SynchronicityUm erst sein Lebenswerk und dann seine große Liebe zu retten, springt Physiker Beale in ein Wurmloch, reist in die Vergangenheit, versucht einige Korrekturen und verursacht stattdessen verhängnisvolle Laufmaschen im Raum-Zeit-Gefüge … – Sehr kostengünstig gedrehter SF-Film, der dies inhaltlich wie formal durch Ideen abzufangen versucht, was bedingt durchaus gelingt und ein kompliziertes, jedoch interessantes sowie gut besetztes Zeitreise-Drama hervorbringt: kein Filmklassiker aber eine kleine, recht feine Geschichte.

Das geschieht:

Physiker Jim Beale hält für möglich, was Wissenschaftler-Kollegen energisch bestreiten: Man kann nicht nur ein künstliches Wurmloch schaffen, sondern diese ‚Abkürzung‘ in Einsteins Raum-Zeit-Kontinuum dazu nutzen, um durch die Zeit zu reisen. Leider sind die entsprechenden Labor-Apparaturen kostspielig, sodass Beale – der ansonsten mit seinen Kollegen Chuck und Matt allein arbeitet – gezwungen war, sich nach einem Finanzier umzuschauen.

Gelandet ist er beim zwielichtigen Global-Mogul Klaus Meisner, der Beale mächtig unter Druck setzt. Doch das entscheidende Experiment gelingt: Der Eingang zu einem Wurmloch kann geöffnet werden. Nun stehen Fortsetzung und Abschluss der Versuche an. Beale will dem Wurmloch einen Ausgang und so eine konstante Verbindung zwischen unterschiedlichen Zeiten schaffen.

Meisner sieht seine Chance, Beales Erfindung an sich zu reißen. Er setzt seine Mätresse, die schöne Abby, auf den Physiker an. Sie kann ihn einlullen, sodass Beale Meisner in die Falle geht. Auf das entscheidende Experiment will der Wissenschaftler dennoch nicht verzichten. Außerdem plant er, sich ‚sein‘ Wurmloch zurückzuholen. Als es sich erneut öffnet, springt Beale deshalb hinein – und landet fünf Tage in der Vergangenheit: Zeit genug, Meisner und Abby ein Schnippchen zu schlagen.

Allerdings ergeben sich unerwartete Schwierigkeiten. So hat sich Beale in Abby verliebt und will sie als Zeitreisender für sich gewinnen. Allerdings spürt Beale, wie ihn seine Gesundheit im Stich lässt. Schließlich offenbart er sich Chuck und Matt, die zu dem Schluss kommen, dass die Natur einen ‚doppelten‘ Jim Beale nicht dulden will. Die scheinbar besiegte Zeit beginnt den Physiker zu jagen. Außerdem ist ihm ein Irrtum unterlaufen: Er ist nicht nur durch die Zeit, sondern auch in ein paralleles Universum gereist, was gravierende Folgen nach sich zieht …

Alter Traum von nachträglicher Korrektur

Nachher weiß man es bekanntlich besser, was begangene Fehler und vor allem deren Folgen leider nicht negiert. Wenn man doch die Ursache der daraus resultierenden Probleme und Leiden und korrigieren könnte! Da liegt der Gedanke nahe, in die Zeit zurückzureisen, um zu vermeiden oder zu verhindern, was man damals versaubeutelt hat. Auf diese Weise wäre das Übel nicht nur an der Wurzel gepackt und ausgerissen, sodass es nicht mehr auskeimen kann.

Wie man weiß, gibt es eine gravierende Schwierigkeit: Bisher fließt die Zeit dort, wo sie uns Menschen beeinflusst, immer nur in eine Richtung. Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft: So geht es vorwärts aber nur theoretisch rückwärts. Wissenschaftler entwickeln interessante Theorien, wie man die Naturgesetze nicht unbedingt brechen aber ordentlich biegen könnte, um einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Praktisch dürfte es noch sehr lange oder ewig bei Gedankenspielen bleiben.

Die Umsetzung von Zeitreisen funktioniert für Geschichtenerzähler natürlich ohne Rücksicht auf Newton, Einstein, Hawking & Co. Sie lassen ihre Helden nach Herzenslust durch die Zeiten springen. Auch Jacob Gentry belässt es für die eisenharten Science-Fiction-Fans unter seinen Zuschauern bei maßvollem Technobabble und verlässt sich ansonsten auf die Präsentation eindrucksvoll anzuschauender Laborgeräte, die erstaunliche Lichteffekte erzeugen, sobald sie in ‚Betrieb‘ genommen werden. Ansonsten klappt es eben mit der Erzeugung eines Wurmlochs, womit die wichtigste Hürde für die hier präsentierte Geschichte genommen ist.

Die Gegenwart ist vertrackt genug

Regisseur Jacob Gentry, der auch für das Drehbuch und den Schnitt von „Synchronicity“ verantwortlich zeichnet, gehört zu jenen Filmemachern, die sich in einer Nische jenseits des Hollywood-Mainstreams angesiedelt haben. Dort wird ihm wahrscheinlich nie ein Blockbuster gelingen, da er an das große Geld für namhafte Schauspieler und atemberaubende Spezialeffekte nicht herankommt. Andererseits kann Gentry Filme drehen, wie er es will. Niemand redet ihm hinein, und vor sowie hinter der Kamera weiß jede/r, dass Schmalhans Meister in dieser Filmküche ist. „Synchronicity“ ist deshalb genau derjenige Film, der Gentry vorschwebte. Diese Tatsache ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits darf sich der Regisseur/Autor/Cutter für das Geschaffene stolz auf die eigene Schulter klopfen. Andererseits kann er Fehler nicht auf andere abwälzen.

Beginnen wir mit dem Positiven: Das Minimal-Budget hat Gentry in der Tat nicht abhalten können, seine Vorstellung der Welt einer nahen Zukunft überzeugend in Szene zu setzen. Die jüngeren Kritiker nennen „Blade Runner“ als Vorbild. Tatsächlich greift Gentry auf ein deutlich älteres Vorbild zurück: 1965 schickte der französische Regisseur Jean-Luc Godard in „Alphaville“ (dt. „Lemmy Caution gegen Alpha 60“) den Detektiv Lemmy Caution in die fiktive Zukunftsstadt Alphaville. Godard vermied absichtlich alle Spezialeffekte. Stattdessen drehte er in Paris in oder vor Gebäuden mit (damals) ‚futuristischer‘ Architektur. Durch geschickte Kameraarbeit und Schnitt ergab sich daraus das Bild einer monumentalen, kalten, abweisenden Stadt.

Gentry folgt Godard, bedient sich aber zusätzlich der modernen, kostengünstig gewordenen Technik. Seine düsteren Geschäftspaläste, Hotels oder Wohnsilos werden digital vergrößert und ‚ergänzt‘, bis sie die Leinwand füllen, dominieren und den Zuschauer bedrängen. Zusätzlich arbeitet Kameramann Eric Maddison mit Filtern, die Farben mindern und abdunkeln. Vor allem Grau, Braun und Dunkelgrün dominieren. Innerhalb geschlossener Räume ist es schattig und monochrom, künstliches Licht blendet eher, als Ecken und Winkel zu erleuchten.

Das Spiel ist das Ziel?

Freilich erschließt sich die Melancholie der Kulissen dem Zuschauer nicht wirklich sinnvoll. Es geht in dieser Geschichte nicht um eine dystopische Zukunft, in der die Menschen zu ameisengleichen Untertanen allmächtiger Despoten herabgesunken sind. Grundsätzlich würde sie auch in der realen Gegenwart funktionieren. Gentry scheint hier seinem Spieltrieb und seiner Liebe für die SF der 1970er oder 1980er Jahre zu frönen; dies spiegelt sich auch in der Musik wider. (Zudem dürfen – oder müssen – Jim und Abby Kette rauchen.)

Der Plot ist ebenso simpel wie seltsam: Ein Mann will die Naturwissenschaft revolutionieren, wird über den Tisch gezogen, möchte sich rächen, verliebt sich – und verliert das Interesse an seiner Zeitmaschine, die er nur noch einsetzt, um die EINE Frau an sich zu binden! Falls Gentry dies ernstmeint, scheitert er an einer glaubwürdigen Umsetzung. Zumindest der nicht in Rührung versinkende Zuschauer schlägt sich angesichts solchen Schwachsinns frustriert vor die Stirn.

Das hilft immerhin dabei, während des ersten Handlungsdrittels wach zu bleiben. Lange glaubt man ein eher dahinplätscherndes Geschehen. Tatsächlich hat bereits ein recht vertracktes Rätsel begonnen. Das zweite Drittel enthüllt, dass der ahnungslose Jim Beale bereits zweifach existiert, bevor er in die Zeit zurückreist: Die Gegenwart ist gleichzeitig Vergangenheit. Drittel 1 und 2 sind sorgfältig miteinander verklammert; die Zusammenhänge klären sich, während die Handlung voranschreitet.

Eine Dimension zu viel

Das letzte Drittel ist verwirrend bzw. für Gentry ein Befreiungsschlag. Er hat Jim und Abby in eine hoffnungslos perfekte Zeitschleife versetzt, in der sie eigentlich gefangen säßen. Aber Gentry versucht den Twist: Beale reist nicht nur durch die Zeit, sondern auch in ein paralleles Universum. Da es sich von dem seinen nur marginal unterscheidet, fällt ihm dies erst (zu) spät auf.

Hier ist der Punkt erreicht, an dem Rauch aus den Zuschauerköpfen aufzusteigen beginnt. Dösen, Chips holen oder eine Toilettenpause einlegen ist keine Option. Selbst wenn man sich konzentriert, fällt es schwer, nicht den Faden zu verlieren. Wie sich das Dilemma löst, soll hier ungespoilert bleiben. (Das Problem ist übrigens so, wie Gentry die Sache angeht, gar nicht besonders kompliziert.) Es kommt sogar zu einem Happy-End – hübsch, doch nach den Mühen, den Anschluss ans Geschehen zu wahren, keine ausreichende Belohnung!

Die Darsteller dürften den meisten Zuschauern unbekannt sein. Eine Ausnahme stellt selbstverständlich Michael Ironside dar, der die wenigen Minuten, die Gentry ihn sich leisten kann, zuverlässig doch routiniert mit Finsterling-Präsenz füllt. Brianne Davis ist ausnehmend hübsch, arbeitet aber sichtlich hart daran, alle Voraussetzungen für eine Femme fatale zu erfüllen. Den Löwenanteil der darstellerischen Mühen leistet Chad McKnight, der quasi zwei Rollen spielen und dabei dem Publikum deutlich machen muss, ob es just Jim 1 oder Jim 2 beobachtet. Das gelingt ihm in der Regel, auch wenn McKnight hin und wieder seine Gesichtsmuskulatur ein wenig zu intensiv bemüht, um ratlos oder entschlossen auszusehen.

Nach anderthalb Stunden eher stimmungsvollen als spannenden Geschehens ist der Zuschauer nicht unzufrieden. „Synchronicity“ bietet auf ruhige Weise Unterhaltung jenseits des „Transformers“-Niveaus, d. h. für Zuschauer, die nicht gewillt sind, für den Kino-Abend ihren IQ auf einstellige Werte zu dimmen. Bäume reißt Jacob Gentry freilich nicht aus, weshalb sich das Vergnügen in Grenzen hält. Insgesamt ergibt dies einen Film, den man anschauen kann.

DVD-Features

Extras zum Hauptfilm gibt es nicht. Dafür ist dieser ungeachtet der erwähnten Düsternis von hervorragender Bildqualität. Es kommt noch besser: Echte Synchronsprecher und keine lustlosen Papageien lassen diesen Film auch akustisch wirken!

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Synchronicity
Originaltitel: Synchronicity (USA 2015)
Regie, Drehbuch u. Schnitt: Jacob Gentry
Kamera: Eric Maddison
Musik: Ben Lovett
Darsteller: Chad McKnight (Jim Beale), Brianne Davis (Abby), A. J. Bowen (Chuck), Scott Poythress (Matt), Michael Ironside (Klaus Meisner), Claire Bronson (Helen) u. a.
Label: Pandastorm Pictures
Vertrieb: Edel Media & Entertainment
Erscheinungsdatum: 06.05.2016
EAN: 4260428050476 (DVD)/4260428050483 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 96 min. (Blu-ray: 100 min.)
FSK: 16

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