Glattgebügelt und politisch korrekt gestaltet sich Kenneth Branaghs „Thor“, der 2011 mit schwingendem Hammer die Kinoleinwand erobert – oder besser gesagt: zertrümmert. Was über den großen Teich herangeschwappt kommt ist, gelinde ausgedrückt, ein großer Haufen Mist!

Das sich Hollywood keinen Deut um die korrekte Darstellung einer Idee oder Geschichte kümmert, ist bekannt. Das gilt auch für Comics. Da wird eine Sage gerne mal frei interpretiert oder ganze Mythen locker adaptiert. An sich kein Problem, solange es gut gemacht ist und wenigstens einen Funken des Originals beinhaltet. Die nordischen Sagen – im speziellen die eddischen Schriften – derart zu vermurksen, dafür braucht es schon einiges an Schneid. Oder an Dummheit. Beides geht ja gerne Hand in Hand. Eventuell fällt auch nur einem Europäer auf, was für ein Schmarrn Regisseur Kenneth Branagh und die Autoren Ashley Miller, Zack Stentz, Don Payne, J. Michael Straczynski und Mark Protosevich aus dem Hut gezaubert haben.

Die Unterschiede zu den mythologischen eddischen Schriften nun mal beiseite gestellt, verfehlt der Film sogar die Comicvorlage von Stan Lee, Larry Lieber und Jack Kirby. Was am Ende bleibt ist eigentlich nur ein Hüne mit Hammer im Kostüm, der sich Superheld nennt und den Marvel-Stempel trägt. Dabei wird hier im Film eigentlich die Geschichte über Thors Wandlung zum Superhelden erzählt. Und die ursprüngliche Story aus dem Jahre 1962 unterscheidet sich doch arg von dem, was der Film anbietet. Das mag auch noch geschenkt sein, aber der Streifen wartet ja auch mit inhaltlichen Fehlern auf.

Sehen wir uns mal die Hauptfigur und seine Heimat an. Asgard selbst liegt irgendwo im Universum. Es handelt sich um eine polierte Stadt, die klinisch tot wirkt. Ihre Bewohner tauchen nur auf, wenn sie beim Wacheschieben sterben oder dem lieben Odin zujubeln. Der wird von Anthony Hopkins gespielt. Der Film zeigt übrigens wie der liebe Odin sein Auge im Kampf verliert. Auch hier eine sehr freie Auslegung der Geschichte. Aber auch das sei geschenkt.

Thor (Chris Hemsworth) ist nun ein ziemlich arroganter Bursche und den Einflüsterungen seines Bruder Loki (Tom Hiddleston) hilflos ausgeliefert. Loki gibt natürlich den Bösewicht und hat seine ganz eigenen Pläne. Also stachelt er Thor zu Unsinn an. Der versammelt ein paar Kumpels, rast über die Regenbogenbrücke und lässt sich dann von Heimdall (Idris Elba) zu den Frostriesen beamen. Und das alles politisch korrekt, denn der blonde Thor hat in seiner illustren Runde eine Frau, einen Asiaten, Heimdall ist ein Schwarzer und es gibt auch noch den nordisch anmutenden Nordmann. Das hat mit der nordischen Mythologie um Thor so viel zu schaffen wie ein Haferkeks mit einem Stück Torf. Okay, der Haferkeks ist für sich alleine wenigstens zu genießen, „Thor“ dagegen nicht. Zwar gehören Fandral, Hogun und und Volstagg innerhalb des Marvel-Universum an Thors Seite (sie sind ja die The Warriors Three), aber hier wird die Story erzählt wie Thor zum heldenhaften Gott wird und sich den Ruf als göttlicher Held erwirbt. Seine unterstützenden Kampfgefährten kommen eigentlich erst später hinzu.

Das Heimdall von einem Schwarzen gespielt wird wirkt auf Europäer sicherlich verstörend und ist im direkten Bezug zu den Originalcomics natürlich Murks, entspricht aber der Version des alternativen Marvel-Universums aus „Thor: The Mighty Avenger“. Dort ist Heimdall, als Bewahrer der Bifrost Bridge, ebenfalls ein Schwarzer. Das wirkt aber einfach befremdlich. Natürlich ist es normal, dass jeder Superheldenfilm Teil des Superheldenfilm-Universums wird und aus den Comics nur die besten Stücke nimmt. Aber hier wurden die, mit Verlaub, schlechtesten Stücke genommen und zu einem glattpolierten Stück Film zusammengeschaufelt. Aber weiter mit der Handlung, denn die Action ist vorhersehbar und langweilig. Die Möglichkeiten des göttlichen Hammers werden kaum ausgelotet.

Nachdem Thor wegen seinem Alleingang Ärger bekommt, wird er auf die Erde verbannt und trifft dort auf drei Wetterforscher, während sein Hammer irgendwo in der Wüste landet und zum Zentrum lustiger Hammerpartys wird. Also „Akte X“ mag ja an den Haaren herbeigezogen sein, aber in der Realität würde so ein Hammerding sofort die „Men in Black“ anlocken; oder halt Mulder und Scullys reale Kollegen. Aber egal, auch das sei geschenkt.

Thor ist halt ein arroganter Kerl, viele Dinge laufen schief und es gibt lustige Begegnungen zwischen dem Gott und den Sterblichen. Schlussendlich erfährt Thor eine Wandlung seiner Persönlichkeit und es kommt zu Endkampf. Ende! Puh, das ist schnell zusammengefasst und das ist auch gut so. Denn es gibt keinen Grund für Thors Wandlung, es gibt keine Charakterentwicklung. „Thor“ ist einfach auf ein Zielpublikum zugeschnitten, dass sich leicht zufriedenstellen lässt. Und um sämtliche Schwächen zu kaschieren kommt der ganze Murks auch noch in 3D auf die Leinwand. Wer kann solch einen Film gut finden? Vor allem nach so vielen starken Superheldenfilmen, die in den letzten Jahren in die Kinos kamen. „Spider Man“, „Superman“, „Iron Man“ und der grandiose „The Dark Knight“. Die Messlatte hängt verdammt hoch, da ist nur schwer heranzukommen. „Thor“ wagt noch nicht mal den Versuch.

„Thor“ selbst ist Mist. Und es ist ein Rätsel, warum der Streifen trotzdem ein gutes Einspielergebnis abliefert. Liegt es daran, dass die Kinobesucher keinen Bezug zu den Sagen haben? Ist 3D-Kino Kopfwäschekino? Oder sind Bildungsniveau und Kunstverständnis in der Gegenwart einfach tot? Vielleicht liegt es auch daran, dass sich Hollywood einfach ein entsprechendes Publikum erzogen hat, dass mit so wenig so zufrieden ist. „Thor“ hätte ein großartiger, erstklassiger Film werden können, mit einem Helden, der Tiefgang besitzt und echte Lebenserfahrungen macht. Stattdessen präsentiert sich Thor wie ein pubertierende Knabe, in dem allerdings ein Held steckt. Wobei, das dürfte das pubertierende Zielpublikum ja gerade ansprechen und wäre ein Grund, warum dieser Murks solch ein Murks ist. Murks eben. Und im Nachhinein lieber doch nicht geschenkt.

Copyright © 2011 by Günther Lietz

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Thor

Originaltitel: Thor (USA 2011)
Altersfreigabe: FSK 12

Regie: Kenneth Branagh
Drehbuch: Ashley Miller, Zack Stentz, Don Payne, J. Michael Straczynski
Produktion: Kevin Feige
Musik: Patrick Doyle
Kamera: Haris Zambarloukos
Schnitt: Paul Rubell

Darsteller: Chris Hemsworth (Thor), Natalie Portman (Jane Foster), Tom Hiddleston (Loki), Anthony Hopkins (Odin), Idris Elba (Heimdall), Samuel L. Jackson (Nick Fury)