Ein Mann erwacht in der Wüste. Er hat keine Ahnung, wie es ihn dorthin verschlagen hat. Und bevor er sich fassen kann, wird er auch schon in einen Strudel aus Ereignissen und Wahn gezogen, der ihn zu verschlingen droht.

„The Prisoner“ bezieht sich auf die Serie „Nummer 6“ aus dem Jahre 1967/1968. Dabei handelt es sich um kein Vorspiel oder Nachspiel, es ist auch keine echte Neuauflage. Nein, die Serie verneigt sich zwar vor ihrem Ahnen aus den 60er Jahren, stellt aber etwas ganz Eigenes dar. Deswegen ist es unmöglich die beiden Serien auf der erzählerischen Ebene – oder gar die Handlung – miteinander zu vergleichen. Regisseur Nick Hurran („The Prisoner“) ehrt zwar Produzent und Schauspieler Patrick McGoohan („Nummer 6“), löst sich aber auch von der Vorlage.

Die Serie fest einzuordnen ist schwer. Sie ist Fiktion, Traum, Erinnerung, Zukunft, Realität und stellenweise entrückt. In sechs Episoden, von jeweils zirka sechsundvierzig Minuten Länge, wird die Geschichte von Nummer 6 (James Caviezel) erzählt, der in der Wüste aufwacht und seine Erinnerung an sein Leben und an die Stadt verloren hat. Falls das stimmt. Denn gleichzeitig behauptet 6 einen Namen zu haben und sich an Fragmente seiner Vergangenheit zu erinnern. Er weiß, dass die Stadt ein Gefängnis ist und dass er nach Freiheit strebt. Und der Zuschauer weiß das natürlich auch, oder? Denn schon bald verschwimmen die Grenzen. So wie 6 an seiner Realität zweifelt, zweifelt auch bald der Zuschauer. Der Augenblick in dem das geschieht, geht einem förmlich unter die Haut.

Das gilt auch für 2 (Ian McKellen), den unumstrittenen Gebieter der Stadt. Er ist scheinbar der Kopf hinter allem, führt 6 an der Nase herum, zwingt ihn zu Entscheidungen, will von ihm die Wahrheit wissen, konfrontiert 6 stetig mit neuen Herausforderungen und Situationen. 2 manipuliert 6, manipuliert die ganze Stadt. Aber stimmt das auch? Oder blickt der Zuschauer hier nur durch die Augen von 6 und sieht alles aus der Sicht eines Verrückten? Oder ist 6 gar der einzige Vernünftige? „The Prisoner“ wirft mehr Fragen auf, als beantwortet werden. Aber nur vorerst, denn die Serie ist in sich abgeschlossen und hat eine Antwort auf alles – vorausgesetzt der Zuschauer ist bereit, sich auf die Gedankenexperimente und deren Auflösung einzulassen.

„The Prisoner“ ist keine einfache Serie, ist kein Mainstream. Und das, obwohl sie im Auftrag vom britischen Sender ITV und dem amerikanischen Sender AMC produziert und schlussendlich im Free-TV (in Deutschland auf einem ZDF-Spartensender) ausgestrahlt wurde.

Die Handlung verläuft weitgehend in der Stadt. Anstatt Namen gibt es Nummern, die Optik der Kulissen und Requisiten reicht von den 1950er bis in die 1980er Jahre hinein. Da wirken kleinbürgerliche Einstellungen neben scheinbar futuristischen Elementen. Farben und Formen vermischen sich zu einem einzigartigen Stil, werden zu einem Kunstwerk, in dem die Schauspieler scheinbar ohne bekanntes Ziel agieren. Und trotzdem folgt die Handlung einem roten Faden, liefert schlussendlich einen Anfang und ein Ende, zeigt klassische Motive.

Doch zuvor wird 6 durch die Mangel gedreht, wird ständig mit neuen Dingen konfrontiert. Mal lehnt er sie ab, mal nimmt er sie an, mal wirken sie wie ein Fremdkörper, dann wieder ist vollständige organische Harmonie. Schlussendlich läuft es in jeder Episode auf ein Kräftemessen zwischen 6 und 2 hinaus, in das auch andere Bewohner der Stadt verwickelt werden. Sei es nun  313 (Ruth Wilson, deren Mundpartie frappierend an Nationaltürhüter Manuel Neuer erinnert), 2s Sohn 11-12 (Jamie Campbell Bower) oder auch 147 (Lennie James). Alles gute Schauspieler, doch wirklich getragen wird die Serie vor allem von James Caviezel und Ian McKellen.

Dabei ist vor allem Sir Ian McKellen hervorzuheben, der erstklassig spielt und einen dämonischen 2 gibt. Leider verliert seine Darstellung durch die deutsche Synchronisation, da die Sprecher mit den Schauspielern nur selten auf einem Niveau agieren. Allgemein scheint die deutsche Fassung beim Abmischen etwas gelitten zu haben, so dass die Dialoge dominanter sind, als im Original – zu Lasten der Hintergrundgeräusche.

„The Prisoner“ ist eine wahre Achterbahn der Film- und Serienkunst. Nick Hurran hat hier viel Kreativität in seine Serie gesteckt und liebevoll auch noch das Letzte aus der Idee herausgeholt. Die jeweiligen Themen der einzelnen Folgen sind subtil verpackt, aber dennoch präsent. Viel Wert hat Hurran dabei auf das Charakterspiel gelegt und entsprechend wurde auch die Kamera arrangiert. Eine hervorragende Arbeit, die – im Spiel mit Farben und Licht – einfach nur Spaß macht. Stellenweise lohnt es sich sogar Pause zu drücken und sich einfach nur das Bild anzuschauen. Das widerspricht natürlich dem Gedanken einer herkömmlichen Serie und das scheint ein weiterer Punkt zu sein, warum „The Prisoner“ so wenig Akzeptanz fand.

Das liegt zum Einen sicherlich daran, dass Hurrans Werk mit der Arbeit von Patrick McGoohan verglichen wird. Wie Eingangs erwähnt, ein direkter Vergleich kann einfach nicht funktionieren. Zum Anderen muss sich der Zuschauer auf solch eine Story einlassen können, die manchmal einem Schwebezustand gleicht und nur zeigt, nicht erzählt. Auch das Ende braucht Verständnis für die Thematik, die beinahe esoterisch anmutet und in ihrer Auflösung doch eine Überraschung bereithält. Die Serie ist es jedenfalls wert, sich mit ihr zu beschäftigen.

Koch Media hat „The Prisoner“ 2012 nun in einer Gesamtbox auf den Markt gebracht. Auf drei DVDs finden sich alles sechs Episoden. Box und DVDs sind schön aufgemacht und zeigen die Farben, die in der Stadt vorherrschen. Das Menü ist animiert und musikalisch unterlegt. Zudem liegt neben der deutschen Tonspur auch die englische Tonspur vor. Beide in  DTS-HD 5.1. Ein besonderes Schmankerl ist allerdings das Bonusmaterial.

Es kommt zwar schlicht daher, aber gerade das macht den Reiz aus. Es gibt mehr als vierzig Minuten geschnittene Szenen und so kann der Zuschauer tiefer in die Materie eintauchen und sehen, wie die ursprüngliche Idee aussah. Aber wirklich toll ist das kurze – zweigeteilte – Interview mit Ian McKellen, das von seinem Kollegen Jamie Campbell Bower geführt wurde. Beide Schauspieler scheinen aus dem Nähkästchen zu plaudern und sorgen für informative Kurzweil.

„The Prisoner (Die komplette Serie)“ ist eine empfehlenswerte Box. Die Serie ist gut und die Aufmachung in Ordnung. Eine klare Empfehlung.

Copyright © 2012 by Günther Lietz

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The Prisoner

(Komplette Serie)

Darsteller: James Caviezel, Ian McKellen, Jamie Campbell Bower, Rachel Blake, Hayley Atwell
Regisseur: Nick Hurran
Sprache: Deutsch (DTS-HD 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Koch Media GmbH – DVD
Erscheinungstermin: 9. März 2012
Produktionsjahr: 2009
Spieldauer: 279 Minuten (6 Episoden auf 3 DVDs)

DVD Extras: Geschnittene Szenen (ca. 41 Minuten), Making of (ca. 34 Minuten), Die Welt des Prisoner (ca. 30 Minuten), Comic Con Panel (ca. 11 Minuten), Interview (ca. 8 Minuten), Regiebesprechung (ca. 3 Minuten)