Ticking Clock

Originaltitel: Ticking Clock (USA 2010)
Regie: Ernie Barbarash
Drehbuch: John Turman
Kamera: Phil Parmet
Schnitt: Tricia Gorman
Musik: Richard Friedman
Darsteller: Cuba Gooding Jr. (Lewis Hicks), Austin Abrams (James), Neal McDonough (Keech), Nicki Aycox (Polly), Yancey Arias (Detective Becker), Dane Rhodes (Detective Gordon), Danielle Nicolet (Gina Hicks), Adrianne Frost (Vicki Ihrling), Edrick Browne (Detective Maddox), Veronica Berry (Felicia Carson), Shanna Forrestall (Kayla Pierce) u. a.
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 24.03.2011 (DVD)
EAN: 4030521722033 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Türkisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Früher war Lewis Hicks ein berühmter Schriftsteller, der Bestseller über „wahre Verbrechen“ schrieb. Doch die Beschäftigung mit dem Bösen forderte seinen Tribut. Hicks trinkt zu viel und ist vernachlässigt seine Familie; Gattin Gina hat ihn vor die Tür gesetzt und will ihn erst wieder aufnehmen, wenn er bereit ist, „sein Leben auf die Reihe zu kriegen“, wie sie es US-typisch ausdrückt und ihn damit auffordert, den stressigen Job, den Schnaps und Bett-Freundin Felicia aufzugeben.

Letztere abzuservieren hält Hicks für den geeignetenen Einstieg in sein neues-altes Leben. Da Felicia anderer Ansicht ist und ihn dies lautstark wissen lässt, versucht Hicks den Frieden durch eine spätabendliche Aussprache im Heim der nunmehr Ex-Geliebten wiederherzustellen. Dort trifft er diese allerdings nurmehr sorgfältig filetiert vor. Blondschopf Keech, der dies verantwortete, ist noch anwesend und entflieht, wird aber von Hicks gestellt. In der sich anschließenden Prügelei schaltet Keech den Verfolger aus und verliert dabei sein Tagebuch.

Der Mordfall geht an Detective Becker, der Hicks leider gar nicht leiden kann, da dieser über die Polizei der Stadt viel Hässliches geschrieben hat. In Hicks rühren sich außerdem verschüttete journalistische Triebe. Er findet das Tagebuch sowie heraus, dass Keech weitere Morde plant; die Namen der Opfer und die Zeitpunkte der Untaten sind sorgfältig vermerkt. Leider sucht auch Keech das Tagebuch und schließt richtig auf Hicks als Finder, was diesem einen neuen Besuch und weitere Beulen einträgt.

Hicks setzt seine Ermittlung natürlich fort und entdeckt seltsame Lebens-Parallelen zwischen Keech und dem Waisenkind James, in dessen Hirn mehr als eine Schraube locker sitzt. Während schon der dümmste Zuschauer weiß, welche Schlüsse zu ziehen sind, rätselt Hicks noch eine Weile weiter, bis er sich a) tölpelhaft der Polizei als Hauptverdächtiger empfohlen hat und b) von Keech in die Enge getrieben wird, bevor auch bei ihm der Groschen endlich fällt …

„Zeitreisen sind komplex“ …

… spricht Keech, der Mann aus der Zukunft, der es folgerichtig wissen müsste. „Ticking Clock“, der Film, ist es nicht: Das setzt dieser Rezensent hinzu, dem es nicht schwer fallen dürfte, bei ebenfalls geschädigten Zuschauern zustimmendes und kummervolles Kopfnicken auszulösen. Dass dieser Streifen nicht wirklich schlecht, sondern einfach nichtssagend ist, macht die Negativwertung noch vernichtender: „Ticking Clock“ ist einer jener Filme, die so überflüssig sind, dass man sich fragt, wieso sie überhaupt entstehen konnten.

Schon das Plakat belegt das Dilemma; eigentlich ist es gar kein Plakat, da es dieser Film nie in die Kinos geschafft hat. Er wurde direkt in die Videotheken dieser Welt abgeschoben. Dort dürfte er sein Budget irgendwann einspielen und sogar Gewinn abwerfen – trotz eines Minimal-Covers, das nichts als die Ratlosigkeit der Werbeleute verrät: Man sieht groß im Bild Cuba Goodings Gesicht, rechts steht Neal McDonough als Keech, im Hintergrund leuchtet unheilvoll rot das Zifferblatt einer Taschenuhr. Diese einfallslose und billige Komposition sagt absolut nichts über den Film aus. Sie schreckt den Zuschauer eher ab (und erfüllt damit unbeabsichtigt einen guten Zweck).

Gleichzeitig trifft sie den Nagel auf den Kopf. „Ticking Clock“ enthält keine Sekunde Handlung, die ein Anschauen erforderlich macht, sobald man publikumsseitig Forderungen stellt, die originelle Einfälle oder optische Überraschungen beinhalten. Während das Drehbuch eine Unverschämtheit ist – darüber weiter unten (viel) mehr –, müsste man den Regisseur wegen Arbeitsverweigerung haftbar machen. Dass Ernie Barbarash 2002 den SF-Horror-Thriller „Cube 2: Hypercube“ schrieb sowie 2004 die Fortsetzung „Cube Zero“ als Debütfilm zusätzlich inszenierte, sieht man „Ticking Clock“ niemals an.

Dream-Team Routine & Klischee in Höchstform

Laut „IMDb“ betrug das Budget 6 Mio. Dollar. Wo ist dieses Geld geblieben? Der Science-Fiction-Faktor des zeitreisenden Mörders beschränkt sich auf wenige Lichteffekte, die erschütternd ärmlich wirken. Ansonsten spielt sich die Handlung in einigen einstöckigen Vorort-Häuschen ab, deren Gestaltung die Kulisse förmlich schmecken lässt.

Verfolgungsjagden, Blicke in die Zukunft oder andere Indizien dafür, dass wir es hier nicht mit einer reinen Billig-Produktion zu tun haben? Fehlanzeige. Hin und wieder dürfen wir sekundenbruchteilkurz Blicke auf Keeches Metzeleien werfen. Ansonsten wird in erster Linie geredet – und noch geredet. Vor allem die erste Stunde vergeht lähmend langsam. Wir werden ausführlich in Lewis Hicks‘ Welt eingeführt, die uns leider keinen Deut interessiert, da sie sich auf x-fach aufgewärmte bzw. zu Tode gerittene Als-ob-Probleme beschränkt. Wenn Regisseur Barbarash dabei demonstrieren will, wie tief Hicks gesunken ist, lässt er die Kamera auf ein Glas mit Whiskey richten, dessen Inhalt Cuba Gooding übertrieben gierig in seinen Hals laufen lässt; die Steigerung wäre der Griff zur Zigarette, aber so wagemutig ist Barbarash denn doch nicht …

Dumm – dümmer – John Turman

Einen Serienkiller als Zeitreisenden bzw. einen Zeitreisenden als Serienkiller zu präsentieren, ohne die Gegenwart ein einziges Mal zu verlassen, ist bereits ein Armutszeugnis. Zumindest dafür kann man Drehbuchautor John Turman wohl nicht verantwortlich machen; er beugte sich offensichtlich dem vorhandenen Budget.

Diese Begrenzung hätte er durch Ideen in der Handlungsführung ausgleichen können. Das ist ihm missglückt – wieso auch nicht, wo er generell nur Mist baut? So ist die Offenlegung der hier nun schon mehrfach erwähnten Zeitreise-Thematik beileibe kein Spoiler. Turman selbst legt die Story so andeutungsreich aber dabei simpel an, dass eine andere Erklärung schlicht unmöglich ist. Während Lewis Hicks noch rätselt und sinniert, weiß das Publikum längst, aus welcher Zeitebene der Wind weht. Es muss jedoch noch lange und zunehmend ungeduldiger darauf warten, dass der Blitz der Erkenntnis auch unseren semi-genialen Journalisten endlich trifft.

Falls man nach Alternativen sucht, liegt dies höchstens daran, dass Turman den auch in der Science Fiction zu berücksichtigenden Faktor Logik mutwillig oder aus Mangel an Talent (und Enthusiasmus) mit Füßen tritt. Keech mag ein Psychopath sein, aber er ist auch der Erfinder der Zeitmaschine. Als solcher hat er durchaus gemerkt, dass sein stümperhaftes Herummurksen in der Vergangenheit das Schicksal seines jüngeren Ichs nur verschlimmert. Wieso kommt ihm nie der Einfall, sich in der Rolle des vermögenden Pflegevaters quasi selbst zu adoptieren? Das Waisenhaus wäre James jedenfalls schrecklich gern los!

Die gepeinigte Zeit macht Bocksprünge

Wie konnte ein mordlustiger Serienkiller Kopf jenes sicherlich beachtlichen Teams von Wissenschaftlern und Technikern werden, das die Zeitmaschine baute? Wie gelingt es Keech, diese Maschine immer wieder für seine Mordstreifzüge zweckzuentfremden? Oder hat er sie etwa in seinem privaten Hobbykeller gebastelt? Wie kann es umgekehrt gelingen, einen Mann zu überraschen, der die Zukunft und folglich das Verhalten seiner Gegner kennt und dies auch mehrfach äußert? Warum löscht der Tod des Jungen James Keech und dessen Untaten, nicht aber Hicks‘ Erinnerung an den nun alternativen, niemals Realität gewordenen Ereignisstrang? (Die aufwendig eingeführten Polizisten-Figuren Becker und Gordon ließen Barbarash & Turman schon vorher einfach aus der Handlung verschwinden.)

Schließlich der empörendste Schwachsinn: Wieso löst der Tod von James überhaupt eine neue Zeitebene aus, statt die alte – minus Keech – weiterlaufen zu lassen? Antwort: Damit Barbarash sein Filmchen mit einem versöhnlich-verlogenen Happy-End-Finale versehen kann, das ihn aufgrund seiner brechreizerregenden Süßlichkeit für größere Hollywood-Projekte empfiehlt.

Dies sind nur die dicksten Böcke, die Turman schießt. Zu ihnen gesellen sich zahllose Ungereimtheiten sowie Drehbuch-Entscheidungen der Marke „Das-merkt-der-Zuschauer-bestimmt-nicht“. Mit Blind- und Blödheit doppelt geschlagene Figuren und plumpe Effekthaschereien – warum löst sich Keech bei seinem Ende nach und nach & unter kräftigen Leuchteffekten auf, während alle anderen Zeitkorrekturen einfach geschehen (und sich deshalb kostengünstig durch altmodische Stopptricks realisieren lassen)? – durchbrechen wenigstens die Kruste langweiliger Routine, die „Ticking Clock“ zu einem strukturlosen Klumpen aus qualvoll oft gesehenen Szenen und gehörten Dialogen degenerieren lässt.

Quo vadis, Cuba Gooding?

Eine Filmkarriere gleicht einer Spielplatzwippe: Es geht auf und ab, und sitzt dir ein ähnliches Gewicht gegenüber, hängst du in der Luft. So dürfte sich Cuba Gooding Jr. fühlen. Er startete 1986 als „2nd Gang Member“ oder „Skater“ in diversen TV-Serien, um sich in den folgenden Jahren langsam zu größeren Neben- sowie Hauptrollen hochzuarbeiten. Anfang der 1990er Jahre begann man Gooding wahrzunehmen. Für „Jerry Maguire – Spiel des Lebens“ (1996) erhielt er einen „Oscar“ als bester männlicher Nebendarsteller. Mit „Men of Honor“ (2000) oder „Pearl Harbor“ (2001) ging es vielversprechend weiter, bevor eine Durststrecke begann, die Gooding erst als Hauptdarsteller in gefloppte Mainstream-Filme („Boat Trip“, 2002; „Sie nennen ihn Radio“, 2003), dann als Nebenrollen-‚Gaststar‘ in Obskur-Streifen wie „Norbit“ (2007) oder „Der Kindergarten-Daddy 2“ (2007) und schließlich als Neubürger in die Direct-to-Video-Hölle geraten ließen. Dort sitzt er fest und muss sich seine Brötchen mit zweit- und drittklassigem Schund wie „Hardwired“ (2009), „The Devil’s Tomb“ (2009) oder eben „Ticking Clock“ verdienen.

Manchmal zeigt er auch dort, was er als Schauspieler kann („Wrong Turn at Tahoe“, 2009), aber meist steht er die Rollen, in die es ihn verschlug, einfach nur durch. Man kann ihn verstehen, denn auch ein „Oscar“-prämierter Darsteller vermag einem Pappkameraden wie Lewis Hicks kein Leben einhauchen. Jedes Klischee, das der Simpel-Film für den ‚typischen‘ Sensationsreporter bevorratet, hängt Drehbuchautor Turman dem armen Gooding mühlsteinschwer um den Hals. Um der Demontage des Schauspielers ein I-Tüpfchen aufzuprägen, zwingt eine boshafte Kostümbildnerin Gooding immer wieder unter eine überdimensionale Schlägermütze, die offenbar fesch wirken soll, ihn jedoch stattdessen vom Langweiler in eine Lachnummer verwandelt.

War da noch jemand?

Größeres Glück als Gooding haben die übrigen Darsteller. Man erkennt sie vielleicht, weil sie für unzählige TV- und Film-Nebenrollen ihr Gesicht vermieten, kann aber keine Namen nennen, denn anders als der Hauptdarsteller haben sie dieses Reich der Anonymität nie verlassen. Neal McDonough gibt einmal mehr den filmnaziblonden Killer, Nicki Aycox ist auch mit 35 Jahren immer noch niedlich.

Die Kenntnis der übrigen Darstellerriege ist für das Publikum gänzlich ohne Belang. Wie der Verursacher der Filmmusik – erstaunlicherweise ein Mensch, kein vorab auf Allerwelts-Gedudel programmierter Automat –, der zumindest geistig abwesende Kameramann oder der Spezialeffekte-Techniker, der sich seinen Titel höchstwahrscheinlich angemaßt hat, tauchen sie spurlos unter. Die Zuschauer sollten ihrem Beispiel zahlenstark folgen.

DVD-Features

Wie tief Cuba Goodings Marktwert gesunken ist, belegt die Tatsache, dass „Ticking Clock“ nur als ‚altmodische‘ DVD veröffentlicht wurde. Auch Extras ersparte das Label sich und dem Zuschauer. Den einsamen Trailer zum Film möchte dieser Rezensent jedenfalls nicht als solches bezeichnen.

[md]

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