VorsehungAls ein Mörder allzu perfekt seinem Job nachgeht, holt FBI-Agent Merriweather gegen den Widerstand seiner Kollegin den Arzt und Seher John Clancy aus dem Ruhestand. Der stellt fest, dass er gegen einen Gegner antritt, der ebenfalls Gedanken lesen kann – und dies besser als Clancy … – Ursprünglich als Fortsetzung des Thrillers „Sieben“ geplant, kann „Die Vorsehung“ dank der hochprofessionellen Crew vor und hinter der Kamera die nur bedingt überraschende und konventionell umgesetzte Story tragen und gut aber ideenschwach unterhalten.

Das geschieht:

Ein Mörder geht um in der US-Stadt Atlanta. Er rammt seinen völlig überraschten Opfern ein spitzes Eisen in den Nacken. Sie sterben sofort und schmerzlos. Trotzdem wollen FBI-Agent Joe Merriweather und seinen Kollegin, die Psychologin Dr. Katherine Cowles, den Täter endlich fangen, der jedoch keinerlei Indizien aber stattdessen kryptische Botschaften hinterlässt.

In seiner Not wendet sich Merriweather an seinen alten Freund und Ex-Kollegen Dr. John Clancy, der über das „Zweite Gesicht“ verfügt und Spuren nicht nur deuten, sondern sogar ‚sehen‘ kann, was sich ereignet hat. Nach dem Krebstod seiner einzigen Tochter zog sich Clancy allerdings ins Privatleben zurück; selbst Gattin Elizabeth hat ihn verlassen.

Es ist die skeptische Cowles, die Clancy zur Mitarbeit bewegen kann, da sie ihn an Tochter Emma erinnert. Der Seher besucht die bisher bekannten Tatorte und kann die Rätselschriften des Täters entschlüsseln: Dieser wusste schon lange vor Clancys Auftritt, dass dieser an den Ermittlungen teilnehmen würde. Daraus folgert er, dass es sich bei dem Mörder ebenfalls um einen Seher handelt – einen Seher freilich, der deutlich begabter ist als Clancy.

Wie jagt man jemanden, der jeden Schritt seiner Verfolger bereits kennt? Clancy will aufgeben, doch der Mörder lässt das nicht zu: Er sucht nach einem Menschen, der wie er von seinem übersinnlichen Talent gleichermaßen profitiert wie gequält wird. Deshalb manipuliert er die Fahndung und nimmt schließlich Kontakt zu Clancy auf, um sich ihm zu offenbaren: Charles Ambrose weiß, dass er nicht verhindern kann, dass man seine Identität aufdecken wird. Deshalb sucht er nach einem Nachfolger, der seine ‚Mission‘ übernehmen soll. Seine Wahl fiel auf Clancy, der nun versucht, das von Ambrose bereits organsierte und tödliche Finale zu verhindern …

Unter einem schlechten Stern

„Solace“ besitzt eine Vorgeschichte, die bereits 1995 beginnt. Damals inszenierte Regisseur David Fincher den inhaltlich wie formal überragenden Thriller „Seven“ (dt. „Sieben“) mit Morgan Freeman, Brad Pitt und Kevin Spacey in den Hauptrollen. Der Film war ungemein erfolgreich und wurde Vorbild für viele ähnlich gestrickte Killer-Storys. Selbstverständlich plante Hollywood eine Fortsetzung, die ebenfalls Fincher in Szene setzen sollte. Doch diesem missfiel die Idee und ganz besonders der Plan, dem Detektiv Somerset (Freeman) dieses Mal ein übernatürliches Talent aufzuprägen. Die Fortsetzung kam deshalb (glücklicherweise) nie zustande, und das Skript versank in Hollywoods „development hell“, in der Drehbücher schmoren, die man weder vergessen noch realisieren will.

Erst anderthalb Jahrzehnte später kam erneut Bewegung in die „Solace“-Sache: Anthony Hopkins fand Gefallen an dem Skript. Ungeachtet seines Alters gehört er zu den Filmstars der A-Kategorie. Sein Name lockt zahlendes Publikum an, weshalb „Solace“ nun doch vor die Kamera kam. Hopkins übernahm die Hauptrolle und wurde zudem „Ausführender Produzent“ – in der Regel ein klangvoller aber bedeutungsloser Ehrentitel – genannt.

Hopkins, der Star, ist aber auch Hopkins, der Schauspieler, der als solcher bereit ist, Neues auszuprobieren. Hier war es der Regisseur, der nicht nur ihn aufhorchen ließ: Afonso Poyart hatte 2012 in seinem Heimatland Brasilien den Spielfilm „2 Coelhos“ gedreht und damit für Aufsehen gesorgt. Immer auf der Suche nach jungen Talenten, die sich ausnutzen lassen, lockte Hollywood Poyart in die USA. Da der Regisseur durchaus daran interessiert war, einen gut finanzierten und besetzten Film zu drehen, der ihm außerdem ein Publikum außerhalb Lateinamerikas garantierte, tappte Poyart in die Falle bzw. biss in den sauren Apfel, als man ihm das mehr als gut abgehangene Drehbuch zu „Solace“ in die Hände drückte.

Über die Qualität des Ergebnisses wird gleich zu sprechen sein. Poyart stellte „Solace“ bereits 2013 fertig – und wartete darauf, dass der Film in die Kinos kam. Doch die Verleihfirma ging Pleite, und neue Interessanten standen keineswegs Schlange. Erst 2015 wurde „Solace“ tatsächlich ausgewertet (und spielte sogar Geld ein). Da war der frustrierte Poyart längst zurück in Brasilien und drehte einen neuen Film.

Gerade noch einmal gut gegangen

Man möchte gern die ungünstigen Verhältnisse als Erklärung für das Ergebnis anführen, würde damit jedoch das Klischee vom Moloch Hollywood ein wenig überfüttern. Tatsächlich ist „Die Vorsehung“ – so der korrekte aber wenig aussagekräftige deutsche Titel – in keiner Weise schlecht geraten. Stattdessen zeigt sich Hollywood zumindest von seiner professionellen Seite positiv. Vor und hinter der Kamera wird saubere Arbeit geleistet. „Die Vorsehung“ ist kein hochbudgetierter Film, doch ärmlich ging es nicht zu. Das ist durchaus ein Pluspunkt, denn selbst ein mittelmäßiger Streifen kann (besser) unterhalten, wenn er ansehnlich geraten ist.

„Mittelmaß“ ist heutzutage ohnehin ein Begriff, der vor allem negativ bewertet wird. Dabei werden wir Zuschauer mit einem multimedialen Angebot konfrontiert, das mehrheitlich sogar den Nullpunkt möglicher Unterhaltung unterschreitet. Wenn man Poyart, seinen Drehbuchautoren oder gar den Schauspielern einen Vorwurf machen möchte, so müsste sich dieser gegen die absolute Abwesenheit neuer Ideen und Originalität richten. „Die Vorsehung“ ist ein Film, der selbst den nur bedingt filmhistorisch gebildeten Zuschauer niemals überraschen dürfte. Jede Ereigniswendung ist bekannt und wird mit traumwandlerischer Sicherheit realisiert. Auch formal bleibt Poyart im Rahmen des Bekannten; Clancys Visionen beschränken sich meist auf kurze, blitzartig hintereinander geschnittene Szenen, die später in die Handlung einfließen.

Sogar eine Auto-Verfolgungsjagd gab das Budget her; man darf hier keine Über-Action à la Michael Bay erwarten, die ohnehin nicht der Handlung entspräche. Diese Szenen funktionieren und beschränken sich nicht auf die obligatorischen umgefahrenen Mülltonnen. Auch sonst geben die Kulissen der Kamera Raum; die Geschehnisse spielen sich nicht auf engem Raum ab. Die Spezialeffekte sind moderat und werden durch bewährtes, keineswegs altmodisches Film-Handwerk ersetzt. Da man „Die Vorsehung“ nicht als global einzusetzender Blockbuster plante, war es sogar möglich, das (quasi) schauspielernde Model Luisa Moraes hüllenlos auftreten zu lassen.

Ungeachtet der eingefahrenen Handlungsgleise treibt Poyart die Ereignisse zügig voran. Natürlich gibt es retardierende Momente, in denen ‚Gefühle‘ transportiert werden sollen. Man muss diesen Begriff in Anführungsstriche setzen, weil auch und gerade hier das Klischee nicht nur präsent ist, sondern tyrannisch regiert. Nicht gerade ein Feuerwerk brennt Poyart dann im Finale ab, das erst durch einen hollywoodtypischen Twist in letzter Sekunde relativiert und ein wenig aufgewertet wird.

Schichtarbeit in Hollywood

Die Mehrzahl derer, die als Schauspieler ihren Lebensunterhalt verdienen, kann und darf nicht wählerisch sein. Ein Film wie „Die Vorsehung“ sorgt für Lohn & Brot, ohne besondere Herausforderungen zu stellen. Anthony Hopkins sah dies entweder anders, oder er gab wieder einmal seiner auch im Alter ungebrochenen Lust zum Schauspiel nach. Der Blick auf die Liste der Filme, in denen er mitgewirkt hat, belegt seinen Mut zum Risiko, der manchmal auch in Betriebsblindheit umschlagen kann: Hopkins, der nicht nur als Hannibal Lecter brillierte, hat kein Problem damit, Geld zu verdienen, indem er seine Haut zu Markte trägt. So mimt er den Odin in diversen Marvel-Radau-Blockbustern im Schlaf, um dann wieder in ‚kleinen‘ Produktionen seine Kunst zu demonstrieren.

Auch „Die Vorsehung“ ist ein Hopkins-Heimspiel. Er gibt hier einen ‚guten‘ Lecter, könnte man sagen, doch das ist eben auch ein Indiz dafür, dass Hopkins einer Rolle Leben einzuhauchen vermag, selbst wenn diese nur vom Drehbuch behauptete Ecken und -Kanten aufweist. Ohne ihn wäre „Die Vorsehung“ verloren. Colin Farrell, der ebenfalls Talent und Star-Appeal einbringt, taucht erst nach 70 Minuten auf und scheint dann primär damit beschäftigt zu sein, seine Abwesenheit nachzuholen, indem er mimisch Vollgas gibt. Wesentlich besser schlägt sich Jeffrey Dean Morgan, während Abbie Cornish in die typische Rolle der modernen Power-Frau gedrängt wird, der kleine Psycho-Risse und eine tragische Vorgeschichte Gestalt verleihen sollen, ohne dass dies für die Handlung wirklich relevant wäre.

Das Finale ist gleichermaßen dramatisch wie routiniert. Den Zuschauer bleibt emotional unberührt; zu viele Filme endeten bereits wie dieser. Daran ändert auch der erwartete Schlusstwist nichts; kaum ein Film verzichtet heutzutage auf ihn. Meist droht er Übles an – eine Fortsetzung schlimmstenfalls -, doch hier ist die ‚Überraschung‘ einfach zu dünn, um für eine schockierende Neubewertung des gerade Gesehenen zu sorgen. Stattdessen fühlt man sich leidlich unterhalten. Noch ein Vorteil: Im Hirn löst sich die Erinnerung an „Die Vorsehung“ binnen kurzer Zeit rückstandsfrei auf und gibt Platz frei für womöglich speicherungsrelevantere Informationen.

DVD-Features

Wieder einmal wird kaum verkappte Werbung als „Extra“ präsentiert. 14 Minuten erklären Anthony Hopkins, Colin Farrell, Jeffrey Dean Morgan, Abbie Cornish, Alfonso Poyard und Produzent Thomas Augsberger, wieso „Die Vorsehung“ einer der besten Filme ist, die je gedreht wurden. Alle hatten sich vor und hinter der Kamera lieb, weshalb diese ‚Interviews‘ problemlos ignoriert werden können. Freuen wir uns deshalb über die Bild- und Tonqualität der deutschen Fassung. Auch hier sorgten die Namen Hopkins und Farrell dafür, dass echte Synchronsprecher beschäftigt wurden, während die viel zu üblich gewordenen Stammel-Zombies ihr Unwesen in anderen Filmen treiben mussten; wir werden sie (leider) wieder hören!

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Die Vorsehung
Originaltitel: Solace (USA 2013/15)
Regie: Afonso Poyart
Drehbuch: Sean Bailey u. Ted Griffin
Kamera: Brendan Galvin
Schnitt: Lucas Gonzaga
Musik: Brian Transeau
Darsteller: Anthony Hopkins (Dr. John Clancy), Abbie Cornish (Dr. Katherine Cowles), Jeffrey Dean Morgan (Joe Merriweather), Colin Farrell (Charles Ambrose), Marley Shelton (Laura Merriwether), Xander Berkeley (Mr. Ellis), Sharon Lawrence (Mrs. Ellis), Luisa Moraes (Victoria Raymond), Kenny Johnson (David Raymond), Autumn Dial (Emma Clancy), Janine Turner (Elizabeth Clancy) u. a.
Label/Vertrieb: Concorde Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 19.05.2016
EAN: 4010324201683 (DVD)/4010324041043 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 98 min. (Blu-ray: 102 min.)
FSK: 16

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