Turbo Kid

Originaltitel: Turbo Kid (Kanada/Australien 2015)
Regie u. Drehbuch: François Simard, Anouk Whissell u. Yoann-Karl Whissell
Kamera: Jean-Philippe Bernier
Schnitt: Luke Haigh
Musik: Jean-Philippe Bernier u. Jean-Nicolas Leupi
Darsteller: Munro Chambers (Kid), Laurence Leboeuf (Apple), Aaron Jeffery (Frederic), Michael Ironside (Zeus), Edwin Wright (Skeletron), Romano Orzari (Bagu), Orphée Ladouceur (Amazone), Steeve Léonard (Scout), Evan Manoukian (Kid als Kind), Anouk Whissell (Kids Mutter), François Simard (Kids Vater), Pierre Sigouin (Frederics Bruder) u. a.
Label: Ledick Filmhandel
Vertrieb: edel media & entertainment
Erscheinungsdatum: 13.11.2015
EAN: 4260115211609 (DVD)/4260115211616 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 2.0 (Deutsch, Englisch) u. Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 89 min. (Blu-ray: 93 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Wir schreiben das Jahr 1997: Nach einem von den Menschen gewonnenen Krieg gegen allzu selbstständig konstruierte Roboter ist die Erde ein zerstörter, verseuchter, permanent winterkalter Ort. Die wenigen Überlebenden hausen in Ruinen. Es gibt keine Zivilisation mehr, sondern nur noch vereinzelte Siedlungen, in denen das Gesetz des Stärkeren herrscht.

Über einen dieser trostlosen Orte herrscht Zeus, der dank einer zu allen Schandtaten bereiten Lumpentruppe ein Terrorregime ausübt, dem sich seine ‚Untertanen‘ auch deshalb beugen müssen, weil er allein über eine Quelle nicht vergifteten Trinkwassers verfügt. Niemand weiß, dass diese gar nicht existiert: Zeus lässt seine Schergen Menschen jagen, die in einer von ihm entwickelten Maschine ‚entsaftet‘ werden. Er sitzt fest im Sattel und hat nur einen Gegner, den Glücksritter Frederic, der mit seinen Gefährten einen Guerillakrieg gegen den Tyrannen führt.

Abseits haust in einem verlassenen Keller Kid, der auf seinem BMX-Bike die öde Landschaft auf der Suche nach Relikten der Vergangenheit durchstreift. Als er eines Tages von Zeus‘ Mordbuben ins Visier genommen wird, ist er abgelenkt, denn die quirlige Roboterfrau Apple hat sich ihn als neuen Meister erwählt und bringt sein Leben gründlich durcheinander.

Während Apple verschleppt wird, kann Kid den Häschern entkommen. Auf seiner Flucht gerät er in das vor Jahren notgelandete Kampfschiff des Super-Soldaten Turbo Man. Er eignet sich dessen Hightech-Ausrüstung an und fühlt sich stark genug, gegen Zeus – mit dem er seit dem tragischen Tod seiner Eltern eine Rechnung offen hat – ins Gefecht zu ziehen sowie Apple zu befreien. Doch Kid ist unerfahren und kann die neue Kampfkraft nur ansatzweise meistern. So findet er sich bald mit Apple und dem ebenfalls gefangenen Frederic in einer Arena wieder, die Zeus für seine Opfer eingerichtet hat, und muss um sein Leben kämpfen …

Auf Mist keimt manchmal Unterhaltung

Um Filme wie diesen ‚richtig‘, d. h. unter Nutzung der Subtext-Spur goutieren zu können, sind zwei Grundvoraussetzungen zu erfüllen. Nr. 1 stellt kein Problem dar: Man muss zumindest die beiden ersten Teile der (originalen) „Mad-Max“-Trilogie (1979 und 1981) gesehen haben. Nr. 2 ist eine größere Herausforderung: Man muss auch einige jener Streifen kennen, die weniger talentierte oder dreiste Kopisten auf ein Publikum losließen, das wegen seiner Gier auf postapokalyptische Schlachtplatten in den 1980er Jahren den Videomarkt zur Blüte brachte.

Das kostengünstig kopierbare Speichermedium Videokassette ermöglichte es erstmals, Filme zu verbreiten, die nicht für das Kino oder das Fernsehen, sondern für die wie Pilze aus dem Boden schießenden Videotheken gedreht waren. Bis die Zensur merkte, dass man ihr dadurch in eine Lücke entwischte, entstand eine lange Reihe in der Regel billig gemachter Streifen, die primär auf die elementaren Schauwerte Gewalt und Sex setzten. Sie sollten ausschließlich unterhalten und scheuten dabei vor keiner Drastik zurück.

In der Erinnerung damals junger Zuschauer waren dies goldene Zeiten, denn nach wenigen Jahren sorgten spaßfremde Spielverderber dafür, dass solche verderbliche Kost entschärft oder gänzlich verboten wurde, allmählich ausstarb bzw. dem Amateurfilm überlassen wurde. Im Laufe der seither verstrichenen Zeit vergoldete Nostalgie den Schund von gestern zum Trash-Kult von heute. Es gibt deshalb eine kleine aber harte Fraktion von Zuschauern, die das Radau-Kino ihrer Jugend hoch in Ehren halten und laut jubeln, weil die damals vor allem hierzulande oft rüde geschnittenen Streifen jetzt nach und nach ungeschoren wiederveröffentlicht werden.

Hommage mit bekannten (und geliebten) Fehlern

Die Sünden der (filmischen) Vergangenheit sind heutzutage verziehen. Jenseits der Strenge, die Kritiker auf der vergeblichen Suche nach ‚Niveau‘ übten, wurde die Spielfreude wiederentdeckt, die diesen ungeschliffenen Werken innewohnt. Während das Hirn sich in Grausen winden mag, darf sich der Bauch reich bedient fühlen, wobei der ‚gute Geschmack‘ – ohnehin ein zweifelhafter Lehrer – vorsätzlich und voller Freude mit Füßen getreten wird.

Dies ist der Humus – oder Mist -, auf dem „Turbo Kid“ wächst. Schon seit einiger Zeit sind B/C-Movies, die den Unsinn ihre Vorgänger nicht nur aufgreifen, sondern ihn satirisch oder einfach grotesk überhöhen, im Kommen. Solche Filme heißen „Iron Sky“ (2012), „Fist of Jesus“ (2012) oder „King Fury“ (2015) und überbieten sich in der liebevollen Nachschöpfung einfältiger Szenarien, die solcher Mühe eigentlich nicht wert sind.

Trash-Kenner verfügen über ein absurdes Detailwissen, das ihre Liebe zum Abseitigen dokumentiert. Auch „Turbo Kid“ beeindruckt durch geradezu stupende Detailfreude. Die darin investierte Mühe sollte auch der Skeptiker nicht unterschätzen, der ansonsten korrekt anmerken darf, dass Kiesgruben, Steinbrüche oder verfallene Industriebrachen keinen besonderen Gestaltungaufwand benötigen. Doch man sollte genau hinschauen: Mit dürftigen Mitteln werden große Themen vermittelt: Zukunft, Apokalypse, Umweltzerstörung. Man mag – und soll – darüber lachen, doch es funktioniert.

Liebe auf den zweiten Blick

Freilich ist die bewusste Wiederbelebung eines toten Seitenarms der Filmgeschichte eine schwierige Aufgabe. Bis sich der Spaß einstellt, braucht es auch in diesem Fall seine Zeit. Die punktgenau getroffene Optik von „Turbo Kid“ kann ein elementares Problem nicht verbergen: Die damals erzählten Geschichten waren nicht nur simpel, sondern oft schlicht langweilig! Da macht „Turbo Kid“ keine Ausnahme, zumal die Zuschauer des 21. Jahrhunderts Trash ganz anderen Kalibers gewohnt sind.

„Turbo Kid“ wird jenseits des Nerd-Mikroversums erst interessant, wenn die Drehbuch- und Regie-Trias Simard/Whissell/Whissell sich auf die Grundtugend des Prä-Millennium-Trashes besinnt: Schrägen Charaktere wird blutig aber absurd mitgespielt. Tatsächlich sind die Splatter-Effekte ein Highligh. Verstümmelungen, Folterungen und Tode werden jenseits jeglicher Ernsthaftigkeit auf ein Niveau gehoben, das selbst der hierzulande notorisch vernagelten Zensur einleuchtete. Wie sonst könnten auch 16-jährige Zuschauer eine Ausweidung per Trimmrad völlig legal bewundern? (Wirklich gruselig ist dagegen der kongenial nachempfundene Synthesizer-Hasselhoff-Billigst-Score.)

Vor allem das große Finale ist ein Feuerwerk einschlägiger, von gigantischen Blutfontänen gerahmter Schnetzeleien. Zu diesem Zeitpunkt hat „Turbo Kid“ längst seinen Rhythmus gefunden. Wie so oft verdankt dieser Filmdies nicht seiner Hauptfigur, sondern den Nebendarstellern. Sowohl die Figur „Kid“ als auch sein Darsteller Munro Chambers lassen keine Funken überspringen. Zu überzeugend ist vermutlich die Darstellung des reinen Toren, der zum Helden wird, obwohl er faktisch völlig untauglich ist.

Panoptikum der (irren) Außenseiter

Selbstverständlich liegt Filmen wie „Turbo Kid“ nichts ferner als eine faktennahe Schilderung der Zukunft. Ausgegangen wird stets von einem neuen Barbarentum, dem der übelste, brutalste, unverbesserlichste Grobian vorsteht. Den gibt seit Jahrzehnten ebenso zuverlässig wie überzeugend Michael Ironside. Auch deutlich gealtert ist er ein wunderbarer Fiesling, der seine Rolle mit einer gehörigen Dosis (schwarzen) Humors unterfüttert.

Überraschend sympathisch obwohl als Nervensäge angelegt ist Laurence Leboeuf als Roboterfrau Apple; schon der Name ist als Gag gemeint. Wie einst „Star-Trek“-Data mimt sie völlig realitätsfern aber unterhaltsam eine Maschine, die offenbar echter Gefühlsregungen fähig ist, dabei jedoch übereifrig und allzu wortgenau reagiert und dadurch für zusätzliches Chaos sorgt. Die selbstverständliche Lovestory zwischen Kid und Apple wird wiederum gelungen überdreht, wodurch ihr die Rührseligkeit ausgetrieben wird, ohne dabei in Zynismus umzuschlagen.

Als eigentlicher und echter Held und Mentor bzw. Vaterfigur gibt Aaron Jeffery sein Bestes, ohne das Korsett der Vorgabe wirklich aufbrechen zu können. Er ist wie Kid in seiner Rolle gefangen, während andere Darsteller ihrem Affen nach Belieben Zucker geben dürfen. Zu ihnen zählt Edwin Wright als stets maskierter Mordbube Skeletron, um den sich eine kunterbunte Truppe ähnlicher Lumpen schart.

Mühsam gewahrte Minderwertigkeit

Seit den 1980er Jahren hat die Tricktechnik enorme Fortschritte gemacht. Selbst mit einem Minimalbudget sind heute deutlich besser Effekte möglich. Genau dies soll „Turbo Kid“ nicht widerspiegeln. Die Unbeholfenheit offensichtlich ‚handgemachter‘ Tricks ist Teil des Retro-Entertainments. Digitale Unterstützung darf deshalb als solche keineswegs sichtbar werden. Grundsätzlich haben Simard/Whissell/Whissell hier ihre Hausaufgaben gemacht; erwähnt sei wiederum das eingeweidezerfetzende Finale, das man in seiner Schmodder-Drastik nur lieben kann. Deshalb verzeiht man einige allzu perfekte Ausrutscher; so wirkt die große Kiesgrube, in der Zeus haust, in der Totalen ein wenig zu eindrucksvoll.

Dafür gibt es immer wieder erfreuliche Details. Verfolgungsjagden werden ausnahmslos mit BMX-Bikes ausgetragen, da es in dieser Zukunft keine Verbrennungsmotoren mehr gibt. Das ist nicht nur komisch, sondern besitzt auch einen ironischen Subtext, da dem Film-Nerd sofort die grottenschlechte aber unfreiwillig hochkomische Als-ob-Komödie „BMX-Bandits“ von 1983 (mit einer 16-jährigen Nicole Kidman!) in den Sinn kommt.

Letztlich ist auch der nicht automatisch auf den Genuss kunsthandwerklich recycelten Trashes geeichte Zuschauer versöhnt. „Turbo Kid“ ist wie so oft keineswegs der (vor allem) von der Werbung behauptete Kult; dafür weist die Story zu viele Längen auf bzw. imitiert (?) zu kantennah die Dürftigkeit der beschworenen Vorlagen. Indessen kommt die Handlung dort, wo anderen ‚Komödien‘ die Luft ausgeht – in der zweiten Hälfte -, richtig in Schwung und lässt im nun zum dritten und letzten Mal erwähnten Finale keine Wünsche mehr offen. Anders ausgedrückt: Man kann 90 Minuten problemlos nutzloser verschwenden!

DVD-Features

Die kümmerlichen ‚Extras‘ beschränken sich auf eine selbstablaufende Bildergalerie, einen halbminütigen Teaser und den Trailer. Es existiert durchaus ein „Making-of“, das jedoch den Käufern der „3 Disc Limited Collector’s Edition“ vorbehalten bleibt. Hinter dem hochtrabenden Titel verbergen sich der Hauptfilm auf Blu-ray und DVD sowie eine „Bonus-DVD“ mit kläglichen, 40 Minuten laufenden Features. Interessant ist dabei eventuell die fünfminütige Vorlage „T Is for Turbo“, die ursprünglich Teil der Kurzfilm-Anthologie „The ABCs of Death“ (2012) werden sollte.

Als Website zum Film getarnte Werbung findet sich hier.

Kurzinfo für Ungeduldige: Nach einem weiteren Weltkrieg ist die Zivilisation 1997 zur Barbarei verkommen. Gegen den Warlord Zeus und seine Mordschurken tun sich Möchtegern-Superheld Turbo Kid, Roboterfrau Apple und der einsame Wolf Frederic zusammen … – Retro-Science-Fiction im forcierten Trash-Stil; formal gelungene Hommage an das Billig-Kino der 1980er Jahre, während die Story sich schleppt: trotz drastisch überspitzter Splatter-Effekte weder so humorvoll noch so unterhaltsam wie angepriesen.

[md]

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