Missing – Terror at 35.000 Feet

Originaltitel: Chariot (USA 2013)
Regie u. Schnitt: Brad Osborne
Drehbuch: Eric Vale
Kamera: Christopher Kingsley
Musik: John Roome
Darsteller: Anthony Montgomery (Cole), Ian Sinclair (Aden), Brina Palencia (Emily), Michelle Sherrill (Genevieve), Leslie Hippensteel (Belinda), Joe Nemmers (Michael), David DeLao (Ra), Larry Jack Dotson (Collins), J. Taylor (Moss), Frederic Doss (Boyd) u. a.
Label: Mad Dimension
Vertrieb: Alive
Erscheinungsdatum: 25.09.2015
EAN: 4260336460909 (DVD)/4260336460916 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min. (Blu-ray: 91 min)
FSK: 12

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Das geschieht:

In einer hoch über den Wolken fliegenden Verkehrsmaschine erwachen sieben Menschen ohne Erinnerung daran, wie sie an Bord gelangt sind. Außer ihnen sind nur die beiden Piloten im Flugzeug, doch die haben sich in ihrem Cockpit verbarrikadiert und reagieren nicht auf Bitten oder Forderungen, die Tür zu öffnen.

Die vier Männer und drei Frauen stammen aus verschiedenen Regionen der USA und könnten auch bezüglich ihrer Herkunft kaum unterschiedlicher sein: Cole ist ein beruflich und privat gescheiterter Truckfahrer, Michael der US-Verkehrsminister. Auch eine Studentin, eine Hausfrau, ein IT-Spezialist, ein Spezialist für arabische Sprachen und eine Angestellte des Heimatschutzes können sich keinen Reim auf ihre offensichtliche Entführung machen.

Ein ‚zufällig‘ entdecktes Handy enthüllt ein Schreckensszenario: Die USA wurden von einer feindlichen Macht mit Atomwaffen angegriffen. Viele Großstädte sind zerstört, das Land versinkt im Chaos. Dann meldet sich ein hochrangiger Militär und ‚erklärt‘ die Lage: Das Flugzeug sollte eigentlich mit hochrangigen Mitgliedern der Regierung besetzt sein, die man vor der Katastrophe in Sicherheit bringen wollte. Niemand weiß, was schiefgelaufen ist; die Gruppe ist auf sich gestellt. Auf eine sichere Landung darf sie nicht hoffen: Der Ziel-Flugplatz existiert nicht mehr.

Dummerweise haben die Piloten strikte Anweisung, sich nicht von ihrem Kurs abbringen zu lassen. Jeglicher Kontakt mit der Besatzung ist ihnen verboten, etwaige Versuche, das Cockpit zu stürmen, wird man mit Waffengewalt verhindern. Nichtsdestotrotz bleibt der Gruppe nur die Möglichkeit, die Maschine zu übernehmen. Man bemüht sich zu improvisieren, um die Piloten aus dem Cockpit zu locken. Dass man sich untereinander keineswegs einig ist, verschärft die Probleme. Noch gravierender ist allerdings die Erkenntnis, dass einige Mitglieder der Gruppe mehr wissen, als sie ihren Leidensgenossen gegenüber zugeben wollen …

Isolation mit beschränkter Existenzdauer

Menschen (möglichst) unterschiedlicher Herkunft und Denkweisen werden zu einer Gruppe zusammengewürfelt und in eine feindliche Umgebung versetzt; an Hilfe von außen ist nicht zu denken; man muss sich zusammentun und Lösungen finden: Dieses Szenario ist ebenso alt wie weiterhin spannend, obwohl die Ereignisse, die es auslöst, grundsätzlich bekannt sind.

Selbstverständlich wird man zunächst zu keiner Einigkeit finden, und hat dann das Geschehen irgendwann den gemeinsamen Zug am Strang erzwungen, ist sicher ein Quertreiber anwesend, der seine Kooperation verweigert und die Gruppe durch unbedachtes oder egoistischen Treiben in Gefahr bringt.

Vordergründig geht es um die Situation selbst. Die Umgebung und ihre Gefahren erfordern Strategien und Improvisationen. So etwas zu beobachten ist stets spannend, wenn es dem Drehbuch gelingt, Herausforderung und Lösung in Einklang zu bringen. Je unkonventioneller die Idee, desto interessanter wirkt die Umsetzung. Am Ende steht die Auflösung der Frage, wer die Gruppe weshalb in ihre Lage gebracht hat.

Auch Brad Osborne (Regie) und Eric Vale (Drehbuch) halten sich exakt an diese Vorgaben. Sie versuchen erst gar nicht, dem Planspiel neue und originelle Varianten abzuringen, sondern orientieren sich an einem roten Faden, den sie möglichst straff zu halten versuchen. Erst im letzten Drittel bemühen sie sich um einen hoffentlich überraschenden Twist, und es ist keine Überraschung, dass „Missing“ genau jetzt zu schwächeln beginnt.

Über den Wolken aber ganz sicher nicht frei

Bis es soweit ist, bleibt der Zuschauer angenehm im Ungewissen über die Hintergründe der seltsamen Entführung – oder ist es gar eine Entrückung? Stecken unsere sieben Pechvögel etwa in einem symbolischen Flugzeug, das sie – die womöglich gerade gestorben sind – dem Jenseits = dem Himmel oder (was spannender ist) der Hölle – entgegenträgt?

Da die Handlung irgendwie in Gang geraten und sich entwickeln kann, darf die Isolation nicht perfekt sein. In unserem Fall taucht ein Handy auf, das den Kontakt zur Außenwelt ermöglicht – scheinbar, denn was auf diese Weise in Erfahrung gebracht wird, ist nicht nur schockierend, sondern wird von den zu kritischem Denken fähigen Mitgliedern der Gruppe in Frage gestellt: Die Fälschung vorgeblich wahrer Nachrichten war nie einfacher als heute. Bildern darf und sollte man nicht unbedingt trauen.

In der beschriebenen Lage ist diese Erkenntnis freilich kein Trost. Es fehlen Fakten, anhand derer man Realität oder Täuschung fixieren könnte. Insofern steigt die Irritation. Nicht einmal der Blick auf den vermeintlich in Flammen stehende US-Erdboden ist möglich, da die Maschine hoch über den Wolken schwebt. Dass ein hochrangiger Militär mit sonorer Stimme Informationen liefert, bietet keinen Trost: „Missing“ ist ein Film des fortgeschrittenen 21. Jahrhunderts. Spätestens nach dem 11. September 2001 ist der Glaube an eine Regierung, die mit Unterstützung des Militärs nur das Gute für ihre Bürger will, deutlich geschwunden. Zu zahlreich sind die Belege dafür, dass vor allem (aber nicht nur) die US-Regierung unter dem Vorwand, potenzielle „Terroristen“ zu entlarven, Bürger und Verbündete bespitzelt, belügt und bedroht.

Die Angst vor der eigenen Regierung

Misstrauen und Angst haben das lange auch in Film und Fernsehen dominierende Vertrauen in eine Staatsführung, die nur die Strolche züchtigt, längst ersetzt. Osborne und Vale sind konsequent in einer Darstellung, die das Verhalten der auf sich gestellten Gruppe von Anfang an bestimmt: Sie haben längst verinnerlicht, dass sie betrogen werden, und sie liegen völlig richtig damit.

„Chariot“ lautet der Originaltitel dieses Film, der hierzulande den Sinnlos-Titel „Missing“ sowie den marktschreierischen Dumm-Untertitel „Terror at 35.000 Feet“ erhielt. Schon bevor die Handlung einsetzt, weist eine (fiktive) Texteinblendung die Zuschauer darauf hin, dass sie nun Zeugen eines gescheiterten Experiments werden. Osborne weist auf diese Weise darauf hin, dass nicht übernatürliche Kräfte für die folgende Geschichte verantwortlich sind.

Hier findet ein perverser Feldversuch statt. Die Story lässt schon früh keinen Zweifel daran zu, denn mehr als ein Mitglied der Gruppe hat Entscheidendes zu verbergen. Doch was ist wirklich ‚wahr‘? Immer wieder kippen Deutung und Stimmung, zumal die Zeit für die unfreiwillige Besatzung abläuft: Jedem Flugzeug geht der Sprit aus, und eine Landung während des noch andauernden III. Weltkriegs ist ebenfalls lebensgefährlich.

Alternativlos spitzen sich die Ereignisse auf einen Sturm auf das Cockpit zu. Ebenfalls als Folge von 9/11 ist dies ein Todeskommando, denn die Piloten eines Verkehrsflugzeuges müssen sich heutzutage in ihrem Cockpit wie in einer Festung verrammeln. Die Folgen sind nachhaltig: Im März 2015 ließ ein psychisch kranker Pilot eine Maschine mit 150 Insassen in den südfranzösischen Alpen abstürzen; Versuche, ihn aus dem gesicherten Cockpit zu holen, blieben erfolglos. „Missing“ entstand deutlich früher und nahm die Ereignisse quasi vorweg.

Wie man sparsam Angst erzeugt

„Missing“ ist eine „Low-Budget“-Produktion im buchstäblichen Sinn dieser Bezeichnung: Angeblich standen für die Dreharbeiten nur 42000 Dollar zur Verfügung. Sie wurden auch deshalb binnen zwölf Tagen abgeschlossen. Dass Geld knapp war, lässt sich durchaus erkennen. So spielt sich die Handlung ausschließlich im Inneren einer bereits baujahralten und deshalb vermutlich auf dem Schrottplatz stehenden Boeing 727 ab. (Autor Vale verknüpft übrigens Realhistorie und Fiktion, denn im Mai 2003 wurde tatsächlich eine Maschine dieser Baureihe im afrikanischen Angola gestohlen und tauchte trotz weltweiter Suche nie wieder auf.) Es gibt keinerlei Außenaufnahmen; die Kamera verlässt das Flugzeug niemals – aus Kostengründen, weil für Spezialeffekte kein Budget existierte. Gleichzeitig unterstreicht dies das Element des Ausgeliefertseins und identifiziert mit den Entführten, die ebenfalls nicht wissen, wo sie sind.

Die Darsteller dürften nur mit Als-ob-Honoraren abgefunden worden sein. Bekannte Namen findet man deshalb nicht unter ihnen, was allerdings nicht heißt, dass hier Laien-Mimen oder verzweifelte Ex-Schauspieler ihr Glück versuchen. Oscarreife Leistungen dürfte ohnehin niemand erwartet haben. Stattdessen gibt es solides Handwerk (was in der deutschen Version sogar durch Synchronsprecher unterstützt wird, die ihren Namen verdienen). Als vom Leben gebeutelter Cole sammelt vor allem Anthony Montgomery durch betonten Drückverzicht auf die Tränendrüse Sympathiepunkte.

„Missing“ bleibt ein Kammerspiel. Echte ‚Action‘ bleibt die Ausnahme. Primär wird geredet, intrigiert, gelogen, entlarvt. Das kann bekanntlich ebenso spannend sein. Hier halten Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller die Story am Laufen, obwohl durchaus Längen spürbar werden. Nicht der Geldmangel wird jedoch zum Problem. Die Auflösung der Story bietet keine Überraschung. Sobald das Rätsel verfliegt, verflüchtigt sich leider auch die Ambivalenz des Geschehens. Vale und Osborne wollen sie durch reine Spannungselemente ersetzen, doch da sich entscheidende Ereignisse nunmehr außerhalb des Flugzeuges abspielen, will sich die daraus resultierende Dramatik nicht wirklich mitteilen.

Das Ende versöhnt ein wenig mit diesem Aktionismus. Es bleibt offen, lässt aber über den Ausgang der Ereignisse keine Fragen offen. „Missing“ ist ein Experiment, das Sachen in Sparsamkeit bzw. Handlungseffizienz gelungen ist, ohne deshalb ein Meisterwerk zu sein. Knapp anderthalb Stunden ruhige aber weitgehend stabile Unterhaltung ist nicht der übelste Ersatz dafür.

DVD-Features

Zum Hauptfilm gibt es keinerlei Extras.

Kurzinfo für Ungeduldige: Sieben Personen wachen ohne Erinnerung an Bord eines alten Verkehrsflugzeugs auf. Verzweifelt versuchen sie, Klarheit über ihre Lage zu gewinnen, während die Welt unter ihnen im atomaren Feuer zu vergehen scheint … – Auf die Grundidee reduzierter, praktisch ohne Budget entstandener Thriller, der die Ratlosigkeit der Passagiere recht spannend in Szene setzt, ohne eine wirklich überraschende Finalidee bieten zu können: leidlich unterhaltsam.

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