Stonehearst Asylum
Diese Mauern wirst du nie verlassen

Originaltitel: Stonehearst Asylum (USA 2014)
Regie: Brad Anderson
Drehbuch: Joe Gangemi (nach einer Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe)
Kamera: Tom Yatsko
Schnitt: Brian Gates
Musik: John Debney
Darsteller: Jim Sturgess (Edward Newgate), Ben Kingsley (Dr. Silas Lamb), Kate Beckinsale (Eliza Graves), David Thewlis (Mickey Finn), Michael Caine (Dr. Benjamin Salt), Brendan Gleeson (Irrenarzt), Sinéad Cusack (Mrs. Pike), Sophie Kennedy Clark (Millie), Christopher Fulford (Paxton), Jason Flemyng (Swanwick), Guillaume Delaunay (Arthur Timbs) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 30.01.2015
EAN: 0888750283191 (DVD)/0888750283290 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 108 min. (Blu-ray: 112 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Am Allerheiligentag des Jahres 1899 stellt sich Dr. Edward Newgate in der Irrenanstalt Stonehearst Asylum vor. Der junge Mann will praktische Erfahrungen als Nervenarzt sammeln. Dr. Silas Lamb, der Leiter der Einrichtung, nimmt Newgate freundlich auf; er sieht in ihm den Vertreter einer Generation, die Geisteskranke nicht mehr als „Irre“ behandeln, d. h. wegsperren und zur ‚Normalität‘ zwingen, sondern ihnen ehrlich helfen will.

Für Irritationen sorgen der dreiste Hausmeister Mickey Finn und die schöne Lady Eliza Graves, die ihr Vater als „sexuelle Hysterikerin“ einliefern ließ. Eliza warnt Edward und fordert ihn zur sofortigen Flucht auf. Was sie nur andeuten konnte, findet er in einer der folgenden Nächte selbst heraus, als seltsame Klopfgeräusche ihn in den Heizungskeller locken: Dort sitzen in Zellen Dr. Benjamin Salt, der echte Leiter des Stonehearst Asylum, seine Ärzte und die Krankenschwestern gefangen!

Sie wurden Opfer des ebenso genialen wie wahnsinnigen Lamb, der sich als ehemaliger Militärarzt entpuppt, der mehrere kriegsverletzte Soldaten mit seinem Dienstrevolver ‚erlöste‘. Lamb ist nach seiner Einweisung zu einem erbitterten Gegner der zeitgenössischen ‚Heilmethoden‘ geworden, die eher einem ratlosen Herumexperimentieren gleichen und auf die Würde der Kranken keinerlei Rücksicht nehmen.

Nun steckt Edward in Lebensgefahr, denn sollte jemand merken, dass er über die Vorgänge in Stonehearst Asylum informiert ist, wird man ihn ebenso ausschalten wie jene Gefangenen, denen kurzfristig die Flucht aus dem Keller gelang. Ohnehin läuft die Zeit ab, denn für das neue Jahr hat sich Lamb vorgenommen, seine Gefangenen mit Elektroschocks zu traktieren, um sie so zum Schweigen zu bringen. Nur Eliza steht auf Edwards Seite, aber sie ist unentschlossen, und in jedem Winkel lauert Mickey Finn …

Eine uralte Frage

1845 erschien in der November-Ausgabe von „Graham’s Magazine“ eine kurze Geschichte des Schriftstellers Edgar Allan Poe (1809-1849), die den Titel „The System of Doctor Tarr and Professor Fether“ (dt. „Das System des Dr. Teer und Prof. Feder“) trug: Ein (namenloser) Reisender besucht ein südfranzösisches Irrenhaus und stellt irritiert fest, dass die Insassen über erstaunliche Freiheiten verfügen sowie ungewöhnlich nachsichtig behandelt werden. Anstaltsleiter Maillard setzt ihn über das fortschrittliche Behandlungskonzept der Doktoren Teer und Feder in Kenntnis. Dann kehrt Maillard in seine Zelle zurück: Er ist selbst Patient und war vor Monaten Rädelsführer einer Revolte, deren Teilnehmer in der Anstalt die Macht übernahmen und die Ärzte gefangen setzten.

„Das System …“ ist eine ironische Humoreske, die einerseits eine zeitgenössische Problematik auf- und angriff sowie sich andererseits um diese uralte Frage rankte: Was ist eigentlich Wahnsinn? Oder anders gefragt: Können diejenigen, die wir „wahnsinnig“ nennen, womöglich in einen Bereich der Realität blicken, der uns ‚Normalen‘ verschlossen bleibt?

Selbst falls dem nicht so ist, gibt es keinen Grund, „Wahnsinnige“ anders bzw. schlechter als andere kranke Menschen zu behandeln. Genau dies geschah jedoch zu der Zeit, als Poe seine Geschichte schrieb. „Geisteskrankheit“ war ein freundlicher Euphemismus; die mental gesunde Mehrheit bevorzugte die Bezeichnung „Irrsinn“. Eine geistige Störung galt als Makel und Schande. Entsprechend wurden die Kranken behandelt oder besser: traktiert. Man sperrte sie ein, isolierte sie von ihren schockierten und peinlich berührten Angehörigen. Noch ohne Kenntnis jener biochemischen Prozesse, die das Hirn für das Irrationale empfänglich machen, konnten keine Medikamente zur Heilung oder wenigstens Linderung entwickelt werden. Stattdessen wollte man die „Irren“ durch Zwang ruhigstellen und in die ‚normale‘ Gesellschaft zurückführen. Sie wurden nicht geheilt; sie sollten funktionieren.

In mehreren eindrucksvollen Szenen zeigt Regisseur Brad Anderson die Folgen: Eliza Graves wird kaum bekleidet von einem Medizinprofessor versammelten Studenten vorgeführt und demonstrativ in „sexuelle Hysterie“ versetzt. Später sieht man den honorigen Dr. Salt, der die ihm anvertrauten Patienten „brechen“ und zu „neuen“ Menschen wiederaufbauen will, indem er sie mit eiskaltem Wasser übergießen oder im Schleuderstuhl in rasende Drehungen versetzen lässt.

Am Morgen einer neuen Zeit

„Stonehearst Asylum“ erzählt eine Geschichte, die sich zahlreicher Symbole bedient. Bereits der Handlungszeitpunkt ist wichtig. Drehbuchautor James Gangemi verlegt die Ereignisse in die letzten Tage des Jahres 1899. Mehrfach wird darauf hingewiesen, dass ein neues Jahrhundert bevorsteht. Gemeint ist nicht nur das Jahr 1900. Hinter der Aussage steht vor allem die Erwartung, dass nicht nur die Technik, sondern auch die Medizin rasante Fortschritte machen wird.

Bis ins 19. Jahrhundert war das Mittelalter noch stark präsent. Erst die Industrialisierung hatte einen rasanten Fortschritt in Gang gesetzt, dem die gesellschaftliche Entwicklung hinterherhinkte. Zu den (durchaus erkannten) Mängeln gehörte die ‚Behandlung‘ von Geisteskranken, doch man begann auch hier zu lernen. Erwähnt werden im Film erste Erfolge „europäischer Forscher“, womit Pioniere wie Jean-Martin Charcot (1825-1893), Georges Gilles de la Tourette (1857-1904) oder Sigmund Freud (1856-1939) gemeint sind. Sie und ihre Schüler bestimmten die Zukunft der Nervenheilkunde, doch bis dahin waren Altlasten und Vorurteile auszuräumen, mit denen sich Edward Newgate stellvertretend konfrontiert sieht.

Zu den positiven Aspekten von „Stonehearst Asylum“ gehört die Gegenüberstellung des Regimes, das Lamb und die „Irren“ ausüben, mit den Asyl-Alltag unter Dr. Salt: Der Unterschied ist unbehaglich gering. Lamb ist gegen das Klischee nicht der Retter, der die geknechteten Insassen in eine bessere Zukunft führt. Dies kann gar nicht gelingen, da das von Lamb geschaffene System instabil ist: Es ruht auf buchstäblich ungesundem Fundament und muss deshalb zusammenbrechen. Doch Salt ist keine echte Alternative. Er will eher reparieren als heilen. Der menschliche Faktor ist kein Teil der medizinischen Arbeit; den Kranken wird ihre Menschlichkeit ohnehin abgesprochen. Stonehearst Asylum war unter Salt eine Stätte ohne Hoffnung. Unter Lamb wird die Unmenschlichkeit höchstens unverhohlener. Das düstere, in unwirtlicher, zusätzlich winterkahler und -kalter Landschaft aufragende, von einer hohen Mauer umgebene Asyl spiegelt auf den ersten Blick wider, wie es im Inneren zugeht.

Newgate – der Name ist ebenfalls wichtig; übersetzt bedeutet er „neues Tor“ – erkennt das Problem genau, weshalb er zögert, Salt und die ‚richtigen‘ Ärzte und Schwestern zu befreien: Die Restaurierung der offiziellen Führung würde den Status Quo mit allen seinen Fehlern und Ungerechtigkeiten wiederherstellen – eine ‚Lösung‘, die nicht in Newgates Sinn ist. Nur: Was soll er stattdessen tun?

Mehr als das Halbe, weniges als das Ganze

Auf diese spannende Frage bzw. die daraus resultierenden Folgen könnte sich die Handlung konzentrieren. Immer wieder tut sie es auch, verliert sich dann jedoch in Nebenbei-Geschehnissen, die meist hübsch anzuschauen sind, aber oft genug nur Klischeestroh dreschen. „Stonehearst Asylum“ ist in gewisser Weise eine Enttäuschung. Liegt es daran, dass der Film bzw. sein Drehbuch 15 Jahre in der „development hell“ schmorte, bevor er realisiert wurde? Poe wusste gut, wieso er seine Story kurz hielt. Gangemi und Anderson dehnen sie auf beinahe zwei Stunden. Dafür ist sie nicht stabil und gehaltvoll genug, weshalb Gangemi sie mit eigenen Ergänzungen versieht: Nicht nur Lamb, sondern auch Newgate ist nicht der, als der er sich ausgibt.

Hinzu kommen Verfolgungsjagden, Versteckspiele und Faustkämpfe. Abgerundet wird das Ganze durch „gotische“ Schauwerte: „Stonehearst Asylum“ ist ein klassisches Gruselhaus. Hier spukt es zwar nicht, aber es gibt doppelte Böden, Geheimkammern, labyrinthische Gänge sowie Geisteskranke, die eben doch vor allem schauerliche „Irre“ sind; ‚normale‘ und deshalb ‚langweilige‘ Patienten bleiben höchstens Statisten. Lieber präsentiert Anderson uns Adelige, die sich für ein Pferd halten, einen Transvestiten, einen riesenhaften „Oger“ oder andere Freaks.

Weiterhin gibt es selbstverständlich eine Liebesgeschichte. Ursprünglich hieß dieser Film sogar „Eliza Graves“, doch man besann sich rechtzeitig und stellte lieber den Ort des Geschehens in das Titelzentrum. In der Tat  fällt es schwer zu benennen, was diese Eliza Graves in den Mittelpunkt der Handlung stellen könnte. Sie ist eine schöne Frau in Not. Darüber hinaus bleibt diese Rolle jedoch profilschwach und Kate Beckinsale einmal mehr unterfordert.

Gruselgarn mit entsprechenden Spinnern

Ähnlich im Stich gelassen wurde Jim Sturgess. Edward Newgate ist keine Identifikationsfigur. Ecken und Kanten, die seine Persönlichkeit aufweisen soll, werden behauptet aber nicht verkörpert. Die nachträgliche Enthüllung einer (mindestens) doppelten Identität bietet keine Überraschung, weil sie als solche allzu deutlich gedacht ist. Dem folgt ein ebenfalls zweifaches Happy-End, das den düsteren Unterton der Story Lügen straft.

Ben Kingsley ist zwar ein ausgezeichneter Silas Lamb. Nichtsdestotrotz liefert er nur darstellerische Routine. Lamb wirkt wie ein Vorgänger von Dr. Cawley, den Kingsley in Martin Scorseses „Shutter Island“ 2010 spielte. Darüber hinaus gibt Kingsley oft den distinguierten Kopfmenschen mit dunklen Seiten. Als solchen kennt und schätzt man ihn, als solcher wird er deshalb gern besetzt.

Genauso ergeht es Michael Caine, der seine Rente mit gut bezahlten Nebenrollen aufbessert. Hier hockt er meist hinter Gittern, liegt auf einem Behandlungstisch und sitzt schließlich an einem Tisch, was sicher auch seinem Alter geschuldet ist. Faktisch könnte jeder ältere Schauspieler mit Bart seine Rolle spielen, doch als Altstar und Oscar-Preisträger adelt Sir Michael – der nie vor mediokren Streifen zurückschreckte – ein Filmprojekt.

Die übrigen Darsteller erledigen ihren Job, ohne dabei – außer David Thewlis, der als schuftiger Mickey Finn sehr dick aufträgt – positiv oder negativ aufzufallen. Sie bewegen sich in eindrucksvollen Kulissen. „Stonehearst Asylum“ entstand u. a. in Bulgarien, „where they could get the most bang for their buck“, wie Regisseur Anderson es selbst in einem Interview mit dem Film-Magazin „Fangoria“ ausdrückte (vgl. http://www.fangoria.com/new/qa-director-brad-anderson-talks-his-poe-picture-stonehearst-asylum/). Auf diese Weise konnte er seine Vorstellung umsetzen, das 19. Jahrhundert im Stil der klassischen „Hammer“-Horrorfilme auferstehen zu lassen: pompös bis übertrieben und dekadent.

An Schauwerten mangelt es „Stonehearst Asylum“ also nicht. Dennoch bleibt der Film ein gemächliches „period drama“, in dem sich der Funke des „gotischen“ Grusels einfach nicht zu einem feurigen Spektakel anfachen lassen will. Wer es gern spannungsruhiger angehen lässt und Überraschungen hasst, wird auf seine Kosten kommen. Der Gedanke, dass dem ganzen Aufwand vergleichsweise wenig Substanz gegenübersteht, ist trotzdem schwer zu unterdrücken.

DVD-Features

Die ‚Extras‘ beschränken sich auf den Trailer, was für einen Film dieser Größenordnung erbärmlich ist!

Kurzinfo für Ungeduldige: In einer abgelegenen Irrenanstalt muss 1899 ein junger Neu-Arzt feststellen, dass die Insassen die Herrschaft übernommen haben; sein Leben hängt nun davon ab, dass diese Entdeckung unbemerkt bleibt … – „Gothic Horror“ nach einer Story von Edgar Allan Poe; ausgezeichnet besetzt, erlesen ausgestattet und unterhaltsam, ohne jedoch jemals über gepflegten Schauder hinauszukommen: Funken sprüht hier nur das Gerät für die Elektroschock-Therapie.

[md]

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