Die Welt wird von pilzgesteuerten Untoten beherrscht. Die wenigen Überlebenden suchen nach einem Gegenmittel, das man aus denen Hirnen teilinfizierter Kinder zu gewinnen versucht. Die junge Melanie schlägt sich auf die Seite der Menschen, verfolgt aber heimlich eigene Pläne … – Ungewöhnlicher ‚Horror‘-Film, der die Frage aufwirft, ob der Mensch um jeden Preis überleben darf. Dem philosophischen Unterbau zum Trotz geizt dieser Film nicht mit (einschlägigen) Schauwerten und ist außerdem vorzüglich besetzt: lohnenswert!

Das geschieht:

Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft wurde die Menschheit von einer pilzsporenverursachten Epidemie beinahe ausgelöscht bzw. mehrheitlich in „Hungrys“ verwandelt – faktisch untote Zeitgenossen, in deren Hirnen sich der Pilz eingenistet hat, um sie zu steuern. Die Betroffenen gleichen Zombies, denn ihr einziger ‚Lebensinhalt‘ erschöpft sich in der Jagd auf frisches (Menschen-) Fleisch, während ihre Intelligenz erloschen ist.

In einer Militärbasis nahe London haben sich Überlebende verbarrikadiert. Während man oberirdisch Hungry-Horden abwehrt, wird unterirdisch fieberhaft nach einem Mittel gegen die Pilzinfektion geforscht. Hier herrscht Dr. Caldwell mit harter Hand; sie ist unbarmherzig in ihrem Bemühen, weshalb zahllose Hungrys auf dem Seziertisch ihr ‚Leben‘ aushauchen.

Aktuell beschäftigt sich Caldwell mit einer ganz besonderen Schar von Kindern. Diese wurden noch im Mutterleib infiziert, haben aber ihre Intelligenz behalten – und ihre Gier auf Fleisch. Deshalb werden die Kinder = Versuchskaninchen schwer bewacht und dürfen nur in Rollstühlen gefesselt ihre Zellen verlassen, um an einer Art Schulunterricht teilzunehmen. Lehrerin Helen Justineau fällt es schwer, die nötige Distanz zu den dem Labor-Tod geweihten ‚Schülern‘ zu wahren.

Vor allem die stets freundliche Melanie hat sie ins Herz geschlossen, weshalb sie diese rettet, als die Basis von Hungrys gestürmt wird. Außer Melanie und Helen können nur Sergeant Parks, zwei Kameraden und ausgerechnet Dr. Caldwell entkommen. Man ist in einer feindselig gewordenen Welt gestrandet und muss sich quer durch das von Hungrys bevölkerte London zu einem anderen Stützpunkt durchschlagen. Dabei rauft die Gruppe sich zusammen. Immer wieder rettet Melanie ihre Gefährten. Dennoch vergisst sie keineswegs, dass nach der Rettung Caldwells Skalpell auf sie wartet …

Antike Sage wird untot lebendig

Einst stahl der Titan Prometheus das göttliche Feuer, um es den Menschen zu schenken. Göttervater Zeus bestrafte ihn hart und vergaß auch die Menschen nicht. In seinem Auftrag erschuf Hephaistos, der geprellte Gott des Feuers, eine Frau namens Pandora. Als sie zu den Menschen geschickt wird, trägt sie eine Büchse bei sich, die sämtliche Übel der Welt enthält. Als Pandora sie später öffnet, kommen Krankheit, Tod und Leid über die Menschen.

Während die Büchse der Pandora noch heute sprichwörtlich bekannt ist, geriet in Vergessenheit, dass Pandora von den Göttern zusätzlich mit vielen Gaben – Intelligenz, Talent, Schönheit, Neugier, Mut – ausgestattet wurde. Sie war das erste „girl with all the gifts“. Zu ihr gesellt sich in dieser Geschichte die junge Melanie, die ebenso unschuldig wie gefährlich, liebenswert wie berechnend, naiv wie intelligent und planungstüchtig ist.

Die ‚echten‘ Menschen, unter die sie geraten ist, unterschätzen dieses Mädchen, wobei es gleichgültig bleibt, ob sie Melanie fürchten und hassen oder bemitleiden und lieben. Zwar streut Regisseur McCarthy im Bund mit Drehbuchautor Mike Carey – von dem auch die Romanvorlage für den Film stammt – mehrfach deutliche Hinweise darauf ein, dass Melanie ganz sicher nicht das film- oder fernsehtypische Kind in Not ist und gerettet werden muss, doch letztlich gehen die Zuschauer Melanie ebenso auf den Leim wie die Menschen in ihrer Begleitung.

Wettlauf mit dem (Un-) Tod wird Weg zur Erkenntnis

Die Story ist vor allem Transportriemen für eine Symbolik, die glücklicherweise erst im Finale ein wenig zu deutlich in den Vordergrund tritt. Deshalb muss man Langeweile oder jene redselige Problembewältigung, die sich im Zombie-TV à la „The Walking Dead“ allzu breitgemacht hat, nicht fürchten. Entwicklungen werden nicht endlos diskutiert, sondern fließen in die Handlung ein. Selbst die ausgereizt Zombie-Thematik erfährt ansatzweise neue Aspekte. Die „Hungrys“ sind keine sinnlos umherirrenden Untoten, sondern buchstäblich ‚Sprösslinge‘ einer kollektiven Intelligenz, der sie als Beine, Augen und vor allem Zähne dienen.

Der die Seuche auslösende Pilz kann sich nicht bewegen, und über Intelligenz verfügt er ebenfalls nicht. Hier zeigt sich die Evolution von ihrer dem Menschen (scheinbar) feindlichen Seite: Der Pilz ist schlicht lebenstüchtiger als die angebliche Krone der Schöpfung. Doch auch hier muss man differenzieren. Eine der Fragen, die McCarthy und Carey stellen, wurzelt in einem zum Zeitpunkt des Geschehens längst veränderten Szenario: Die zweite Generation der Hungrys sind Symbionten des Pilzes geworden. Sie können in der ‚neuen‘ Welt problemlos leben. Stellvertretend stellt Melanie deshalb eine einfache, aber logische Frage: Wieso sollen ich und die anderen Hungry-Mensch-Hybriden sterben, um den ‚alten‘ Menschen das Überleben zu sichern? Faktisch hat die Evolution mit der für sie typischen Konsequenz einen neuen Kurs eingeschlagen. Sie bevorzugt dabei weder die Menschen noch die Hybriden. Sollte es ersteren gelingen, ein Gegenmittel zu finden, werden sie die Erde erneut bevölkern. Ansonsten übernehmen die Hybriden.

Es dauert eine Weile, bis der Zuschauer erkennt, dass nicht der übliche Kampf Mensch gegen Monster, sondern ein grundsätzlicher Konflikt ausgefochten wird, in dem beiden Seiten sich nichts schenken. Üblicherweise sind die Menschen die Sympathieträger, während den Zombies die Rolle des (zudem schrecklichen) Bösewichts zugeteilt wird. Zwar gab es bereits Variationen, in denen Zombies ihren Grips behalten. So wirkt „The Girl with All the Gifts“ über weite Strecken wie ein Remake des George-Romero-Klassikers „Day of the Dead“ (1985), in dem ebenfalls existenzielle Fragen gestellt wurden.

Wer sind die Bösen?

Ein Thema stellt jener Zweck dar, der bekanntlich angeblich die Mittel heiligt. McCarthy weckt bereits in den ersten Filmminuten ernste Zweifel. Man sieht Kinder, die gefangen gehalten, mit der Waffe bedroht und beschimpft werden. Dass dies einer Mischung aus Selbstschutz, böser Erfahrung und Angst geschuldet ist, wird erst nach und nach enthüllt. Da haben wir wie Lehrerin Helen Melanie ins Herz geschlossen. Wir hassen Dr. Caldwell und misstrauen Sergeant Parks, die nichts Gutes mit Melanie im Sinn haben.

Während der Flucht verschieben sich die Akzente. Erst Parks und schließlich sogar Caldwell erkennen Melanies Menschlichkeit. Gleichzeitig wird sich Melanie ihrer bewusst. Wie ein ganz normales Kind lässt McCarthy sie neugierig durch leere Wohnung streifen und über eine Welt staunen, die man ihr bisher vorbehielt.

Allerdings kann dieses ‚kindgerechte‘ Handeln von einem zu anderen Moment umschlagen, weil sich Melanies nicht zwangsläufig ‚böse‘, sondern hungry-typische Natur Bahn bricht. So beobachtet Helen einmal gerührt, wie Melanie das Bild einer Katze betrachtet. Sie fragt das Mädchen, ob sie auch eine Katze haben wolle. Die trockene, keineswegs witzig gemeinte Antwort lautet: „Ich hatte heute schon eine.“ Nur die Zuschauer wissen, dass Melanie auf einem Streifzug früher am Tag eine Katze entdeckt, gejagt, gefangen und gefressen hat. „Wir wollen doch alle nur überleben“ – das hat Melanie bald begriffen.

Die Welt wird sich weiterhin drehen

McCarthy und Carey spielen den Prozess dieser Verschiebung konsequent durch. Die genreübliche finale Selbstaufopferung Melanies wird angedacht – und zugunsten einer weitaus logischeren Lösung fallengelassen. Pandora öffnet die Büchse und setzt ihre Gaben ein. Die Folge ist keineswegs das Ende der Welt, sondern eine Fortsetzung unter neuer Regie. Diese Geschichte parallel zur Horror-Handlung zu erzählen, ohne weder die eine noch die andere zu vernachlässigen, ist McCarthys Verdienst. Dabei unterstützt ihn die großartige Besetzung in den vier Hauptrollen. Gleich in ihrem ersten Lang-Spielfilm verinnerlicht Sennia Nanua förmlich ihre schwierige Rolle. Autor Carey hat sie sorgfältig entwickelt, die erst zwölfjährige Schauspielerin hat Glück – oder Pech, denn derartig ausgefeilte Drehbücher sind im Filmgeschäft eher selten, weshalb dem glücklichen Start jenes böse Erwachen folgen könnte, das viele andere, durch eine besondere Rolle geprägte Kinderdarsteller erfahren mussten.

Gemma Arterton spielt (ungeschminkt und kaum erkennbar) glaubhaft die latent undankbare Rolle des Gutmenschen, der den Menschen in Melanie erkennt, aber zu spät begreift, dass er manipuliert wurde. Paddy Considine überzeugt als Hungry-Hasser, der diesen Weg erst finden und gehen muss. Erwartungsgemäß reißt Glenn Close, die man nicht in einem Film wie „The Girl …“ erwartet hätte, die Aufmerksamkeit an sich, sobald sie die Szene betrifft. Kurz- und grauhaarig und ebenfalls make-up-frei wirkt ihr Gesicht wie aus Stein gemeißelt. Caldwells Fanatismus wird begründet, und auf ihre Weise ist sie ungeachtet ihrer unterdrückten Gefühle ebenso kompromisslos wie Melanie.

Dass McCarthy nur über ein Budget von 4 Mio. Pfund verfügte, sieht man dem Film nicht an. Dabei spielt das Geschehen keineswegs ausschließlich kostengünstig im Inneren maroder Gebäude oder Keller. McCarthy zeigt ausführlich die Außenwelt, lässt die Kamera in die Luft steigen und das menschenleere London abbilden, das anhand markanten Ruinen immer noch zu erkennen ist. Die Ruinenstadt (‚gedoubelt‘ u. a. von der aufgegebenen Stadt Prypjat nahe dem Kernkraftwerk Tschernobyl) wirkt keineswegs ‚tot‘, d. h. verrottet, farblos und düster, sondern strotzt vor saftiger Vegetation – die Natur hat sich zurückgeholt, was ihr entrissen wurde.

Zur atmosphärischen Wirkung trägt der Score des chilenischen Komponisten Cristobal Tapia de Veer deutlich bei. Er vermeidet jeglichen Bombast und will auch keine Emotionen herbeizwingen, sondern beschwört musikalisch eine bedrohliche oder besser: für ‚Normalmenschen‘ fremdartige Stimmung herauf. So schließt sich final jener Kreis, den McCarthy und Carey geschaffen haben: Am Ende steht wieder ein Klassenzimmer, aber die Verhältnisse haben sich grundlegend verändert!

DVD-Features

Optisch und akustisch ist „The Girl with All the Gifts“ selbst in der DVD-Fassung eine Augen- und Ohrenweide. Für einen dicken Pluspunkt sorgen die Features, was heutzutage selten vorkommt: Sie bieten jene Hintergrundinformationen, für die sich der Zuschauer interessiert. Vor allem die Interviews mit den Schauspielern, dem Regisseur, dem Drehbuchautor u. a. hinter der Kamera Beteiligten beschränken sich nicht auf die leider üblich gewordene Zusatzwerbung. 80 Minuten (!) dauern sie insgesamt, hinzu kommt ein zwanzigminütiger Blick „Behind the Scenes“ (sowie mehrere Trailer).

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The Girl with All the Gifts
Originaltitel:
The Girl with All the Gifts (USA/GB 2016)
Regie: Colm McCarthy
Drehbuch
: Mike Carey (nach seinem Roman)
Kamera: Simon Dennis
Schnitt
: Matthew Cannings
Musik: Cristobal Tapia de Veer
Darsteller
: Sennia Nanua (Melanie), Paddy Considine (Sgt. Eddie Parks), Gemma Arterton (Helen Justineau), Glenn Close (Dr. Caroline Caldwell), Fisayo Akinade (Kieran Gallagher), Dominique Tipper (Devani), Anamaria Marinca (Dr. Selkirk), Anthony Welsh (Dillon) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 21.06.2017
EAN: 0889854184698 (DVD)/088985418479 (Blu-ray)
Bildformat:
16 : 9 (2,00 : 1, anamorph)
Audio:
Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel:
Deutsch
DVD-Typ:
1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge
: 107 min. (Blu-ray: 112 min.)
FSK: 16

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