wänden, brünstige Astronauten reichen Fotos ihrer ‚Bräute‘ herum, und als ein Kino-Abend ansteht, schneidet Regisseur Haskin tatsächlich einen ‚frivolen‘ Auftritt der Sängerin Rosemary Clooney (Tante von George Clooney) ein, der aus dem Film „Here Come the Girls“ (1953) stammt! Ebenfalls thematisiert wird die Astronautenkost in verhasster Pillenform, doch über allem schwebt dicht und dick der Geist (patriotisch gefärbter) Kameradschaft.

Die Ablenkung des Auges

1955 stand die Tricktechnik auf einem Niveau, das in der digitalen Gegenwart kaum noch vorstellbar ist. Effekte wurden ausschließlich in Handarbeit hergestellt – und das sieht ein durch jahrzehntelangen Filmkonsum quasi geschultes und durch moderne Trickkunst verwöhntes Publikum buchstäblich auf den ersten Blick! Der objektive Zuschauer wird dies einem so alten Film nicht zum Vorwurf machen, sondern gerade die Durchschaubarkeit der Effekte goutieren: Man hat es immerhin versucht und sich dabei Mühe gegeben!

Das zeitgenössische Publikum war zumindest optisch jedenfalls schwer beeindruckt. Von Brauns gewaltiges Himmelsrad, die Nurflügel-Rakete, die weite Marslandschaft: Das Auge wurde zufriedengestellt, sobald die Kamera endlich die Enge des Stations- oder Schiffsinneren verließ, wo Phasen gedroschen und endlose Debatten geführt wurden. Besagtes Auge wurde deshalb zugedrückt, wenn sich die Rakete auch im luftleeren Weltraum unter beträchtlicher Rauch- und Geräuschentwicklung vorwärtsbewegte, die von einem Meteor getroffene Raumstation wie eine kreiselnde Radkappe wirkte, an deren Rand Feuerwerkskörper gezündet wurden (wie es tatsächlich geschah) oder Schwerelosigkeit stets mit dem Anblick unvollkommen kaschierter Halteseile einhergeht.

Nur Chesley Bonestell war wütend, als er den fertigen Film sah: Schon damals wussten die Forscher, dass die Marsoberfläche vergleichsweise schlicht aussah. Mit großer Hingabe hatte Bonestell dies bei seinen Bildern berücksichtigt. Doch für Hollywood wurde der Mars ein wenig aufregender gestaltet, d. h. mit dramatisch schroffen, bunten Felszacken u. a. Eigentümlichkeiten ausgestattet. (Immerhin blieben die berüchtigten ‚Kanäle‘ außen vor.) Hinzu kamen ein Marsbeben und ein Mars-Schneesturm. Zu schlechter Letzt befand der Agrarspezialist der Besatzung den Marsboden für zwar trocken aber bei regelmäßiger Wasserzufuhr fruchtbar: Der Mars taugte also als Tummelplatz für Pioniere!

Die Realität sah bekanntlich anders aus. Nur wenige Jahre später wurde auch im Weltall aufgerüstet: Böswillige Außerirdische und radioaktive Monster griffen an! Zwar wurde schon 1955 nicht von der Erforschung, sondern von der „Eroberung“ des Weltalls gesprochen, doch diese Mars-Mission flog immerhin waffenfrei ein Ziel an, an dem keine Mars-Ungeheuer lauerten. Die ‚realistische‘ Science Fiction wurde rasch in eine Nische abgedrängt. Dort hat „Die Eroberung des Weltalls“ seinen Platz in der Filmgeschichte. Überragend hoch an der Wand hängt der Film dort freilich nicht. George Pal selbst hat drei wesentlich bessere (und besser gealterte) SF-Streifen hinterlassen: „Destination Moon“ (1950, „Endstation Mond“), „When Worlds Collide“ (1951, „Der jüngste Tag“) und „The War of the Worlds“ (1953, „Krieg der Welten“). Spaß macht dieser Blick in eine vergangene, nie Wirklichkeit gewordene Zukunft trotzdem.

DVD-Features

Außer dem markigen Originaltrailer wurden leider keine Extras aufgespielt. Damit versöhnt eine angesichts des Film-Alters beachtliche Wiedergabe-Qualität, die sogar Blu-ray-Ansprüchen genügt. Der Ton kann da weniger mithalten. Dass auf die antike deutsche Synchronfassung zurückgegriffen wurde, war die richtige Entscheidung: Damals gab es noch Sprecher, die ihren Job beherrschten!

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Die Eroberung des Weltalls
Originaltitel: The Conquest of Space (USA 1955)
Regie: Byron Haskin
Drehbuch: James O’Hanlon
Kamera: Lionel Lindon
Schnitt: Everett Douglas
Musik: Nathan Van Cleave
Darsteller: Walter Brooke (Colonel/General Samuel T. Merritt), Eric Fleming (Captain Barney Merritt), Mickey Shaughnessy (Sergeant Mahoney), Phil Foster (Sgt. Jackie Seigel), Benson Fong (Sgt. Imoto), Ross Martin (Sgt. Andre Fodor), William Hopper (Dr. George Fenton), William Redfield (Roy Cooper), Vito Scotti (Sanella), John Dennis (Donkersgoed), Michael Fox (Elsbach), Iphigenie Catiglioni (Mrs. Fodor) u. a.
Label: Cosmopolitan Pictures
Vertrieb: Alive
Erscheinungsdatum: 24.07.2015
EAN: 4042564159479 (DVD)/4042564171662 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 2.0 mono (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 77 min. (Blu-ray: 81 min.)
FSK: 16

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