Iron Sky – Wir kommen in Frieden!

Originaltitel: Iron Sky (Finnland/Deutschland/Australien 2012)
Regie: Timo Vuorensola
Drehbuch: Michael Kalesniko u. Timo Vuorensola
Kamera: Mika Orasmaa
Schnitt: Suresh Ayyar
Musik: Laibach
Darsteller: Julia Dietze (Renate Richter), Christopher Kirby (James Washington), Götz Otto (Klaus Adler), Udo Kier (Wolfgang Kortzfleisch), Peta Sergeant (Vivian Wagner), Stephanie Paul (US-Präsidentin), Tilo Prückner (Doktor Richter), Michael Cullen (US-Verteidigungsminister) u. a.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 26.10.2012
EAN: 4013549040204 (DVD) bzw. 4013549040211 (Blu-ray) bzw. 4013549040471 (Blu-ray-Steelbook) bzw. 4013549044158 (Blu-ray Limited Super Deluxe Edition)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 89 min. (Blu-ray: 93 min.)
FSK: 12

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Das geschieht:

Im Jahre 2018 lässt die auf Wiederwahl bedachte Präsidentin der USA ‚ihre‘ Nation auf den Mond zurückkehren. Zwei Astronauten landen erstmalig auf der Rückseite des Mondes. Dort wird nicht nur die Kommunikation mit der Erde gestört: Nazis im Raumanzug tauchen auf, töten den einen Mondfahrer und verschleppen den anderen, James Washington, in ihre Basis: 1945 hatten einige Nazis mit geheimen Raumschiffen auf den Mond flüchten können. Dort haben sie eingerichtet, vermehrt und gerüstet aber nichts dazugelernt. Unter dem aktuellen „Führer“ Kortzfleisch warten sie auf den Tag, an dem sie als Eroberer auf die Erde zurückkehren und das „IV. Reich“ errichten können.

Jetzt ist es soweit, weshalb Kortzfleisch seinen Nachrichtenfachmann Klaus Adler ausschickt, der die Invasion in den USA vorbereiten soll. Astronaut Washington wird als Verbindungsmann zur Präsidentin zwangsrekrutiert. Als blinde Passagierin schleicht sich die Erd-Spezialistin Renate Richter an Bord des Raumschiffs, das kurz darauf sein Ziel erreicht.

Doch Adler plant den Umsturz. Er verbündet sich scheinbar mit der Präsidentin, die von seiner multimedialen Präsenz profitiert. Heimlich sucht Adler nach moderner Erd-Technik, mit der sich endlich das Gigant-Kriegsschiff „Götterdämmerung“ in Betrieb nehmen lässt. Sobald dies gelungen ist, wird er auf den Mond zurückkehren, Kortzfleisch ausschalten und an der Spitze einer Invasionsflotte die Erde überfallen.

Allerdings ist Kortzfleisch nicht so naiv wie Adler dachte. Auch Washington will ihn stoppen. Er kann flüchten und tut sich mit Renate Richter zusammen, die endlich die böse Wahrheit über die Nazis begreift. Die Präsidentin sieht den Krieg gegen die Nazis als neues Instrument für ihre Wiederwahl und schickt ihrerseits Truppen zum Mond, worauf im Himmel und auf Erden das absolute Chaos ausbricht …

Um Aufmerksamkeit buhlen

Blockbuster sollte man sich anschauen, wenn ihre Halbwertszeit schon ein wenig fortgeschritten ist. Auf diese Weise fällt viel von der quasi-radioaktiven Schicht ab, mit der die Marketing-Spezialisten dieser Welt die ihnen ausgelieferten Produkte verkaufsoptimierend aber hirnvergiftend überziehen. In diesem Fall muss man zusätzlich differenzieren, da „Iron Sky“ seine Existenz jenem noch relativ jungen Sektor der Publicity verdankt, der mit dem Begriff „Crowdfunding“ (= „Schwarmfinanzierung“) beschrieben wird: Bevor gedreht wird, werden zahlungspotente und -willige Firmen und Privatpersonen um Geld-‚Spenden‘ gebeten. Dafür gibt es entweder Anteile an den Einnahmen oder (häufiger) kleine Dankesgeschenke, viele Informationen über den geförderte Film sowie (immer) eine Erwähnung in den Schlusstiteln, die man deshalb mit der Lupe entziffern und in bisher ungekannten Längen ertragen muss.

Schon wird „Crowdfunding“ als Alternative zum etablierten und in sich erstarrenden Großstudio-Kino gesehen und dabei gern übersehen, dass Regisseur Timo Vuorensola sich klug darauf beschränkte, nur eine ca. 10-prozentige Finanzierungslücke auf diese Weise zu überbrücken. Ansonsten zapfte er die üblichen Verdächtigen an, die somit den Löwenanteil des insgesamt nicht üppigen Budgets von etwa 7,5 Mio. Euro trugen. (Für dieses ‚Krautfunding‘ wurden sogar ‚Kriegsanleihen‘ verkauft.)

Doch das globale Trommelrühren besaß wiederum einen enormen Werbe-Effekt: Jahre bevor „Iron Sky“ realisiert werden konnte, war der Film bereits in aller Munde. Der Nachteil lag in einer Erwartungshaltung, die das Ergebnis auf keinen Fall erfüllen konnte. Moniert wurden die bissarme Komik, die gern in Klamauk abgleitet, die blasse, wenig entwickelte, in Episoden zerfallende Story oder die Konzentration auf die Spezialeffekte, die dem Team um Vuorensola in der Tat eindeutig am besten gelangen.

Globaler Irrsinn mit Ausbreitungsgefahr?

Erstaunlich leise klingen dagegen jene Stimmen, deren Besitzer sich kritisch am Thema reiben: Sogar Moralapostel und Tugendwächter scheinen zu begreifen, dass „Iron Sky“ in keiner Sekunde ernst zu nehmen ist. Dabei reagiert man vor allem in diesem unseren deutschen Land verständlicherweise sensibel auf die Nazi-Thematik, was die unterhaltsame Seite ausdrücklich oder sogar besonders einschließt: Nicht einmal die für die Dreharbeiten nachgeschneiderten Nazi-Uniformen durfte Vuorensola einführen, der große Teile von „Iron Sky“ in Deutschland (u. a. Frankfurt und Berlin) inszenierte.

Die Gefahr der Verharmlosung wird angeführt; neue Nazis könnten quasi durch die Hintertür der Popkultur salonfähig werden: So kann man die Hauptkritik wohl zusammenfassen. Ausgenommen sind künstlerisch-satirische Annäherungen à la „The Great Dictator“ (1940; „Der große Diktator“), „To Be or Not to Be“ (1942, dt. „Sein oder Nichtsein“) oder „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ (2007).

Weniger um die Ansteckungsgefahr besorgt sind seit jeher vor allem die Briten und die US-Amerikaner. Sie lassen seit Jahrzehnten ‚ulkige‘ Nazis – borniert, dumm, lächerlich – Kinofilme und TV-Serien bestreiten und machen auf diese Weise deutlich, dass man zwischen dem realen Grauen des echten Nationalsozialismus‘ und unterhaltsam verfremdeten Pop-Nazis sehr wohl unterscheiden kann: Sowohl Kunst als auch Komik müssen (und dürfen) sich nicht um Geschmacksvorgaben halten.

Auch auf der Erde keine Bodenhaftung

Mit Vuorensolas Mond-Nazis dürfte sich kein Neo-Nazi identifizieren. Sie sind reine Witzfiguren, wobei es durchaus hin und wieder eine Meta-Ebene gibt, die so etwas wie Hintersinn in das Geschehen bringt. So wird die dreiste aber geschickte Nazi-Propaganda witzig am Beispiel von Charles Chaplins „Der große Diktator“ (1940) konterkariert, den die Mond-Nazis sämtlicher Anti-Nazi-Satire entkleidet und zum 10-minütigen Pro-Nazi-Kurzfilm umgeschnitten haben. Ebenfalls wirksam komisch beschäftigt sich Vuorensola mit der durchaus auch in der Forschung gestellten Frage, ob der „Heil-Hitler!“-Gruß zustande gekommen wäre, hätte der „Führer“ wie hier „Kortzfleisch“ geheißen. Solche Momente wiegen viele allzu flapsige und daher unkomische Albernheiten auf.

Sehr europäisch ist Vuorensolas Weltsicht. Er nimmt die USA nicht einmal im Scherz ernst, sondern zieht die Amerikaner ebenso sorgfältig durch den Kakao wie die Mond-Nazis. Natürlich ist dabei Kalkül im Spiel; Vuorensola kann sich auf diese Weise eines Publikums sicher sein, das den Neo-Imperialismus der Vereinigten Staaten deutlich kritischer sieht als die meisten Bewohner von „God’s Own Country“. Dabei kann „Iron Sky“ mit einer Präsidentin punkten, die der reaktionären und wabenhirnigen US-‚Politikerin‘ Sarah Palin nachempfunden ist. Die Vereinten Nationen werden von ihr als Erfüllungsgehilfen missbraucht, belogen und ausgenutzt, was immerhin nach Kräften erwidert wird. (Cameo in der Maske des russischen Vertreters: Claus „Percy Stuart“ Wilcke!) So kommt es zum sarkastischen Finale, das deutlich macht: Diese Welt benötigt längst keine Nazis mehr, um sich zu vernichten.

Rückkehr der B-Movie-Herrlichkeit

„Iron Sky“ ist Kino der B-Klasse par excellence. Dies gilt im Guten wie im Bösen. Der B-Status sichert Regisseur und Drehbuch-Mitautor Vuorensola Schutz vor Kritikerschelte dort, wo es um die Logik der Handlung geht. Die ist so dermaßen jenseits aller Wahrscheinlichkeiten (und nicht selten jenseits der Naturgesetze), dass sie sich entsprechenden Ansprüchen mit Leichtigkeit entzieht.

Auch die Darsteller dürfen deshalb ihren Affen ordentlich Zucker geben – sie müssen es sogar. Subtilität ist in allen Rollen ein Fremdwort. Tilo Prückner als Möchtegern-Mengele Dr. Richter und vor allem Udo Kier als „Führer“ Kortzfleisch verzichten trotzdem auf jenes wilde Grimassieren und Schreien, das beispielsweise Christopher Kirby für witzig hält. Kier kultiviert eindrucksvoll eine morsche Grandezza, die ein jahrzehntelanges Kochen im eigenen Nazi-Saft widerspiegelt.

Überhaupt ist das ‚Vierte Reich‘ auf dem Mond mehrere Blicke wert. Liebevoll realisierte aber in der Hektik der Ereignisse nur bruchstückhaft sichtbare Details belegen ebenso komisch wie eindringlich einen Fanatismus, der noch jede Unwichtigkeit regeln und kontrollieren will. Sehr schön gelungen ist auch eine ‚Technik‘, die abgeschnitten von den Fortschritten auf der Erde den Stand von 1945 extrapoliert. Die „Reichsflugscheiben“ werden offenbar mit Diesel angetrieben, was ihr unrundes Laufen jedenfalls erklären würde.

Low-Tech per Hochleistungs-Computer

Für einen Spielfilm im Rahmen des genannten Budgets kann sich „Iron Sky“ in jederzeit sehenlassen. Mit der als gigantisches Hakenkreuz auf dem Mond erbauten Nazi-Festung hatte Vuorensola vor Jahren sein Projekt im Internet vorgestellt; einzelne Bilder dieser Vorlage haben ihren Weg in den fertigen Film gefunden. Wenn man weiß, wie man Hard- und Software einzusetzen hat, lassen sich heutzutage auch mit schmalem Geldbeutel beachtliche Effekte umsetzen. „Iron Sky“ prunkt mit gewaltigen Schlachten zwischen Erde und Mond, wobei die ausgetüftelte Retro-Technik der Mond-Nazis besondere Akzente setzt: Ihre Kriegsmaschinen funktionieren konsequent analog – mit Ketten, armlangen Hebeln und richtigen Schaltknöpfen!

Nur manchmal öffnet sich die Schere zwischen Anspruch und Möglichkeit. Die Mondlandung der Amerikaner in den ersten Filmminuten ist schlecht getrickst. Nur hier wird immerhin die mindere Schwerkraft des Mondtrabanten berücksichtigt; später fällt sie stillschweigend unter den Tisch: die richtige Entscheidung, denn Schwerkraft ist es wahrlich nicht, was diesen Film vorantreibt!

Eine echte Geschichte ist es freilich auch nicht. „Iron Sky“ gründet auf seiner Idee: Nazis auf dem Mond wollen die Erde erobern. Jahre mussten in die Realisierung investiert werden. Erste Szenen wurden entworfen, überarbeitet, verfeinert. Als dann der Startschuss endlich fiel, erfuhr die fortschreitende Handlung weniger Sorgfalt. Spätestens in der zweiten Hälfte ist „Iron Sky“ zur Nummern-Revue geworden. Ein zünftiges Finale gibt es nicht, ein finaler Gag rettet, was zu retten ist.

Womit der nüchtern urteilende Rezensent dennoch zu einem positiven Ergebnis kommt: „Iron Sky“ ist weder das von der (Eigen-) Werbung proklamierte Film-Ereignis noch der von enttäuschten Kritikern behauptete Rohrkrepierer. Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Dort kommen wir in das Reich des Durchschnitts, der heute aus unerfindlichen Gründen zwanghaft verpönt wird. „Durchschnittlich“ will niemand sein. Dass jenseits dieses Niveaus viel heiße, übelriechende Luft nach unten ist, scheint dagegen niemanden zu schrecken. „Iron Sky“ bietet 90 Minuten solide Bauch-Unterhaltung mit einigen Spitzen, die auch den Kopf erreichen. Diese Leistung müssen grausam viele andere Filmemacher Timo Vuorensola erst einmal nachmachen!

DVD-Features

Die Website ist eine besondere Erwähnung wert, denn sie repräsentiert den viralen Geist hinter „Iron Sky“. Zwar ist auch die Werbung reich vertreten, aber vor allem ist diese Website eine Fundgrube für Fans, die gern hinter die Kulissen einer Filmproduktion blicken. Timo Vuorensola und seine Crew sorgen für selten gesehene Transparenz. Mehr als 200 Videos – darunter das Video-Tagebuch des Regisseurs – können abgerufen werden. Dass der DVD eher wenige Features (Featurettes, Interviews, Berlinale-Special, Galerie, Teaser & Trailer) aufgebrannt wurden, kann angesichts des Online-Angebots gleichgültig lassen.

Stattdessen versuchen diverse Anbieter Kunden über die Firlefanz-Schiene zu locken. So steckt der Media Markt die ansonsten ‚baugleiche‘ Blu-ray in eine Weißblech-Büchse und nennt das Ergebnis „Limitiertes Stahlbuch“, die germanisierende ‚Übersetzung‘ von „Steelbook“ ist zweifellos witzig gemeint.

Amazon will den Vogel mit einer (Trommelwirbel!) „Limited Super Deluxe Edition“ – mehr Superlative gehen nicht – abschießen. Sie bietet eine A4-kleine Leinwand mit Motivdruck, die Timo Vuorensola signierte. Interessanter ist sicher die CD mit dem Original-Soundtrack, den die kroatische Brachial-Band Laibach einspielte. Ansonsten gibt es ein „Artbook mit umfangreichen Hintergrundinformationen zum Film und zahlreichen Illustrationen“, wobei diese gerade einmal 36 Seiten füllen.

[md]

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