Gamer

Originaltitel: Gamer (USA 2009)
Altersfreigabe: FSK 18 (FSK 16 10 Minuten gekürzt)

Regie: Mark Neveldine, Brian Taylor
Drehbuch: Mark Neveldine, Brian Taylor
Produktion: Gary Lucchesi, Tom Rosenberg, Skip Williamson, Richard S. Wright
Musik: Robb Williamson, Geoff Zanelli
Kamera: Ekkehart Pollack
Schnitt: Peter Amundson, Fernando Villena

Besetzung: Gerard Butler (Kable), Michael C. Hall (Ken Castle), Kyra Sedgwick (Gina Parker Smith), Alison Lohman (Trace), Amber Valletta (Angie), Logan Lerman (Simon), Ludacris (Humanz Brother), John Leguizamo (Freek), Christine Price (Kat), Zoë Bell (Sandra), Efren Ramirez (DJ Twist), Terry Crews (Hackman), Milo Ventimiglia (Rick Rape)

http://www.gamer-derfilm.de/

In einer nahen und denkbaren Zukunft beherrscht Ken Castle (Michael C. Hall) mit seiner Spielefirma den Weltmarkt und gilt als der reichste Mann der Welt. In seinem Game „Society“ können Spieler nach belieben einen Avatar steuern. Das perfide an der Sache, die Avatare sind reale Menschen, die mittels moderner Technik kontrolliert werden. Sie haben innerhalb des Spielareals keine Kontrolle mehr über ihren Körper, nehmen dennoch alles wahr. Die ideale Möglichkeit um perverse Fantasien auszuleben.

Neuester Renner Castles ist jedoch „Slayer“. Es handelt sich bei dem Game um einen blutigen Taktik-Shooter, der ebenfalls auf menschliche Avatare setzt. Diesmal handelt es sich jedoch um Sträflinge, die nach einer bestimmten Anzahl von Siegen in Freiheit entlassen werden. Einer dieser Slayer ist Kable (Gerard Butler), der von dem Teenager Simon (Logan Lerman) gesteuert wird. Kable steht kurz vor der erspielten Freiheit – ein Umstand, der einigen Leuten Sorgen bereitet.

Kable trachtet aber nur danach sein Frau Angie (Amber Valetta) und die gemeinsame Tochter zu finden. Das Kind wurde jedoch zu einer Pflegefamilie gegeben und Angie arbeitet als Avatar in „Society“. Einzig die Organisation Humanz scheint auf Kables Seite zu stehen, die eine Verbindung zwischen Kable und Castle vermutet …

Mit „Gamer“ haben die beiden Regisseure und Autoren Mark Neveldine und Brian Taylor (beide drehten „Crank“ und „Crank 2“ ab, schrieben unter anderem das Drehbuch zu „Jonah Hex“) einen rasanten Actionfilm gemacht, der mit einem großen Anteil Sozialkritik daherkommt, die Social Communities und Real-Life-Games aufs Korn nimmt. Dabei mutet der Film leicht heuchlerisch an, denn das was Neveldine und Taylor scheinbar verteufeln, ist Großteils auch Bestandteil ihrer Filme: Gewalt. Und die ist auch in „Gamer“ präsent und somit ist fraglich, ob die beiden Regisseure der Gesellschaft tatsächlich einen Spiegel vorhalten oder nur den Anschein von Seriosität erwecken wollen Bei näherer Betrachtung bleibt ein zwiespältiges Gefühl zurück und sorgt dafür, dass „Gamer“ tiefer fliegt, als er könnte.

Für einen sozialkritischen Film der die moderne und zukünftige Gesellschaft des Planeten Erde aufs Korn nimmt, ist einfach zu viel Action und zu viel zelebrierte hirnlose Ballerei im Spiel. Vor allem die ungeschnittene Fassung des Films (die somit ungefähr zehn Minuten länger als die geschnittene Fassung) zeigt deutlich die Schussorgien und zerfetzten Körperteile in Details. Zudem ist die Idee Sträflinge im Spiel einzusetzen zwar bekannt und dennoch gelungen umgesetzt, aber schlussendlich ist der gute Junge Kable natürlich total unschuldig und beruhigt „Gamer“ die erhitzten Gemüter, die ein Problem mit einem verurteilten Mörder als Helden haben. So sehr Neveldine und Taylor mit Tabus brechen, einige Kühe bleiben auch ihnen heilig.

Problematisch an der Sache ist nun, dass „Gamer“ für einen reinen Actionstreifen zu viel Sozialkritik in sich trägt. Angefangen bei den quotengeilen Medien, der käuflichen Regierung und den perversen Computerusern, die vom Wohnzimmer aus ihren abartigen Gelüsten freien Lauf lassen. Und hier gibt es wieder Abstriche zu machen, weicht der Film die harte Linie auf. So ist Player Simon ein cooler und hipper Typ, den niemand einzuschüchtern vermag und entscheidet sich die durchgedrehte Medienschlampe schlussendlich für die richtige Seite. Auch hier hätte der Film ruhig dreckiger sein dürfen.

„Gamer“ besitzt somit Elemente aus Genres, die für sich alleine einen exzellente Streifen ergeben hätten. Aber der Zusammenschluss beider Genres missglückt, der Spagat geht schmerzhaft schief. Trotz allem ist „Gamer“ ein unterhaltsamer Streifen, dem es einfach nur an Perfektion mangelt.

Einen großen Anteil am Gelingen tragen die Schauspieler bei. Allen voran Gerard Butler („Beowulf & Grendel“, „300“, „Gesetz der Rache“), der als kantiger und einsilbiger Soldat Kable verkörpert, der sich mit äußerster Brutalität durchs Spiel schlägt und dabei zeitweise hilflos seinem Player Simon ausgeliefert ist. Die kurzen Augenblicke im Angesicht der verlorenen Selbstkontrolle werden von Butler hervorragend gemeistert, dessen Körper angespannt auf den nächsten Befehl wartet, mit einem gehetzten, beinahe hilflosen und gleichzeitig zornigem Blick. Ein grandioses Spiel des 1969 geborenen Schotten.

An seiner Seite Amber Valetta (bekannt aus Filmen wie „Hitch – Der Date Doktor“ oder auch „Transporter – The Mission“), die ebenfalls ihrem Player vollkommen ausgeliefert ist. Doch wo Kable agiert, da kann sie nur reagieren. Und das macht ihre Hilflosigkeit um vieles eindringlicher, vor allem in Anbetracht der Perversionen, die sie auszuleben hat, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Hier wird eine weitere Doppelmoral des Film offensichtlich, unter der die meisten us-amerikanischen Filme zu leiden haben: Die Darstellung von Blut und fliegenden Körperteilen ist kein Problem, doch die Darstellung von zu viel nackter Haut (ohne dass sofort die darunterliegenden Muskeln und Knochen sichtbar werden) ist und bleibt verpönt. Hier wäre mehr Konsequenz besser gewesen, vor allem im vorhandenen Zusammenschnitt mit den wabbeligen Fettmassen von Angies Player. Brian Taylor und Mark Neveldine zeigen, dass es ihnen am letzten Feinschliff noch mangelt.

Bei der Auswahl der Darsteller haben die beiden jedenfalls ein glückliches Händchen bewiesen. Zwar konnte keine Megastars verpflichtet werden („Gamer“ wurde mit einem kleinen Budget gedreht), aber die meisten Darsteller sind aus Film und TV wohlbekannt. Unter anderem Kyra Sedgwick mit ihrer Serie „The Closer“ und Logan Lerman als Percy Jackson in „Diebe im Olymp“. Von dieser Seite aus kann der Film also überzeugen.

Dabei ist der schillerndste Charakter eindeutig der exzentrische Ken Castle, gespielt von Michael C. Hall (bekannt durch Serien wie „Six Feet Under – Gestorben wird immer“ und „Dexter“). Seine Darstellung des klugen, durchgedrehten und gleichzeitig charmanten Castles ist überzeugend und die perfide Boshaftigkeit der Rolle spürbar. Hall zieht den Zuschauer einfach in seinen Bann und sorgt für ein gelungenes Filmvergnügen. Castle ist ein waschechter Bösewicht und in der Lage Kable Paroli zu bieten. Von der Charakterzeichnung ist der schillernde Castle jedenfalls gelungener als der manchmal farblose Kable.

Technisch gesehen ist „Gamer“ übrigens eine Premiere. Zum ersten Mal wurde bei einem Actionfilm die mit Compact Flash Cards operierende RED-Kamera eingesetzt, anstatt der üblichen Hardware, die mit digitalen Bändern arbeitet. Diese Innovation zu unterstützen hatte vor allem finanzielle Gründe, denn das neue System ist billiger und handlicher, stellte Kameramann Ekkehart Pollack aber vor einige Herausforderungen. Schlussendlich war die Entscheidung für das RED-System eine ideale Wahl und zeigt eindrucksvoll, wie moderne Actionstreifen abgedreht werden können. So geht selbst der digitale Film weiter in Richtung Zukunft.

Auch der Sound von „Gamer“ ist technisch gut gemacht. Immerhin knallt es stimmig aus allen Boxen, was bei einem Actionfilm genau richtig ist. Der Score des Films weiß ebenfalls zu überzeugen, da er sich Großteils aus bekannten Liedern zusammensetzt. Hier haben sich Taylor und Neveldine eindeutig Anregungen bei Quentin Tarantino geholt, der sich ebenfalls gelungen aus der Mottenkiste der Musik bedient.

Die deutsche Synchronisation ist ebenfalls gut. Kein Wunder, sind die Dialoge doch selten und kurz. Vor allem der wortkarge Kable kommt kaum aus sich heraus und überlässt das verbale Feld vollkommen dem redegewandten Ken Castle.

„Gamer“ ist ein spannender Actionfilm mit sozialkritischen Aspekten, die sich den Vorwurf der Heuchlerei gefallen lassen müssen. Ein wenig inkonsequent, ein wenig seicht, aber dennoch unterhaltsam, mit einem Blick auf das was uns die Zukunft tatsächlich bringen könnte. Sehenswert.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

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